Ausgabe 
30.12.1903
 
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zunächst nur Italien, Spanien und Portugal, und hiervon Italien auch nur mit Ausnahmen. Tie übrigen Länder schlossen sich später, teilweise sogar sehr viel später, nach, und nach an. Tie katholischen Gebiete des römischen Reiches deutscher Nation führten den neuen Kalender an den ver­schiedensten Terminen der Jahre 1583 (Bistum Augsburg) bis 1682 (Stadt Straßburg) ein, die protestantischen erst 1700. Ter letzte Staat war der schweizerische Kanton Grau­bünden, der 51 Jahre zur Durchführung der Kalenderreform brauchte, nämlich 17601811. Daß das christliche Ost- Europa: die Balkanstaaten, Griechenland und Rußland, noch heute den Julianischen Kalender anwenden, ist bekannt.

Wir beginnen unsere Zeitrechnung mit der Geburt Christi. Das Mittelalter jedoch rechnete so erst seit dem Jahre 532. Ms dahin war die Rechnung von dem Regier­ungsantritt des Kaisers Tiokletian ab üblich, wie sie Cyrill in seinen Ostertafeln anwendete. Dionysius exiguus, der die Ostertafeln vom Jahre 532 (n. Chr. Geb.) ab fortfetzte, führte die neue Epoche ein, indem er das Jahr247 diokletianischer Aera mit dem Jahre 1284 nach der Gründ­ung Roms und dem Jahre 531 nach Christo aus uns unbekannten Gründen gleichsetzte.

Nach diesen notwendigen Borausschickungen wird es nicht Wunder nehmen, daß auch der Jahresanfang nicht überall und zu allen Zeiten derselbe gewesen ist. Im Mittelalter konnte man, wenn man es darauf ablegte, tut Jahre sechsmal Neujahr feiern, nämlich am 1. Januar (circumcisio domini), am 1. März (vorjulianischer Jahres­anfang), am 25. März (Mariae Verkündigung) an Ostern, am 1. September (Byzantinisch,), endlich am 25. Dezember (Weihnachten).

Ter unpraktischste Zeitpunkt für den Beginn des Jahres Ivar Ostern, denn dieses Fest kann sich um 35 Tage ver­schieben, dazu wurde der Jahresanfang hier am Char- freitag, dort am Charsamstagabend gefeiert. Dennoch war diese Gewohnheit weit verbreitet, besonders in Frankreich und in den Niederlanden. In Teutschland hielt das Erzstift Köln lange an ihr fest.

Der 25. März hat für unfere Gegend insofern besondere Bedeutung, als er der Jahresbeginn des Erzstifts Trier ist, zu dem Gießen in kirchlicher Beziehung während des Mittel­alters gehört hat. Tie Erinnerung an diesen Jahresanfang ist aber gänzlich geschwunden, zumal im bürgerlichen Leben stets der 1. Januar bevorzugt worden ist. Das hatte seinen Grund darin, daß der Julianische Kalender mit diesem Tage sein Jahr begann. Am 1. Januar feierten die Römer ihre Saturnalien, Feste mit Mummenschanz und Ausschweifungen verbunden, deren Ueberreste sich bis in das Mittelalter hinein erhalten haben. Deshalb eiferte der Klerus gewaltig gegen diesen Jahresanfang, aber der war zu fest in der Gewohnheit begründet, um beseitigt werden zu können. Ver- nmtlickr hat er sich durch das ganze Mittelalter hindurch cr- haltew denn mit dem beständig vorkommenden Namen Reujahrstag" bezeichnete man nur den 1. Januar. Die Kirche führte cm Stelle diesesheidnischen" Jahresanfangs den 25. Dezember ein, woher ja auch die ganze Zeitrechnung von Christi Geburt" den Namen hat. Als aber der bürger­liche Gebrauch bei dem 1. Januar "blieb, verlegte man auf diesen Tag das Fest Circumcisio Domini, um ihn. seines heidnischen Charakters zu entkleiden. Wenn ich vombürger­lichen Gebrauch" rede, so ist darunter die Begehung des Meujahrstages im bürgerlichen Leben zu verstehen. Im amtlichen Leben, also bei Datierung der Urkunden u. wurde der offizielle Jahresanfang des betreffenden Gebietes in Anwendung gebracht. Ter amtliche und kirchliche Jahres­anfang am 25. Dezember aber war mit.Ausnahme von Köln und Trier in fast ganz Deutschland verbreitet; es war die Erzdiözese Mainz, die hier voranging, und ihr, deren Erzbischof Erzkanzler in Deutschland war, folgten die meisten der übrigen deutschen Länder.

Doch auch der 1. Januar kam wieder zu amtlichen Ehren. Vom 15. Jahrhundert ab verbreitete sich in Süd­deutschland beginnend nach Norden fortschreitend wieder der Gebrauch dieser Datierung. Ja sogar die päpstliche Kanzlei igia6 ihre Bedenken auf und wandte ihn von 1621 ab für Breven, von 1691 ab für Bullen an. In den roma­nischen Ländern scheint mit dieser Wiedereinführung auch eine Erinnerung an die altrömischssn Saturnalien zurück- gekommen zu sein, wenn was ich nicht weiß sie über­haupt je unterbrochen war. Tort feiert man nämlich in manchen Gegenden das Weihnachtsfest so gut wie gar nicht.

dagegen weckt die Nenjahrsnacht ein lustiges ausgelassenes Leben mit Maskenaufzügen und Scherzen aller Art.

Bei uns ist man längst zur alten Gewohnheit, das Jahr mit dem 1. Januar zu beginnen, zurückgekehrt. Aber die auf das ganze Leben einen so tief greifenden Einfluß ausübende amtliche Datierung nach dem 25. Dezember hat sich in dem Empfinden des Volkes erhalten. Wie man ehedem tatsächlich das Bewußtsein hatte, ein Jahr beendet, aber das neue noch nicht begonnen zu haben, so ist heute noch in uns dasselbe Gefühl lebendig, das uns die Tage von Weihnachten bis Neujahr bezeichnen läßt:Zwischen den Jahren".

Ate AOlperruvg Tibets. *)

Wir ruderten nach Ostnordost, nach welcher Richtung der Ring jetzt umbog. Als die Sonne am Horizont hinter uns stand, nahm das bisher dunkelblaue Wasser bei drei Meter Tiefe einen intensiv grünen Farbenton an, und die Wasserpflanzen traten, wie durch Spiegelglas gesehen, klar hervor. Erne Landspitze anr nördlichen Ufer war unser Ziel; von dort mußten wir das Signalfeuer der Unserigen sehen können. Aber die Spitze lag mitten im Winde, und wir mußten in der Dämmerung- den ersten besten Strand suchen. Ter Himmel war außergewöhnli klar, und die Deutlichkeit, mit welcher der Mond sich abzeichnete, war für eine Beobachtung verlockend. Es ging immer noch ein kalter, unfreundlicher Wind, doch das machte uns nichts mehr aus, nachdem wir in unsere schönen Pelze wie Murmeltiere gekrochen waren. Glück­licherweise regnete es während dieser beiden Nächte, die wir im Freien zubrachten, nicht; nur das Wiegenlied der Mellen lullte die müden Pilger in den Schlaf. Es ist schön, in Tibets sternklaren, stillen Nächten und in der klaren, dünnen, reinen Hochgebirgsluft den Himmel als Tach zu haben.

Tie Nachtkälte ging auf kaum 2 Grad herunter. Wir brachen in aller Frühe auf. Jetzt ist es kalt und un­freundlich. Ter Seegang ist so stark, daß wir uns ganz in der Nahe des Landes halten müssen. Nachdem wir fünf Minuten unterwegs waren, brach ein abscheuliches Un­wetter los. Ter Hagel stürzte in solcher Menge nieder, daß das Innere des Bo-otes mit Eisschlamm erfüllt war. Gleichzeitig aber wurde die Heftigkeit des Wellenganges und auch der Wind gedämpft. Der Sturm schien über uns stehen zu bleiben und setzte seine Tusche über zwei Stun­den lang fort. Hier herrschte halb Dämmerung, doch im Osten badete sich das Land im Sonnenschein; hinter uns war der Himmel schwarz und das Gebirge in Weiß ge­hüllt, wir sind auf dem Wege von dem Sitze des Winters nach der Wohnstätte des Sommers. Der Hagel ging all­mählich in Schnee über, der sich weich wie Baumwolle in das Boot legte.

Das Wasser hat die wunderbarste blaugrüne Farbe, eilt leicht erregtes, flüchtiges Element, das den B ick nicht an der Erforschung der Geheimnisse des Seebodeus hindert.

Eine gute Weile niußten wir auf einer Landzunge rasten. Ich erstieg eine Anhöhe, um mich zu orientieren. Am Norduser erschien jeüt gerade wie gerufen die Kara­wane mit ihrer Kosakenbedeckung; ihr folgten ans den Fersen die Tibeter in dickten, schwarzen Schwärmen. Rechts haben wir eine ziemlich große Insel, aus der 20 Pferde grasen. Bon dieser Insel springt eine Landzunge vor, der eine ebensolche vom Festlande entgegeukommt. Sie zeigen auf einander hin wie die Kohlenspitzen in einer elektrischen Lampe, und der schmale Sund zwischen ihnen ist so seicht, daß die Jolle gegen den Grund schrammt. Ueber diese Landzungen geht die nach der Insel führende Furt.

Eine Stunde später hatten wir das ganze Lager auf dem verabredeten Platze vor uns. Es breitete sich in seiner ganzen Herrlichkeit am Ufer aus; Massen von Leuten und Pferden waren ans allen Hügeln. §ier und dort zerteilte der Wind eine Rauchsäule; wir haben 5, die Tibeter 19 Zelte, aber die meisten von ihnen kampieren doch am Feuer unter freiem Himmel. Alle die Unseren standen am Ufer, und die Kosaken machten wie gewöhnlich Honneur. Jeden Morgen muß ich meine Leute in drei verschiedenen

*) Aus: Hedin, Im Herzen von Asien. Zwei reich illustrierte Bände, cleg. geb. 20. Mark. Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig-,