647
Tanzen und den neuen Kleidern gemacht. Jetzt braucht er mein Haar, und ich habe keins mehr führ ihn. Was für ein furchtbarer Mißgriff von mir. — Es war so lang und glänzend und wellig, es reichte mir bis über die Kniee. Er braucht es und ich habe keins mehr — nicht einmal soviel, wie die andern Mädchen — und ich hatte doch das schönste! Ach!, wenn es die heilige Jungfrau nur schnell wieder wachsen ließe! Oder wenn ich! in die Erde versinken könnte, ehe er's gewahr wird!"
„Guenn", sagte der Maler ernst aber nicht unfreundlich, „laß jetzt die Kindereien." Rasch trat er hinzu, löste das Band, das ihr mehrmals fest um den Kopf gebunden war und zog das Häubchen herunter. Sie wehrte ihm nicht. Douglas stand gelassen dabei. Unter der Coiffe befand sich statt der sonst üblichen sechs ober sieben Tuch- kappen nur eine einzige, die Hamor jetzt entfernte. Seine ernste Richtermiene verwandelte sich in ein maßloses, fast knabenhaftes Staunen. „Donnerwetter!" rief er überrascht und trat einen Schritt zurück.
Fortsetzung folgst
Km der Kntschsaftnen.
(Nachdruck verboten.)
Ich! möchte meine Feder tauchen in flüssige Glut, Um in Flammenzeichen zu schreiben von dem, das uns das Höchste ist.
Eine Fackel möcht' ich entzünden an dem Licht, zu durchleuchten das Dunkel, das ynS umgibt in der weiten, herbstlichen Welt.
Und schöpfen möcht" ick aus dem Quell eines lebendigen Wassers, zu heilen die Wunden, zu erquicken die verschmachtenden und zu trösten die Verzweifelnden.
Denn was wir hochhielten, sinkt in den Staub. Wir wandeln in der Irre, denn es ist dunkel geworden.
Und wir sind elend und verlassen, weil man uns den Trost genommen hat, der uns ausrecht erhielt in unserer Not. Media vita in morte sumus! — Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Mitten im Leben. Ja, es rauscht und braust und umfaßt uns mit seinen Wellen, die uns umschmeicheln, uns schaukeln und wiegen oder uns schlagen und stoßen und uns endlich hinauswerfen auf einen öden, unwirtlichen Strand. Es tost und braust so laut, so bestrickend und doch auch wieder so unheilverkündend, daß wir nickt den leisen Klageton vernehmen, der dazwischen hindurch.llingt, mahnend, warnend, drohend.
Nur zuweilen, wenn es auf Augenblicke still wird auf dem Meere des Lebens, wenn die Wogen besänftigt schweigen, und das Herz einmal leiser pocht, um auszuruhen von der Hast und Last der lauten Tage, dann klingt dieser Ton wohl auch Hinern in unsere Seelen, sodaß wir uns besinnen und eingedenk werden des Todes, der uns umfangt.
Das sind Augenblicke des Schtnerzes, aber auch der Erhebung für den, der sich erheben lassen will, den nicht dre Welt mit tausend Fäden der Lust — oder der Not — an sich! gefesselt HM. — Solch ein Augenblick ist heute, wo dre Glocken so traurig lauten, so ernst und doch so feierlich: heute, wo der Ernst des Lebens uns so greifbar nahe tritt, und der Tod uns ins umflorte Auge sieht. Und nun denken wrr der Verstorbenen, derer, die uns nahe gestanden haben im Leben, die wir geliebt haben mit unserem ganzen Herzen, und die vielleicht noch vor kurzem an unserer Seite wandelten. Wir denken an sie und dann — vielleicht — auch an uns selbst. Denn auch wir sind wie des Feldes Blume, dre heute blüht und morgen verdorrt.
.. .senken wir den Blick hernieder zur Erde, auf die ^^br,.rn denen sie schlafen und ausruhen von ihrer Arbeit. Doch wrr erheben auch wieder den Blick gen Himmel, vom Tode durch dre Hoffnung des Glaubens zum Leben.
Wre schnell doch die Zeit von hinnen geht!
Abermals hat dre Erde ihren Kreislauf uni die Sonne vollendet. Ern Jahr seit damals! Wirllich schon ein Jahr?
Ach freunde, wer so fragen kann, der hat kein bitteres Leid erfahren in dieser Zeit. Denn schnell verrauschen die Stunden nur dem Glücklichen. Wen aber der Flügelschlag des Todes berührte, dem erscheint die Zeit nicht im leichten Gange, denn das Leid ist eine schwere Last, und die Tage vergehen dem nicht schnell, der sie durchlebt mit Llutendein Herzen. — Und dennoch wird heute bei dem
Klange der Glocken mancher seufzen: „Schon ein Jahr!" Und wird es nicht glauben wollen, daß er so lange leben konnte, nachdem der Nerv seines Lebens zerrissen schien- Anfangs wollt' ich schier verzagen Und ick glaubt', ich trüg' es nie.
Und ich hab' es dock getragen. . .
Ach ja, getragen mit blutendem Herzen, als eine schwere, schwere Last,
Und wie viele gibt es doch die heute hinauswandern zum stillen Hain der Toten. Und sie alle weinen um ein verlorenes Glück, vielleicht um den besseren Teil ihres Seins, der ihrem Leben erst W!ert und Inhalt gab.
Und so vielgestaltig ist das Leid!
Dort sitzt eine junge Frau. Sie trägt ein wertvolles Trauergewand. Ihre Augen sind gerötet von den vielen Tränen, die sie geweint in stiller Nacht- Nicht die Sorge um das tägliche Brot hinterließ er ihr, der hier ruht unter dem marmornen Monument, aber ein namenloses Weh und die brennende Sehnsucht nach dem einzigen, den sie geliebt, und der von ihr gegangen ist, nachdem er ihr kaum gehörte.
Und dort jene dürftig gekleidete Frau mit den Kindern an der Hand! — Er war ihr und der Kleinen Ernährer. Mitten aus seinem emsigen Streben und Schaffen riß ihn der Tod hinweg, und zu dem Schmerz um den Verlust des Gatten und Vaters kam die herbe, bittere Not.
Tort aber trocknet ein Greis verstohlen die Träne, die sich ihm in das Auge drängt. — Tie Kinder erwachsen, in die Ferne gezogen, „zu wetten und wagen, das Glück zu erjagen." Nur sie, die Gefährtin seines arbeitsreichen Lebens, war zurückgeblieben bei ihm, hatte Freud' und Leid mit ihm geteilt, und den Weg, den sie anfangs so freudig und mutig durchtanzten, waren sie später langsam und! bedächtig gegangen, aber immer gemeinsam, immer im gleichen Schritt und Tritt. — Nun aber ist der treue Kamerad auch hinübergegangen in das andere, ferne Land und hat den alten Mann allein zurückgelassen unter den fremden Leuten, denen seine kleinen Bedürfnisse! nie am Herzen lagen wie ihr, die nicht liebend für ihn sorgen, wie sie es getan, da sie ihn umgab mit der milden Wärme ihrer treuen Liebe.
Und dort endlich steht ein Elternpaar an einem Grabe, das ihr Liebstes umschließt, was sie auf Erden besaßen, ihre Freude, ihren Stolz, ihre Hoffnung, ihr ganzes Glück!
Ach, es ist soviel, was die Erde birgt und niemals zurückgibt, soviel Herzen, die einst so warm in Liebe geschlagen und dem Leben so voll freudiger Hoffnung entgegengepocht haben! Nun kommen die Zurückgebliebenen, treten sinnend an die Gräber und legen die letzten Blumen des entschwundenen Sommers darauf nieder. Aber wie verschiedenartig auch das Leid ist: eie alle durchzittert der Schmerz und die Trauer in gleicher Weise, und da^ gleiche Gefühl zieht sie hin zu den Grabern, die sie schmücken mit dem Schönsten, was sie haben.
Ach und wohl dem, dem nur die Dränen 5er Liebe, der Sehnsucht, der Trauer fließen, in dessen Schmerz sich nicht auch die bittere Reue mischt, die ihn angeklagt, weil er es hat fehlen lassen an der Liebe, die nun zu spät kommt und Geschehenes nicht ungeschehen machen, Versäumtes nicht nachholen kann. Darum dringt immer und immer wieder des Dichters Mahnwort in die Seelen:
„O lieb', so lang' Du lieben kannst!"
Ja, die Liebe! Was ist doch aller Glanz des Erdenlebens, alles äußere Glück ohne sie, die bis über das Grab hinaus reicht, die uns nickt verläßt, sondern die Kluft überbrückt, an der wir, fragend und zagend, hinüberblicken in das ferne, geheimnisvolle Land. Diese Liebe ist es ja auch, die unsere Tränen trocknet, daß wir den Blick von den Gräbern erheben können gen Himmel, den Trost der Hoffnung zu -empfangen. ,
Eine Fackel möcht' ich entzünden an dem ewigen Licht, zu durchleuchten das Dunkel, das uns umgibt in der weiten, herbstlichen Welt! Dies ewige ist die Siebe,, bie wie bie Sonne am Himmel strahlt, bie uns durchdringt mit ihrer Lebenskraft und uns zu sich emporzieht aus dem Dunkel des Erdentales.
Und schöpfen möcht' ich aus dem Quell des lebendiger Wassers, zu trösten die Verzweifelnden! Das Hohe sinkt in den Staub. Wir wandeln in der Irre, denn es ist dunkel geworden, und wir sind elend und verzagt, weil man uns den Trost genommen Hot, der uns aufrecht er»


