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War feilt erstes Aielst er hoffte dort Auskunft über die Damen zu erhalten, und als er den Garten betrat, wurde seine Erwartung noch vollkommener erfüllt. Im Schatten unter der Veranda saß die Generalin, offenbar nach vollendeter Mahlzeit ein wenig ermüdet und mit dem gewohnten Mittagsschlaf kämpfend, durch Rauchmanns Erscheinen aber gleich völlig erweckt. Mit fast jugendlicher Hast und Gelenkigkeit erhob sie sich von ihrem Sih, ging auf den unerwartet Erschienenen zu und sagte ihm alles, was in einem dankbaren Mutterherzen an Freundlichkeit und Güte sich angesammelt hatte. Auch ihr traten, als sie das schwere Geschick des Sängers vernommen hatte, die Tränen in die Augen, doch ließ er ihr nicht Zeit zu weiterer Klage, sondern erleichterte ihr und sich den Augenblick durch eine Frage nach Edith.
„Sie ist fortgegaugen, sie besieht sich die Grotten des Catull. Ich begnüge mich mit dem, was ich vom Schiff aus gesehen habe; Sie wissen ja, mich hält die Materie fest, wo ich einmal bin, und ich habe mich gewöhnt, die Berge von unten und astle Schönheit von weitem zu betrachten. Hier in der stillen Welt bin ich nur noch bequemer1 geworden. Aber wenn Sie ihr nachgehen wollen, — Edith wird sehr froh sein, Sie zu sehen."
„Ist sie allein?"
„Allein. Mein Vetter ist gleich nach Tesenzano weiter gefahren; der Reiseplau hat sich ein wenig geändert, und so hat er sich Sirmione geschenkt."
„Ist Fräulein Edith wieder völlig hergestellt?"
Die Generalin lächelte still vor sich hin. „Die äußeren Wunden sind geheilt, Gott sei Dank! Eine Narbe an der Stirn und etwas Unbeweglichkeit im Arm, das ist alles, was von dem Abenteuer zurückgeblieben ist. Wie qs innerlich Bet ihr aussieht, im Herzen, in der Seele, das behält sie für sich und sagt es auch ihrer alten Mutter nicht- Sie hat viel durchgekämpft in der letzten Zeit, das ist gewiß, und ich hoffe, daß die guten und großen Gefühle gesiegt haben. Vielleicht" — das feine Lächeln verstärkte sich — „sagt sie Ihnen mehr davon, als mir, wenn Sie einmal mit ihr sprechen."
„Sie erlauben mir das, gnädige Frau?"
„Ich bitte Sie darum. Es wird uns allen gut tun, denke ich. Ihnen und Edith und mir. Ihnen, das hoffe ich, zumeist; denn wir haben viel an Ihnen gut zu machen. Und nun verlieren Sie keine Zeit; gehen Sie zu den Grotten, und der Geiste des alten Catull möge Ihnen gnädig sein!"
Nauchmann nahm hastigen Mschied und machte sich auf den Weg.
Unter einem schattigen Torbogen des ehrwürdigen Oert- chens fiel sein Blick auf einen römischen Altar, der dort aufgestellt war und mit der Sprache der Steine den Namen des Jupiter Mneinries in die verwandelte Welt. „Jupiter und Wotan", fuhr es ihm durch den Sinn, und er gedachte mit schmerzlichem Lächeln der Götterwürde, deren er nun entkleidet war; gleich aber wanderten tröstliche Gedanken zu dem Mädchen voraus, das ihn wieder zu einem Gott machen konnte, sobald es nur wollte.
Sanft auf- und niedersteigend führte ihn ein Pfad nach der Spitze der Halbinsel hin, zu dem letzten der drei Hügel, aus denen sie sich zusammengefügt. Durch das schlanke, graugrüne Laub der Oliven glänzte von unten das Blau der Wasserfläche herauf, von oben das lichtere Blau des Himmels hernieder, und zwischen beiden ruhte der sonnige Tag. Ein Feind rüstete sich gegen ihn im Westen und schob die Wolkenwälle höher und höher hinauf; aber noch drohte er nur aus der Ferne und störte den Frieden der mittäglichen Stunde nicht. Auf dem grasigen Pfade weckte der Fuß des Schreitenden kein Echo, nur die Lazerten fuhren mit leisem Gerassel durch Laub und Gestrüpp.
lind jetzt war Rauchmann in der grauen Trümmerwelt ungelangt. Ten Felsen ähnlich geworden im Laufe der Zeiten, hoben sich die Gewölbe hervor, zerfallen, verwittert, und doch noch voller Kraft in ihrem Kampfe mit der Vernichtung. Zwischen zerbröckelnden Mauern dahinschreitend, blickte der Wandelnde durch Einsturzlücken hinab in unterirdisches Gemäuer, zu dem niederhängender >Epheu des grünenden Lebens Gruß hinuntertrug. Ms zju der äußersten Spitze der Halbinsel dehnte sich die verfallene Welt, und hier, wo die steinernen Reste unmittelbar aus der Seefläche hervorzuwachsen schienen, bot sich dem Auge der vollsten Schönheit Einklang, In duftig-blauen Tönen versöhnte sich der; Gegensatz von Wasser und Fels, verdämmernd leuchteten
Schneeflächen auf mächtigen Gipfeln gedämpft herüber, zarte Dünste legten sich schleiergleich um schroffe Formen, und in den Wolkenmassen, die sich am westlichen Himmel auftürmten, wechselten Lichter und Schatten von unheimlicher Kraft.
Nauchmann ging und sah weder Wasser, noch Himmel, noch Fels. Er spähte mit brennenden Augen nach einer Menschengestalt, die er hier in der Einsamkeit zu finden hoffte, und die ihm lieber war, als all die Zauberkünste der Natur um ihn her. Aber sein Suchen war vergeblich; nichts Lebendiges regte sich, nur die Wellen brandeten ganz leise gegen die Felsplatte, auf der die Insel wie auf einer riesenhaften Tafel ruht. Noch einmal schaute er nach allen Seiten umher; dann machte er Halt, setzte sich auf ein grasumsponnenes Trümmerstück und gab sich trübem Sinnen mit enttäuschter Seele hin.
Schluß folgt.
Zwischen den Ackßr-'u.
(Nachdruck verboten.) (Originalartikel des „Gieß. Anz.")
So nennt der Volksmund die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Eine merkwürdige Bezeichnung! Das neue Jahr beginnt doch mit demselben Augenblick, in dem das alte versinkt, wie also kann man sich in einem Zeitraum befinden, den es gar nicht giebt? Vielleicht meint ein phau- tasrebegabter Leser, man brauche sich zwischen dem 1. und 13. Januar nur auf den schmalen Streifen zwischen dem deutschen und dem russischen Grenzpfahl zu stellen, dann habe man auf der einen Seite das neue, auf der anderen noch das alte Jahr, stehe also „zwischen den Jahren". Gefehlt! Tie weite Reise nach unserer Ostgrenze brauchen wir gar nicht zu machen. Wir müssen uns nur im Geiste ein wenig in unsere Vergangenheit versenken, um des Rätsels Lösung zu finden. Tenn die Bezeichnung „zwischen den Jahren" ist nur eine historische Erinnerung.
Folge mir der Leser auf einem kurzen Gange durch die mannigfach verschlungenen Pfade des Gebietes der Chronologie. j
Wie wir erst seit wenigen Jahren eine einheitliche mitteleuropäische Tageszeit haben, so ist es auch noch nicht übermäßig lange her, daß Mitteleuropa nach einem einheitlichen Kalender seine Tage und Jahre zählt. Die Grundlage unserer heutigen Zeitrechnung bildet der von Julius Caesar neu geordnete und nach ihm der Julianische genannte römische Kalender. Er nahm das Sonnenjahr, d. h. die Zeit, in der die Erde einmal ihre Bahn um die Sonne durchmißt, zu 365 Tagen an, bemaß den jährlich verbleibenden Zeitüberschuß auf sechs Stunden und glich den so erwachsenden Unterschied durch einen alle vier Jahre eiugeschobenen Schalttag aus. Slber Caesars Rechnung war ungenau, er hatte dem Jahre 11 Minuten und 12 Sekunden zuviel gegeben. Teshalb war man nach 400 Jahren um 3 Tage 2 Stunden und 40 Minuten hinter der wirklichen Zeit zurückgeblieben, was im Jahre 1582 schon ein Beträchtliches aus machte. Die Nachtgleichen waren infolgedessen weit vor den 21. März gerückt, und die Ofterfeier, die von dem Konzil von Nicäa (325) auf den dem ersten Vollmond nach, dem Frühlingsäquinoctium folgenden Sonntag festgesetzt worden war, mußte von der Kirche für jedes Jahr genau berechnet und ihr Beginn jedesmal von der Kanzel herab verkündet werden. Papst Gregor XIII. machte diesem Zustand ein Ende, indem er den Julianischen Kalender verbesserte und den verbesserten, nach ihm der Gregorianische genannt, einführte. 'Er bestimmte durch eine Bulle 1) daß nach dem 4. Oktober gleich der 15. gezählt werden sollte, um den entstandenen zehntägigen Unterschied auszugleichen, und 2) baß um der Entstehung weiterer Unterschiede vorzubeugeu, alle 400 Jahre 3 Schalttage auszufallen hätten. Als Jahre, in denen ein Schalttag nicht eingeschoben werden sollte, wurden die Säkularjahre gewählt, deren Hunderter nicht durch 4 teilbar sind. So kam es, daß das Jahr 1900 kein Schaltjahr war. Indessen bleibt auch bei dieser Rechnung ein kleiner Rest, da die Tagesteile, 2 Stunden 40 Minuten, nicht berücksichtigt wurden. Für uns macht das aber nichts aus, da der entstehende Unterschied erst in 3200—3600 Jahren einen vollen Tag betragen wird.
Nun darf man nicht glauben, daß mit der Mille Gregors wie mit einem Schlage alle Kalenderungleichheit aus der Welt geschifft worden sei. Den Absichten des Papstes folgten


