Ausgabe 
31.8.1903
 
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den, die in einem Leben so viel bedeuten, wie ein Jahr. Er mußte die Uhr nahe ans Gesichjt halten, um die Zeiger zu sehen; das Zimmer war beinahe dunkel, denn ohne besondere Weisung ließ sich niemals ein Diener blicken.

Paul sah den Intendanten an, als wolle er fragen, wieviel Uhr es sei. In großen Augenblicken werden wir uns ost plötzlich der Grenzen der menschlichen Natur be­wußt; in solchen Momenten sehen wir ein, daß wir nicht Götter, sondern nur Menschen sind.

Wir müssen uns zum Diner ankleiden", sagte Stein­metz.Später, nun, später werden wir sehen."

Ja", antwortete Paul, aber er rührte sich nicht von der Stelle.

Tie beiden Männer sahen einander einen Augenblick an. Sie hatten viel miteinander durchgemacht, Gei­fahren, Aufregungen, Sorgen, und Paul wußte, daß dieser Mann mit b/em breiten, plumpen Gesicht ihn wie ein Vater liebte. Das Sprechen fiel ihm nicht leicht, die Worte schienen ihm den Hals zusammenzuschnüren.

Sie dürfen nicht glauben, daß es gar so schlimm ist, wie es hätte sein können", sagte er endlich,aber im Augenblick habe ich das Gefühl, als hätte ich niemand mehr außer Ihnen."

Steinmetz blickte mit seinem seltsam ergebenen Lächeln zu ihm laluf.

Ja, ich bin immer da", sagte er.

(Fortsetzung folgt.)

Von den Schürzen.

Eine Hgusfrauenangelegenheit.

Oft über die Achsel angesehen, von den vielen Drohnen, die in süßem Nichtstun ihre Tage verbringen, als über­flüssig verbannt, ist die Schürze über dem Kleide das Ab­zeichen der Häuslichkeit, die Beschaffenheit dieser Schürze aber ein Zeichen für Ordnung und Sauberkeit. Ich habe einmal von einer Dame, welche als tüchtige und umsichtige Hausfrau gerühmt wurde, den Ausspruch gehört:Junge Mädchen sollten bei häuslichen Beschäftigungen keine Schürzen tragen, denn es sei der höchste Grad von Geschick­lichkeit und Sauberkeit, häusliche Arbeit ohne Schürzen zu verrichten und doch dabei sein Kleid nicht zu beflecken.^

Ich muß gestehen, daß ich einen anderen Begriff von Ordnung und Tüchtigkeit habe und kein Zeichen dafür darin finde, eine Haus- oder Küchenarbeit ohne Schürze vorzu­nehmen.

Im Gegenteil ! Saubere, erprobte unb- tüchtige Haus­frauen finden übereinstimmend, daß das Schürzentragen bei der Arbeit zur einfachsten Ordnung gehört Außerdem zur Sparsamkeit dieser Zwillingsschwester der Ordnung: Was würden wir Hausfrauen dazu sagen, wenn unsere Köchinnen oder, um moderner zu sprechen, unsereHauss- gehtlftnuen" ohne Schürzen in Küche und Zimmer hantieren wollten.

Die Schürzen schonen die Kleider und madEien als Zier­schürze den Hausanzug oft allerliebst. Die Art der Küchen- und Hausschürzen ist natürlich sehr verschieden. Während man in Städten mehr Blaudruckschürzen trägt, oder solche aus buntem Ginaham, werden oft in kleinen Städten und auf dem Lande die von richtigem Leinen, weih oder auch blau gefärbt, vorgezogen. Diese weißleinenen, meist aus selbstgesponnenem Flachs hergestellten Schürzen, wie man sre z. B. in Mecklenburg und Pommern findet, wo sie auch, möglichst großer, den Rock deckenden Ausdehnung die Gutsherrn: und Hausfrau bei wirtschaftlichen Verricht­ungen, Ganse- und Schweineschlächterei, Kartoffelmehlbereit- ^,ai^en usw. trägt, sind wirklich imponierend. Sie sind so 6rett, fo wett, so faltig und so leicht, waschen sich so gut und werden nur gerollt, während Ginghamschürzen, wenn ste gut anchehen sollen, gestärkt und gebügelt werden müssen.

örauletnene Schurzen sind höchst praktisch, während L dünne Kattunschurzen nicht lange sauber halten nd dte Muhe unt Waschen und Plätten kaum lohtren.

y- , starker, kräftiger Schürzenstoff macht dte Stärke ent- SrhA , und ungestärkte Sachen halten sich länger rein. Dte bunte Kuchenschurze soll nicht zu dunkel, aber auch ntcht zu hell und moglrchst waschecht sein. Trotzdem verliert

Vanfe der Zett tit den vielen notwendigen Wäschen auch dte echteste, Farbe an Ansehen.'

Bunt Backen ist nur die weiße, am besten die weißleinene

Schürze zu brauchen, ebenso beim Schlachten. Dazu gehören selbstverständlich auch die weißleinenen Back- bezw. Schlacht­ärmel, die über ;öie Kleiderärmel gezogen werden. Zum Herrichten der Betten gehört sich die weiße und zu diesem. Zweck zu benutzende Bettschürze, welche, wenn die Betten vom Hausmädchen geordnet werden, in fast allen besseren Haushaltungen von der Herrschaft gehalten wird und einen bestimmten Platz erhält, an dem sie morgens und abends nach dem Ordnen der Betten sofort wieder verwahrt wird. Ueberhaupt sollen, je nach der verschiedenen Arbeit auch verschiedene Schürzen gewählt werden. Die Schürze, in welcher die Hausfrau oder Haustochter den Tee im Zimmer bereitet, ist natürlich von der, mit welcher sie kochend am Herde stand oder die Tassen und Gläser spülte, verschieden.

Kleine schwarze, wollene oder seidene Schürzen werden sehr oft von den Damen über dem Hauskleide getragen und bienen gleichsam zu der Vervollständigung der Haus­toilette.

Ter Geschmack in der Herstellung von Zierschürzen ist natürlich- sehr verschieden. Als höchst praktisch erweist sich besonders die, bei Wirtschafts- und Malschürzen übliche Art, sie in Kleiderform zu wählen, oder mit durch Rücken­bänder gehaltenem Brustlatz. Der frühere, mit Nadeln be­festigte Brustlatz war insofern gefährlich, als Nadeln nicht an der Toilette gelitten werden sollen, wenn es sich um die Bereitung von Mahlzeiten handelt.

TieReformschürze" hat keine Aussicht auf Verbreitung. Tie fliegenden Stoffmassen um unseren Körper behindern uns. Das sehen wir schon daran, daß auch arbeitende Männer, z. B. die Aerzte bei Operationell, die Setzer unv Trucker, die Leute an Maschinen usw. ihre Arbeitskittel in der Taille mit einem Gurt befestigen.

Tie Schürzen so sauber wie möglich zu halten, ist eine zweite Hauptsache. Dazu gehören saubere Hände. Es ist dringend zu vermeiden (was aber sehr oft, vielfach ganz gedankenlos geschieht), die Hände art' der Schürze abzu­reiben.

Ferner soll man sich bei keiner Arbeit zu dicht an den Tisch stellen, sondern bei stehender Stellung stets einen kleinen Raum zwischen sich und- dem Tisch-e lassen, bei sitzender keinen Korb ober Gefäß direkt auf die Schürze stellen, sondern ein sauberes Papier dazwischen legen.

Schürzen auf beiden Seiten zu tragen, muß mit Rücksichjt auf das Kleid vermieden werden, denn die Schürze ist ein Schutz fürs Kleid und hört damit auf, ihren Zweck zu erfüllen. ______

VeUrns?chL§A.

* Iustus v. Liebig über ben Branntwein­genuß. Die Chemischen Briefe Liebigs enthalten folgenben Passus:Der Branntweingenuß ist nicht die Ursache, son­dern eine Folge der Not. Es ist eine Ausnahme von der Regel, wenn ein gut genährter Mann zum Branntwein­trinker wird. Wenn hingegen ein Mensch durch seine Arbeit weniger verdient, als er zur Erwerbung der ihm notwen­digen Menge von Speise bedarf, durch welche seine Arbeits­kraft wieder hergestellt wird, so zwingt ihn eine starre unerbittliche Naturnotwendigkeit, seine Zuflucht zum Branntwein zu nehmen." Demnach wäre das Beste gegen den Alkoholismus die Abwehr der Not, welche den Men­schen in die Abgründe jenes Lasters treibt, und es dürfen die Opfer des Alkoholismus nicht durchaus mit den feind­lichen Augen der jetzt aufgetauchten Abstinenzler betrachtet werden. Zu dieser Schluß er kenntnis kommt sogar der Scherlsche Tag, ein bürgerliches Organ. Wir haben bekannt­lich unserer Meinung von jeher in diesem Sinne Ausdruck gegeben.

* Reform kleid und Schmuck. Auf dem in Köln kürzlich abgehaltenen Verbandstag deutscher Juweliere, Gold- und Silberschmiede sprach der Lehrer an der Kunst­gewerbeschule Pforzheim und Redakteur derD-tsch. Gold- schmiedeztg.", Rudolf Rückliu, über denEinfluß des Re­formkleides auf den moderuen Schmuck". Redner schickte, derKöln. Ztg." zufolge, voraus, daß ein künstlerisches Moment in den Beziehungen von Schmuck und Mode vor­handen sei. Daß dieser innere Zusammenhang bestehe, zeige die Kostümgeschichte, und jede Stilperiode bilde ein charakteristisches Kostüm heraus, das dem Kunstgeschmack der Zeit entspreche. Während nun die moderne Kunst in unseren Wohnungen und in den Schmucksachen bereits