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seinen Genossen. So kümmerte man sich denn nicht sonderlich um seine Vergangenheit; nur wenn der Zorn oder der Wein einem seiner Jugendgefährten einmal die Zunge löste, kamen ab und zu alte, halb begrabene Geschichten zum Vorschein, an die er sich nur ungern mahnen ließ. Ueber den Schmugglerzug auf dem Gavrinz durfte man ihn nicht ausfragen und besonders war es das düstere Bild einer gewissen Sturmnacht, das er am liebsten ganz aus aller Gedächtnis verbannt hätte: eine hohe See, ein Schiffswrack, wilde, trotzige Männer mit Laternen bewaffnet und gierig bemüht, aufzufischen, was ihnen die Wellen an den Strand Aülten. Was taten sie denn Besonderes, wenn sie das Strandrecht wahrten? — Die zornigen Wogen nahmen Hab und Gut der Verunglückten und trieben es an's Land, um es andern Händen zu übergeben — wer vermag ihnen zu widerstehen? — Mer einem zu Tode erschöpften Schwimmer ein Kästchen von der Brust zu reißen, und ihn wieder zurück in die tobende Flut zu stoßen, in der er so mannhaft um sein Leben gerungen, wenn eine ausgestreckte Hand genügt hätte ihn an's rettende Ufer zu bringen — das war doch ein böser Streich! Freilich, Rodellee war damals noch jung, auch seine Gefährten hatten kein allzu zartes Gewissen — aber dennoch mußte er Jahre lang Reue heucheln, ehe sie ihn wieder als ihresgleichen anerkannten. „Es war eine wilde Nacht", redete er sich aus, „ich hatte mich halb zu Tode geschafft, der Branntwein war mir zu Kopfe gestiegen — Ihr kennt das ja selbst — ich wußte nicht mehr was ich tat. Laßt die Sache ruhen! Gott schenke seiner Seele den ewigen Frieden!" So sprach er zu seinen Genossen, die seinen Worten Glauben schenkten, Hoel so gut wie die andern.
Auch über die letzte Krankheit über Rodellecs verstorbener Frau, sowie über der Ursache von Nannics Lahmheit, schwebte ein geheimnisvolles Dunkel, aber die ehelichen und väterlichen Rechte schlossen eine handgreifliche Nötigung zum Gehorsam so wenig aus, daß ein Schlag mehr als gewöhnlich in Plouvenec kein sonderliches Aufsehen zu erregen vermochte.
Rodellee hatte ein schlechtes Gewissen, das ihn jedoch nicht beunruhigte. Auch diesmal sollte es ihn nicht hindern, seinen schlimmen Vorsatz auszuführen, allein er war fest entschlossen, dabei nicht aus Hoels Hilfe zu verzichten. Nach seiner Meinung würde der Speicher in jener Nacht in Brand geraten sein, wenn sie nur Hoel bei sich gehabt hätten. Für zwei allein waren der alte Morot, derSchiff- brüchige mit dem geisterbleichen Gesicht in den Wellen, und der spanische Matrose, dessen Tod Loic einst verschuldet, doch eine zu mächtige Geisterverschwörung. War Hoel dabei, der noch keinen auf dem Gewissen hatte, so lag die Sache anders. „Er soll jetzt auch einmal an die Reihe kommen, und seine Erfahrungen sammeln", lachte Rodellee bei sich und zeigte seine glänzend weißen Zähne.
Unterdessen war Hamor sorglos auf allen Wegen umhergeschweift, sich überall Freunde erwerbend. Es hätte schwer gehalten, ihn zu überzeugen, daß er auch Feinde besäße. Ein so harmloser, freundlicher, rücksichtsvoller Mensch wie er? Es war ja ganz undenkbar! — Er lebte in dem frohen Bewußtsein, erfolgreich und fleißig gearbeitet zu haben. Das Bild für die Ausstellung des Salon hatte bedeutende Fortschritte gemacht; jetzt war man im Dezember und bis März mußte es fertig werden. Er hatte es eine zeitlang beiseite gestellt, betrachtete es zwar jeden Tag, hatte sich aber vorgenommen, keinen Pinselstrich zu tun, um später wieder mit ganz frischen Kräften daran zu gehen. Guenn ließ er trotzdem alle Tage nach dem Studio kommen, da er nie genau vorher wußte, ob er sie nicht vielleicht brauchen würde. Siö»saß auch Staunton häufig im unteren Teil des Studios, er fand sre aber sehr unruhig und klagte, daß sie gar leicht die Mundwinkel hängen lasse, wenn er sie etwas lange da- behielt. Ihm lag aber damals überhaupt etwas anderes wert mehr im Sinn, als seine Modelle, denn zu Weihnachten gedachte er die kleine, dänische Malerin heimzn- suhken. Er war so verliebt, daß ihm ein malendes Ehe- paar unter einem Dache vollkommen natürlich-, ja ent» Kuckend erschien. Der förmliche, vorsichtige Staunton stand nn Begriff einen Schritt zu tun, der alle seine bisherigen Standesvorurteile über den Haufen warf; er hätte es früher nie für möglich gehalten, aus reiner Liebe ein einfaches Mädchen ohne Namen und Verbindungen zu heiraten. Hamor und Douglas rieben sich vergnügt die
Hände über Stauntons Gemütsverfassung, hüteten sich aber wohlweislich, ihn wegen seines Abfalls zu verspotten.
Hamor hatte auch verschiedene Entwürfe im Kopf, dre Thymert betrafen. Er war nach langer Ueberleguua zu dem Schluß gelangt, daß der Pfarrer zu einem rein menschlichen Vorgang, bei welchem leidenschaftliche Erregung mit in's Spiel kam, am besten zu verwenden sei. Plouvenec gegenüber befand sich eine felsige, mit Sand bedeckte Landspitze, die ihm der passende Schauplatz schien. Ein Schiffbruch — natürlich nur angedeutet — war ein gutes Motiv, dazu als Hauptfigur die mächtige Gestalt des starken Mannes, neben der Leiche eines von ihm geliebten Wesens — etwa seines Freundes, oder seines Weibes. Halb entkleidet, die eine Hand in den Sand gestützt, sollte Thymert in stummer Verzweiflung auf sein verlorenes Glück starren. Ob der Ertrunkene aber sein bester Freund sein solle, den zu retten er sich vergeblich gemüht hatte, oder lieber eine Frauengestalt? Ueber diese Frage war Hamor noch nicht ins Klare gekommen. Das Eine wie das Aridere hatte mancherlei für sich. Derartige Pläne zu Mldern zu entwerfen, war Humors größter Genuß; er baute täglich Dutzende solcher Luftschlösser und zerstörte sie dann selbst wieder.
Eines Morgens war Douglas bei ihm und Guenn saß strickend in der Fensternische. Plötzlich kam Hamor ein glücklicher Gedanke: „Komm her, Guenn", sagte er, „tue Deine Coiffe einen Augenblick ab, und lege Dich nieder aufs Gesicht mit ausgebreiteten Armen. Sieh her, ich will Dir's zeigen, wie Du's machen mußt."
Guenn rührte sich! nicht.
„Hast Du nicht gehört?" fragte er freundlich. „Nimm einmal Deinen ganzen Kopfputz ab, bitte. Ich möchte nämlich eine Studie für das Haar eines ertrunkenen Mädchens machen, Douglas; wenn ich es später wirklich malen sollte, muß es natürlich- richtig durchnäßt sein; ich bin aber noch nicht ganz entschlossen, ob ich nicht doch eine Männergestalt vorziehe. Es liegt etwas Ergreifenderes in einer Männerfreundschaft. Jedenfalls rührt fie mich mehr."
„Du ziehst also David und Jonathan, Romeo und' Julia vor?" meinte Douglas gedehnt.
„Oh, bei weitem", versicherte er aufstehend, wobei er! bemerkte, daß Guenn noch immer zauderte.
Sie saß regungslos am Fenster, die Augen niedergeschlagen, die Wangen mit purpurner Glut bedeckt.
„Komm her zu mir, Guenn!" sagte er ernsthaft.
Gehorsam trat sie an seine Seite, jedoch! ohne die Augen aufzuschlagen.
In Hamor regte sich wieder der alte Puritaner, voll von Tadelsucht, beschränkter Einsicht und irriger Meinungen. „Du wirst mir zugeben, Guenn, daß ich jede Rücksicht auf eure nationalen Vorurteile genommen habe. Doch dächte ich, Du müßtest mich nach so langer Zeit genau genug kennen, um mir ohne Besinnen Dein Haar zu zeigen, wenn ich Dich darum bitte. Jeanne und Viktoria würden mir auf der Stelle gehorchen. Mich wundert, daß Du noch immer nicht begreifst, wie uns Malern euer Haar nicht mehr bedeutet, als euer Gesicht, wenn man auch hier zu Lande anderer Ansicht darüber ist."
Guenn zauderte noch immer; sie stand schwer atmend mit gefalteten Händen da; Hamor sand sie im Höchsten. Grade unvernünftig und widerspenstig.
Douglas sah von der Arbeit auf: „Ach laß sie doch in Ruhe, Hamor, Du weißt ja, wie sie hier darüber denken."
„Mein Modell gehört mir", beharrte Hamor ärgerlich-, „das Mädchen hat die schönsten Haare, die ich je gesehen habe, ich bin jederzeit freundlich gegen sie gewesen, es gibt wenige Menschen, die so rücksichtsvoll wie ich mit ihren Modellen verfahren. Ich wüßte also auf der Welt keinen Grund weshalb sie sich mir widersetzen sollte."
Douglas zuckte die Achseln.
„Herunter damit, Guenn! Wvnn Du's nicht augenblicklich tust, werde ich Dir dabei helfen."
Sie rührte sich nicht, und um ihre Mundwinkel zuckte es verräterisch. Flehend erhob sie die schönen Augen zu ihm, es lag kein Vorwurf, nur ein schmerzliches Fragen, ein wehrloses Unterliegen, in ihrem Blick: „War ich denn damals von Sinnen? Er würde also lieber das Haar gehabt haben? Mein Gott, mein Gott, wie hätte ich das denn wissen können? Er hat sich gar nichts aus Lent


