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zum Ausdruck gekommen sei, seien unsere modernen Frauenbekleidnngen, das der Renaissance ^entstammende Taillenkostüm, sowie das der gotischen Stilperiode entsprungene Reformkleid noch nicht von demjenigen durchtränkt, was wir „modernen Stil" nennen, weil das Kunst- geweröe als solches und die Modekonfektion noch nicht von den gleichen Prinzipien geleitet würden. Die ganze Bewegung einer modernen Richtung in der Frauenbekleidung sei ja noch sehr jung, aber die Merkmale des Eingreifens dieser Kunstrichtung seien bereits vorhanden. Große, ruhige Flächen würden in die Kleidung hineingebracht, die dem Schmuck einen geeigneten Hintergrund böten und ihn begünstigten. Eine gegenseitige Rücksichtnahme wäre geeignet, eine Kunst der Ausstattung der Frau zu entwickeln. Dann würde die ablehnende Haltung der für die Konfektion maßgebenden Faktoren gegenüber dem Schmuck verschwinden, und eine freiere, großzügige Entwickelung des Damenkostüms sei angebahnt. Redner faßte seine Darlegungen, dahin zusammen: Eine von dem Geiste der modernen Kunst getragene Reform unserer Frauenbekleidung erscheint für das Tragen von Schmuck von wesentlicher Bedeutung; daher müssen alle dahinzielenden Bestrebungen der Aufmerksamkeit unseres Schmuckgewerbes dringend empfohlen werden.
* Moderne Zeitungsbilder. Schnell, wenn auch nicht richtig, ist bekanntlich das Hauptprinzip unserer heutigen mit Bildern geschmückten Sensationsblätter. Wenn man das Porträt einer zur Tagesberühmtheit gewordenen Person bringen will und ein solches nicht schnell genug beschaffen kann, so wird den gutgläubigen Lesern einfach das gerade auf Lager befindliche Bild irgend einer anderen Person vorgesetzt, die nun als die betreffende Tagesgröße gelten muß. Wir haben früher wiederholt solche Fälle konstatiert. Heute können wir zwei weitere anführen. Das „Schaffhauser Jntelligenzblatt" schreibt: Vor uns liegt Nr. 6 einer in Berlin erscheinenden illustrierten Wochenschrift, die als Gratisbeilage für Tagesblätter gedruckt wird. Sie trägt den Titel „Im Zuge der Zeit"; Redaktion, Druck itnb Verlag der „Graphia" (verantwortliche Georg Kempchen), Berlin W. In dieser Nunimer befindet sich ein Bild, das laut Unterschrift die U e b e r s ch w e m m un g in Schlesien darsteÜen soll; wild stürmen die gewaltigen Wogen daher und weiß schäumt der spritzende Gischt auf. Aber auf den ersten Blick erkennt jeder Schweizer rechts auf dem Bild das Schloß Lau fen, links die Aluminiumfabrik, im Hintergründe die Rheinbrücke und in der Mitte vorn den Felsen; aber nicht genug, im Rhein f a llb e cken sind einige stürzende Giebelbalken und sonstiges unerkennbares Zeug eingezeichnet, um dem Schwindel die Krone aufzusetzeu. Die Redaktion schreibt wörtlich unter das Bild vom Rheinfall: „Wir bringen an dieser Stelle die photographische Aufnahme eines Ueberschwemmungsgebietes bei Neiße." — Im Hannoverschen „Wolkswillen" lesen wir: Sobald eine berühmte oder berüchtigte Persönlichkeit genannt wird, bringt das hiesige „Tageblatt" deren Porträt. So wurde in der vierten Beilage der Nummer 163 des „Tageblatts" vom 14. Juni 1903 das Bild des Obersten Pawlowitsch, eines Opfers der Belgrader Königsmord- asfäre, gebracht. Dieses Bild scheint man in der Redaktion des „Tageblatts" für den Bedarf von Offizierporträts bereit zu halten, denn in der ersten Beilage der Nr. 221 vom 11. August 1903 erscheint dasselbe Bild — auch nicht ein Strichelchen ist anders — wieder; diesmal als das Porträt des „Buren-Obersten Adolf Schiel".
LitepaeLfches.
— Margarete B ö h m e: I m I r r l i ch t s ch e i n. — Roman. Verlag von F. Fontane u. Eo. in Berlin. — Preis 3 Mk. — Die Handlung dieses modernen Zeitromans entrollt ein dramatisches, bewegtes Gesellschnstsbild aus der Gegenwart, und führt dem Leser eine Reihe von brennenden Tagesfragen, wie Duellwesen, Antisemitismus und die Macht der Standesvorurteile vor Augen. Die in ihren Romanen mit Vorliebe rheinisches Leben schildernde Verfasserin hat auch diesmal eine kleine Stadt am Rheinstrom zum Hintergrund der Darstellung des Schicksals gewählt, das einer reichen jüdischen Familie widerfährt. Klatsch und
Neid 'zerstören das innige Zusammenleben der Familienmitglieder, von denen die jüngere Generation christlich geworden und in Berührung mit den militärischen und. Universitätskreisen getreten ist. Besonders liebevoll ist die Figur der ältesten Tochter gezeichnet, eines schönen, aufgeklärten, stolzen Mädchens, der das reinste Glück beschieden zu sein scheint, als sie sich mit einem jungen Offizier! verlobt. Doch durch die Klatschsucht und das Zusammenwirken sehr wahrscheinlicher Zufälligkeiten wird der gute Name des Vaters besudelt, der eine Sohn, Student, sucht und findet den Tod im Rhein, ein zweiter, Offizier, und in kurzer, glücklicher Ehe mit der Tochter seines Vorgesetzten lebend, muß sein Glück in Trümmer sinken sehen und verläßt die Heimat, um in der Ferne vergessen zu werden und zu vergessen. Der Bräutigam des Mädchens fällt im Duell. Eine jede der vielen Nebenfiguren illustriert die einzelnen Kapitel in wirkungsvoller Weise, und die sehr gewandte Sprache wird dazu beitragen, dem Buche eine weite Verbreitung zu schaffen.
— M. zur Megede: Sport. Novelle. Verlag von F. Fontane u. Co. in Berlin. Preis 2 Mk. — Die Heldin dieser Erzählung ist eine jener Frauen, die das Leben und ihre Pflichten ernst nehmen, und in der Ehe nicht einen Kontrakt, sondern „einen Liebesbund sehen, bei dem sich die Treue so von selbst versteht, daß man nicht einmal darüber nachzudenken braucht". Um so tiefer ist ihr Schmerz, daß auch der anscheinend glücklichste Bund in frevelhaftem Uebermut gestört werden kann; mit ihrem Leben zahlt die jugendschöne Frau Restow die gedankenlose Schuld ihres Gatten. Ein wahrhaft tragisches Schicksal, das durch die meisterhafte Darstellung das Empfinden des Lesers im Bann hält. Seit langem zählt die Verfasserin zu unseren beliebtesten Autoren, und ihre feinsinnige Art der Charakteristik und psychologische Durchdringung der Handlungen ihrer .Helden feiert unstreitig in dem' neuenMerk den höchsten Triumph. Mit festen Strichen ist die elegante Militär- und Sportwelt gezeichnet: Der von aller Welt verhätschelte Gatte, sein Don Juan-Freund „dieser Robin", dann die Offizier- und Spartdamen, endliche Pas „kleine Mädchen", das zum Anlaß der Katastrophe wird. Was aber den Reiz der Arbeit ausmacht, ist weitab vom rein Stofflichen zu suchen und liegt in der graziösen Linienführung und dem zarten Farbenaustrag bei der Schilderung des innigen Liebesgesühls, das die junge Frau beseelt. Talent und Empfinden der Verfasserin haben hier ein Kabinettstückchen geschaffen, das in feinen sonnigen wie dunklen Teilen bei dem großen Leserkreise der Erzählerin das lebhafteste Interesse erregen wird.
Schachaufgabe.
Bon O. Würzburg in Grand-Rapids. (Nachdruck verboten.)
Weiß zieht nnd setzt in 3 Zügen matt. (Auflösung in nächster Nummer.)
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Weiß.
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Redaktion: Angust Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Lrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


