Montag den 30. Movimöer.
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(Nachdruck verboten.)
Gin Wädc6enschicksat.
Frei nach dem Englischen von A. Wendt.
(Fortsetzung.) ,
„Alice, wollen Sie die Güte Huben, mir noch eine Tasse Tee zu geben?" fragte Sir Harry.
„Jawohl! Setzen Sie sich Jane", sagte Alice freund- lich. diese in einen Armstuhl drückend. Dann, sich an einen ernst aussehenden Herrn wendend, welcher vorher schon Jane einen Stuhl angeboten hatte, fügte sie hinzu: „Mr. Clower, wollen Sie freundlichst Miß Gratton die Komödie erklären und ihr die Rolle, welches sie spielen soll, zeigen? Vielleicht ändert sie ihren Entschluß doch und erfüllt unseren Wunsch-, die Partie zu übernehmen."
„Natürlich, mit großem Vergnügen", antwortete der Angeredete bereitwillig, und sich an Janes Seite setzend, gab er ihr eine kurze Erläuterung des Stückes.
Ihre ganze Kraft zusammenraffend, versuchte das junge Mädchen zuzuhören und den Sinn zu erfassen, sie machte auch einige Bemerkungen; aber selbst mit niedergesenkten Augen sah sie Mce mit Sir Harry am Teetisch stehen und sah des jungen Mannes Kopf sich zu Alice neigen, während er lebhaft aber leise zu ihr sprach und eine leise Röte Alices Wangen überflog.
„Sie sehen, es ist; keine sehr schwierige Rolle", sagte Mr. Clower. die Blätter des ll einen Textbuches umwendend; „eine reiche Witwe mit zwei Bewerbern, von denen der eine, welchen ich spiele, arm, der andere reich ist. Wenn ich nicht irre, ist die letztere Ihre Rolle, Sir Harry?"
„Und natürlich werde icb schließlich angenommen", sagte Sir Harry lächelnd. „Der Autor hat wahrheitsgetreu geschrieben und ist zu klug, eine Frau als selbstlos hinzustellen."
Einige Wangen erröteten, in einer Gruppe lachte man, andere murrten; Alice, welche Jane anblickte, sah, wie sich deren große, braune Augen schnell auf den Sprecher richteten und es aus dem Blick wie eine Bitte um Schonung sprach. Alices Wangen erbleichten. Sie sah vorwurfsvoll auf Sir Harry, und indem iie schnell naher trat, sagt, sie:
„Ich glaube, Miß Gratton möchte über das Stück nachdenken. Nehmen Sie das Buch mit, Jane, überlesen Sie Ihre Rolle, ich komme später zu Ihnen, um Ihren Entschluß zu hören."
„Ich hoffe, es wird ein für uns günstiger sein", bemerkte Mr. Clower, als sich Jane erhob; „überlegen Sie sich's, Miß Gratton, Sie werden einen ausgezeichneten Partner haben, Sir Harry spielt gut."
„O, ich werde meine Rolle recht natürlich und mit Wärme spielen", sagte Sir Harry lächelnd, indem er das Zrmmer durchschritt und die Tür für Jane öffnete.
Scheinbar ganz ruhig, mit aufrechter Haltung, den Mick
zu Boden gesenkt, entfernte sich diese, und Mce, welche den jungen Mann anblickte, sah, wie sich der strenge Ausdruck seines Gesichts milderte und er sie voll Schmerz und Zärtlichkeit betrachtete.
Tre Kinder spielten noch in der Halle, als Jane langfant die Treppe emporstieg. Tas heitere Lachen folgte ihr durch die lange Bildergalerie bis hinein in das Schulzimmer. Tiefes war nun erhellt, die Lampe brannte, ein lustiges Feuer prasselte im Kamin, die Tienersch-ast hatte das Zimmer während Janes Abwesenheit freundlich und behaglich gemacht.
Jane warf das Buch auf den Tisch und schritt erregt im Zimmer auf und ab, ihre Augen blitzten in verletztem Stolz und Schmerz. Wie durfte Sir Harry sich zu solchen Aeußerungen hinreißen lassen? fragte sie sich. Hatte er denn gar kein Gefühl, kein Mitleid, hatte sie noch nicht genug gelitten und ertragen, durfte er sie immer noch mehr verletzen und kränken, er, der einst vorgab, sie zu lieben? — Wie hart war dieser Mann doch wie unversöhnlich ! Er hatte alles, was sein Herz begehrte, alles, was das Lebest angenehm und wünschenswert macht: Liebe, Schönheit/ Reichtum. Und sie? — — Sie ergriff das Buch und durchlas es eifrig, während sie mitten im Zimmer stand. Es war eist kurzes, geistvolles Stück; zwar durchaus nichts neues, nichts besonderes, aber belustigend durch treffenden, glänzendest Witz. Ihre Rolle war die einer reichen Witwe, welche, wie Mr-, Clower sagte, zwei Bewerber hatte, von denen der eine vermögend, der andere arm war. Tie Witwe hatte den letzteren gern, nahm aber zuletzt den ersteren, während ihre Nichte den armen Freier heiratete.
Jane las schnell, mit klvprendem Herzen und brennenden Wangen, ihr Entschluß war gefaßt: sie wollte spielen, wollte ihm zeigen, daß er ihr gleichgiltig sei; sie wollte sich amüsieren und die Freuden der Proben genießen. Sie wollte für eine kurze Zeit vergessen, daß sie arm, freud- und freundlos war, sie wollte einmal wieder heiter und glücklich sein, wie damals in Pates-Hall.
„Nun, was werde ich hören, wie haben Sie entschieden?" fragte Alice, als sie nach kurzer Zeit ins Zimmer trat. „Menn Sie wirklich lieber nicht spielen wollen, werde ich Sie bei meiner Schwester entschuldigen."
Einige Augenblicke vergingen schweigend, dann sah Jane lächelnd auf und erwiderte: „Sie sind sehr gütig, ich danke Ihnen, aber die Rolle ist leicht, ich werde sie spielen."
Alice wechselte die Farbe. „Meine Schwester wird sich freuen, wenn ich ihr das mitteile. Werden Sie auch gern die Rolle übernehmen?"
„Ja", antwortete Jane kühl, „ich denke — ich denke, ich werde meine Rolle wie Sir Harrt, recht natürlich, und hingebend spielen."
12. Kapitel.
„Ist alles fertig? —" „Ja, ich denke wohl." „Wo ist Miß Gratdon?


