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Bieten? Lieber nicht. Und so saßen die Beiden einander in tiefem, aber gedankenerfülltcm Schweigen gegenüber. Man-! reen war überzeugt, daß ihr Gefährte nicht nur kein gewöhn- licher Mann, sondern auch kein gewöhnlicher Charakter sei. Aus Gründen, die er allein zu beurteilen im stände war, hatte er seinen eigentlichen Stand verleugnet. Er war ein edler, tapferer Mann von stark ausgeprägter Individualität. Und als sie ihn hier so unbeweglich tote aus Stein genteifett halb im Schatten sich gegenübersitzen sah, fühlte sie mit heimlichem Beben die Macht seiner Persönlichkeit ans sich einwirken.
Tas Torsfeuer war jetzt niedergebrannt, und dieSchatten um die kleine Gruppe hatten sich vertieft. Plötzlich glitt eines der aufgeschichteten, matt glühenden Torfstücke herunter, ein Heller Lichtstrahl blitzte auf und beleuchtete den kleinen Herd, Maureen, den müden Hund und dessen Herrn. Als Maureen zu ihm hinüberblickte, sah sie seine Augen auf sich gerichtet, und eine Sekunde genügte, ihr deren Geheimnis zu enthüllen: der Eigentümer jener Augen liebte sie!
Im nächsten Augenblick war alles wieder finster, aber mit der dahingeschwundenen Flamme stieg dunkle Glut in Maureens Gesicht. Stürmisch, in neuem, ungekanntem Gefühl schlug ihr Herz. War es möglich, daß diese Entdeckung sie so tief bewegen konnte? Hatte dieses ärmliche Tors-: stückchen ihr ein zukünftiges Glück verkündigt?
Ta klang plötzlich eine leise Stimme beruhigend in ihre heftige Erregung. „Tie Zeit ist abgelaufen", sagte diese Stimme, „ich höre Pat.die Pferde herführen. Wir wollen ganz leise sortgeheu, damit Mary nicht erwacht."
Knirschen von Lederzeug, Rasseln von Pferdegebissen ließ sich vernehmen, die Tür wurde aufgestoßen, und draußen stand Pat mit feinen Pfleglingen. Leise, wie zwei Diebe, schlichen sich die beiden Reisenden ins Freie hinaus, wo sie von ihrem Wirt mit einem herzlichen „Gott mit Ihnen!" verabschiedet wurden, und ehe stch's dieser versah, waren sie seinen nachdenklichen Blicken entschwunden. Ter letzte Teil des Weges erwies sich in der Tat als verhältnismäßig leicht, auch führte er größtenteils bergab. In strahlender Sternenpracht erglänzte der Himmel, und wie von geheimnisvollem Zauber umwoben lagen Berge und Schluchten in der klaren Mondnacht da. Terence, der, nicht gerade zur Freude seines Pferdes, den Hund vor sich auf den Sattel genommen hatte, ritt voraus. Maureen folgte ihm. Tie kühle Luft und Stille um sie her wirkten besänftigend auf ihr Gemüt; ernstlich schalt sie sich wegen ihrer törichten Gedanken in der Hütte aus. Wie konnte sie seinem Blick eine tiefere Bedeutung beimessen! Terence hatte eben hübsche, sprechende, echt irländische Augen — das war alles.
Endlich bogen die Beiden in einen Von Hecken eingefaßten Weg ein, und bald darauf war das Dörfchen Shule erreicht. Zwanzig Minuten vor zwölf Uhr stiegen sie vor dem Gasthaus neben dem Bahnhof ab, wo sie von einem schläftigen Kellner empfangen wurden, der sie mit unwilligem Erstaunen musterte. Leute, die zu so später Stunde in Post- oder anderen Wagen ankamen, die konnte man sich noch gefallen lassen, aber ein hübsches Paar, das nachts zwölf Uhr zu Pferd antrabte — nein, da mußte etwas Besonders dahinter stecken. Vielleicht waren es Kunstretter, die zum Korker Jahrmarkt reiften.
„Ist hier eine Dame Namens Fanshawe abgestiegen, die mit der Sechsuhrpost hier ankam?" fragte Terence.
„Eine rothaarige Dame mit einem blauen Mantel und einem Herrn?"
„Ja, das kann sie sein."
„Na, da können Sie lange warten, wenn Sie die sprechen wollen."
„Diese Dame, ihre Schwester, wünscht sogleich zu ihr geführt zu werden."
„Woher soll ich wissen, daß das Ihre Schwester ist?"
„Weil ich es Ihnen sage", antwortete der Herr in strengem Tone.
„Ah so", erwiderte der Kellner etwas demütiger, ,chann muß ich wohl hinausgehen, sie ist in Numero 13 und trinkt Äben eine Tasse Tee."
„Wenn „er" aber nun da wäre?" flüsterte Maureen, während sie dem Kellner folgten. ,Lch — ich — könnte seinen Anblick nicht ertragen."
„Tas wird sich schon alles ftnben", erwiderte Terence, sie ermutigend. „Sie Wunen mit Ihrer Schwester sprechen und ihn mir überlassen."
„Ist Lady Fanshawe allein?" fragte er.
„Augenblicklich, ja."
Noch während des Sprechens klopfte der Kdllner an und öffnete auf ein leises „Herein" die Türe, indem er sagte: ,^Hier ist sie."
Und so war es in der Tat. Mit blassem, verstörtem, iuw glücklichem Gesicht saß Nita vor einer Teekanne. Niemand hätte sie in diesem Augenblick hübsch genannt. Sobald sie Maureen bemerkte, fuhr sie mtt einem Schrei in die Höhe und rief: „O, Moll, mein guter Engel! Wie konntest Tu mich hier finden?"
21. Kapitel.
Für Geld und gute Worte.
„Wie kamst Tu hierher, Tu mußt ja geflogen sein?" fragte Nita, schwer Atem holend, indem sie ihre Arme um Maureens Nacken schlang und sie heftig an sich drückte. „Moll, sage, was bewog Dich, zu kommen?"
„Ich kam, um Dich mit mir zurüctzunehmen, liebe Nita, andernfalls bleibe ich bei Tir. Unter allen Umständen aber bin ich fest entschlossen, Dich nicht wieder zu verlassen."
„Miß D'Arcy, ich werde außen warten", ertönte eine leise Stimme aus dem Hintergrund, „wenn Sie oder Lady Fanshawe meiner bedürfen, stehe ich sofort zu Ihren Tiensten."
„Ter Kutscher!" rief Mta. „Wie unangenehm!"
„Ja, der Kutscher! Ohne seine Hilfe hätte ich Dich niemals erreicht. Es war kein Fuhrwerk aufzutreiben, und so ritten wir über die Berge."
Sie setzte sich nieder und nahm die Hand ihrer Schwester in die ihrigen. „Nicht wahr, Nita, Tu kommst sofort mtt mir zurück?" .„ ... ,
„Meine liebe Maureen, ich wollte, ich tonnte es — aber ich habe ja selbst die Brücke,i hinter mir abgebrochen. Sett ich nun allein hier sitze, ist es mir freilich unfaßlich, wie M) mich zu einem solchen Schritt hinreißen lassen konnte. Ter Dämon der Eifersucht hatte mich gepackt."
„Erzähle mir, wie alles kam."
„Tu weißt ja doch, wie böse ich auf Greville war. Bon Tag zu Tag steigerte sich mein Groll und Aerger, und als auch der dritte Tag vorüberging und kein Lebenszeichen von meinem Manne und jenem Frauenzimmer kam, und ich es mit ansehen mußte, wie die Leute lächelten und spöttelten, da hätte ich vor Wut aufschreien mögen. Meine Nerven befanden sich in einem Zustand wildester Erregung; ich malte mir allerlei schreckliche Möglichketten aus, bildete nur ein, die Leute bemttleideten mich —" sie hielt inne, utn| die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken — „da kam Lovell —" fuhr sie schluchzend fort, und tvieder fetzten ihr
au s und ein.
mir mache."
besser zu schätzen wüßten, und daß ich meine Vteoe unö Treue an einen Unwürdigen verschwende. Am vierten Tag« war ich bereits so sehr von der Richtigkeit seiner Anschau-, ungeu überzeugt, daß ich zu allem bereit war, und als es ein Uhr schlug und kein Schiff kam und ich in der Borhalls auf Mrs. Rawley stieß, die lächelnd zu mir sagte: „Wie, immer noch nicht zurückgekehrt? Ei, ei, der böse Gatte!- da geriet ich in einen wahrhaft verzweifelten Zustand«. Zum Unglück kam Lovell gerade hereingestürmt und machte mich vollends ganz toll mit seinen Reden. Schließlich verabredeten Wir, mit der Sechsuhrpost abWfahren. Unter dem Bvrwand, mich niederlegen zu wollen, sollte ich meine Sachen packen, ihm den Koffer einhändigen, einen dichter Schleier umbinden und vor einem andern Hotel in den Post-, wagen steigen. Alles glückte vortrefflich. Unser Plan ging dahin, direkt nach Paris zu reisen und dann Wetter nach Italien. Greville sollte die Scheidung einleiten und nach Llblauf von sechs Monaten tootlten wir uns heiraten, um dann für immer glücklich zu sein."
„Oder auch nicht." r ,
„Bertie führte verschiedene ähnliche, glücklich zu Ende gebrachte Fälle an. Er sagte, wie kurz das Leben sei, tote rasch Jugend und Schönheit entfliehen, und daß ich meine besten Tage einem Manne opfere, der sich nichts mehr aus
die Worte. , r
„Und er natürlich bemitleidete Tietz .
„Ja, und er schrieb mir reizende kleine Briefchen, um mich zu trösten, tote er sagte, dann wieder kam er selbst und sprach stundenlang so llug und überzeugend auf mich ein und setzte Greville in ein solch ungünstiges Licht, bis mir der Kopf schwindelte und ich nicht mchr wußte, too ■ Er sagte, daß andere Leute memen Wert m wüßten, und daß ich meine Liebe und


