Ausgabe 
30.11.1903
 
Einzelbild herunterladen

711

seinen Siegeszug vollendet und sich in allen Jahreszeiten heimisch gemacht. Es ist gänzlich unmodern geworden, ihn im Sommer einzumotten, seit man ihn im Seebad am Strande und an kühlen Sommertagen in der Sommer­frische schätzen gelernt und seine effektvolle Wirkung in der Zusammenstellung mit Seide und Spitzen mit duftigen, luftigen Stoffen erkannt hat. Wie er sich int Ballsäal die Existenzberechtigung erworben hat, so gestattet Frau Mode ihn zu Waschbluse und Piqusrock, und in den Ucbergangs- zeiten, in beitenalles" erlaubt ist, in denen sich das Batistkleidchen und der Wintermatttel neben dem schicken Herbst- und Frühjahrskostüm auf die Straße wagen dürfen, und die Strohhüte mit ihren Vettern vom Filz hartnäckig um die Herrschaft ringen, verleiht der Pelz, sei es in Form einer Stola, eines Capes oder auch nur eines winzigen Krägelchens der einfachsten Toilette das richtige Cache.

Ter Pelz hat einen doppelten Zweck zu erfüllen, er soll wärmen und schmücken.

In ersterer Eigenschaft hat er von jeher gedient. Matt darf getrost sagen, daß er überhaupt das erste Bekleidungs­stück gewesen ist,das der Mettsch kauttte. Der Eskimo näht sich noch jetzt in Tierfelle ein, um sich! gegen den eisigen Hauch, der feine heimatlichen Gefilde durchweht, zu schützen. Es liegt so nahe, daß der Mensch, selbst der wär- mendett Hülle entbehrend, des Spinnens, Webens und Nähens noch unkundig- zum natürlichen Kleide griff, das den Tierkörper bedeckt, und es für feine Zwecke nutzbar inachte. Tas Tierfell aber war hart, durch Klopfet! und Reiben wird es geschmeidiger, und von dieser primitiven Art der Bearbeitung des Felles ging man bald zum regel­rechten Gerben über. Die Germanen bereits verwandten die Eichenrinde zum Gerben der Tierfelle. Kochsalz, Alaun, Gerstenbrot und Weizenkleic, ja sogar fein eg Pudermehl sind Hilfsmittel der nwberncn Gerberei.

Unsere Voreltern in ihrer waldreichen, kalten Heimat wußten das warme Fell, das bett wirksamsten Schutz gegen bie rauhe Witterung bot, ganz bcsonbers zu würdigen. Felle bildeten die weiche Lagerstatt. Das Wolfs-, Bären- vder Fuchsfell um Schultern und Hüften geschlungen, den drohend weit anfgesperrten Tierrachen auf das. blonde Haupt gestülpt, von dein das wirre, lange Haar in dichter Fülle herabwallte, so waren die germanischen Hünen­gestalten der Schrecken der weichlichen Römer, die, wie die meisten Völker der warmen Zone, das buntgefleckte Tigerfell oder das Löwenfcll nur als Schmuck, als Decke, als Prunkmautel kannten.

Pelzhüte, pelzbesetzte Kleider, pelzgefütterte Mäntel' sind zu allen Zeiteit der Stolz ihrer Besitzer gewesen. Tas Nibelungenlied aus deut 12. Jahrhundert meldet von Kopfbedeckungen aus Zobel, von Hermelin und vom bunt- gefleckten Kleide aus schwedischem Luchspelz. Alte Bilder und Stiche zeigeit uns die großen Herren und Fürsten, die schönen Frauen tu mit kostbarem Pelz verbrämten Roben, nnt Muff uni) Pelzboa.

Eine eigenartige Verwendung fand das Pelzwerk tu der nnttelalterltchett Heraldik. Tas auf den Holzschild auf­geklebte Mappettbild wurde vielfach in Pelzwerk ausge­schnitten, wozu für die verschiebenett Farben auch ver- schtebener Pelz angewanbt würbe: für schwarz Zobel, weiß Hermeltn und rot Kelen, bes Marders rotes Fellchen, unb zur weiß-blauen Tönung, bes nordischen Eichhörnchens hell­farbenes Pelzkleid.

Ter Pelzhändler, der seinen Vorteil wahrnehmen Wilk, muß em gewiegter Kenner der Mare sein; denn unzählig Vnd bie Kniffe und Finten, um einem minderwertigen ?zell das tauschende Aussehen eines wertvolleren zu ver- leryen. , Zu diesem Zwecke werden bie Felle oft gefärbt Aachausbruck heißt,geblendet", in den Rauch gehängt, schadhafte Stellen mit eingesetzten Haaren aus- gebe.sert, Heinere Felle nebeneinander genäht und bie Naht- ftellen nut dünnem Papier von littks überklebt.

.... djrnrkt beherrscht die Mode in tyrannischer Will- nnd mtrn snrIr-e bie.$reife fallen und steigen macht

^ ^lager ihre Vorschriften erteilt, so bald diesem, bald jenem Tier zur Schvuzeit verhelfend. Oft ist notwendig. Geldgier und 5zabsucht treiben "tef Sager, ttt geradezu .brutaler Weise mit den armen sodaß bei manchen von ihnen das völlige Aussterben nur noch eine Frage der Zeit scheint dem ,,Kamtschatkabiber" genannten Stotterndem höchstens noch em paar Jahre prophezeit werden. Andere

wieder sind so scheu geworden, daß die Jagd mit den größten Gefahren verbunden ist.

Es sei hier nur an das Hinschlachten der Seals, der Seebären, erinnert, bie, wenn sie sich am Lattde auf den Felseninseln zwischen Alaska unb Kamtschatka lagern, in Scharen mit Knüttelhieben uiebergestreckt unb betäubt wer­den, unb denen das Fell, das den kostbaren Sealskin liefert, bei lebendigem, noch zuckenden Leibe abgezogen wird, während das rohe Fleisch bett Möveu zur Speise bleibt. Eine Zeitlang wurde das Schlachten so ausgiebig betrieben, daß von 800 000 Fellen 700 000 verbrannt wer­den mußten, um die Preise nicht allzu sehr zu drücken. Die Alaska-Gesellschaft versucht, dem allzu mörderischen Trei­ben Einhalt zu tun. Sie hat gleichzeitig mit dem er­worbenen Monopol den Vertrag geschlossen, jährlich nicht mehr als 100000 Stück zur Strecke zu bringen. Gegen bett russischen Zobel, der ehemals so reichlich auftrat, daß die Kamtschadalen nach Eroberung der Halbinsel ihre Steuern in Zobelfellen entrichten konnten, müssen jetzt regelrechte Wiuterfelbzüge unternommen werden. In listig gestellten Fallen wird ihm zu Leibe gegangen, beim er ist klug unb gewitzt geworden. Auch die Chinchilla, die das silbrig- graue Pelzwerk liefernde südamerikanische Hasenmaus, hat sich aus den Niederungen in die nnzugänglichen Fels­spalten der Kordilleren geflüchtet, so dem Jäger das Fallen- stellen mit halsbrecherischen Kletterpartieti würzend.

Wir Deutsche sind in unserer Geschmacksrichtung hin­sichtlich des Pelzes ziemlich konservativ. Es vererbt sich noch manches kostbare Stück von Kind auf Kindeskind, ohne Gefahr zu laufen, von heute auf morgen unmodern zu werden. Anspruchsvoller, was die Kostbarkeit der Pelze anbetrifft, sind bie Russen, bie sich als Besitzer der wert­vollsten Pelze und als gewiegte Pelzkenner rühmen dürfen. In Rußland gehört der Pelz zum Heiratsgut des Mäd­chens tote in anderen Ländern der Linnen- und Wäsche- schatz, und wohl jeder nur einigermaßen wohlhabende Bürgersmann besitzt mehrere Pelze, die , leichter und schwerer in der Qualität, der Witterung angepaßt sind. Tie kapriziösesten Modelaunen diktiert Paris, das in der Pelzkonfektion bie führende Stelle entnimmt.

Heuer hat sich Frau Mode von den Autojnngern beein- flussen lassen, bie es lieben, die rauhaarige Seite des Pelzes nach außen zu kehren. Das Pelzkleid ist als zu schwer ver­bannt, doch weite lose Pelzjacken, solche in Bluseitform, und der lange Mantel werden, letzterer jedoch nur, was Futter und Aufschläge anlaugt, in bett wirkungsvollsten Zu­sammenstellungen, von verschiebenen, von einanber ab- weichenbeu Pelzarten gearbeitet.

Russisch Fohlen mit weißem Astrachan, ber von dem tu der Bucharei gezüchteten Fettschwanzschaf gewonnen wird, oder in Verbindung mit echtem Nerz steht zum Beispiel vorzüglich aus. Auch Breitschwanz, zu dem das Lämmlein, uoch ehe es das Licht der Welt erblickt, sein Leben lassen muß, macht sich in seiner hübschen Zeichnung und tief schwarz gefärbt wundervoll zu echtem Hermelin. Das Wieselchen dessen weißes Winterkleid früher nur die Fürsten zierte und den Königsmantel lieferte, muß es sich gefallen lassen, jetzt ganz gewöhnliche Sterbliche zu schmücken. Das Weiß des Hermelin wirkt mit den eingesetzten Spätzchen 'der schwarzen Schwänzenden ungemein jugendlich und wird auch vielfach zu Muffen verarbeitet. Diese zeigen eine ganz abenteuerliche Taschenform. Breit und rundlich aufwärts gebogen, erinnern sie an bie Muffe bes Weidmanns. Man hat sie auch eckig, einer richtigen Handtasche gleichend, mit querstreifigem Besatz von Pelzrollcn, auch rund und riesen- ' groß aus langhaarigem Pelz gefertigt. Spitzen zum Pelz ist beinaheold fashion". Chiffonrüschen und Samt-Volants sind an deren Stelle getreten, auch werden Passementerien verwendet. Fuchs ist hochmodern. Zwar ist Freund Reinecke im roten Kleide fast ganz von der Bildfläche verschwunden. Dafür legt sich der Polarfuchs int reinsten Weiß um die Schultern der Schönen, und der kostbare Silberfuchs, der wie der Schwarzfuchs in Nordsibirien, int Kaukasus und in Nordamerika zu Hause ist. Schwarzen Füchsen werden viel­fach weiße Spitzen Künstlich aufgesetzt, während der Grau- suchs mehr zum Füttern von Reise- und Herrenvelzen be­nutzt wird.

Beim Pelzkaufen heißt es, mit Bedacht wählen. Man tut gut, den Rat eines Fachmannes einzuholen; denn der Laie weiß selten auf den ersten Blick Güte und Feinheit der vorgelegten Ware richtig zu beurteilen. Meist ist auch