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klägliches Geheul ans. Thhmert bückte sich und trat durch die Tür. Mit einem stummen Gruß für die Umstehenden, näherte er sich dem Lager des Sterbenden, sah ihm lange schweigend ins Gesicht und fühlte seinen Puls: „Kennt Ihr mich, Jean?" fragte er.
Jean öffnete mühsam die schon halb erstarrten Augen. „Ich kenne Euch", flüsterten die bleichen Lippen.
Ter Priester bedeutete den Anwesenden, das Zimmer zu verlassen. Ueber das Bett gebeugt, nahm er alsdann des alten Mannes letzte Beichte entgegen, zärtlich bemüht, das schwache Gedächtnis und die brechende Stimme zu unter» stützen. Draußen brüllte der Sturm und jedes Ohr lauschte ängstlich auf das Rolleu und Rasseln der brouette de la mort, die nach dem Volksglauben von Totengerippen gezogen, auf Sturmesflügeln die Insel umkreiste, und auf die Seele des sterbenden Mannes wartete. Schnell vollzog der Priester die letzten, von der Kirche verordneten Bräuche; aus dem Kästchen auf seiner Brust nahm er das heilige Oel und das Sakrament. Die Freunde hatten sich wieder ins Zimmer geschlichen, Hamor lehnte an der Tür und blickte auf Thhmert, der sich wie ein mitleidiger Engel über den alten Jean beugte; doch lag in seinen bewegten Blicken so viel rein menschliches Leid und Mitgefühl, wie es ein Engel Gottes nicht hätte haben können. Die Lichter flackerten unruhig, und der Hund hörte nicht auf, zu wtn- selu. Jeans alte Frau und ein paar andere Weiber schluchzten und jammerten. Seltsame Schatten glitten durch das dämmerige Zimmer, sie huschten auch! über das roh in Holz geschnitzte hölzerne Schiff, das an der Wand hing und über die zwei großen Seemuscheln, die Jean vor fünfzig Jahren mit aus Indien gebracht hatte.
„Oh, daß ich Dich retten könnte, Dir meine Jugend und Kraft geben, mein armer alter Jean!" klagte Thhmert Über den Sterbenden gebeugt. Er liebte jeden Bewohner seiner Inseln, würde für jeden von ihnen freudig sein Leben dahingegeben haben. Hier aber war seine Macht zu Ende, auch er hörte das Rauschen der brouette über der niederen Fischerhütte.
Jean öffnete die Augen, ein schwacher Schimmer von zurückkehrendem Bewußtsein lag darin. Thymert beugte sich tiefer zu ihm herab. „Auf der See", stammelten die bleichen Lippen.
„Er möchte lieber zur See, als hier in der Hütte sterben, wer Ittnter uns teilte diesen Wünsch nicht?" dachte der Priester. „Aber sie kommen int Sturm, um Dich zu holen", sagte er laut und deutlich, „im Sturm Jean, im Sturm!"
Ein heftiger Windstoß erschütterte das Haus. Jean schien zu lauschen, ob der Sturm, der Genosse seines freien Schifferlebens, gekommen sei, ihn zu holen; der Gedanke schien ihm tröstlich aber es war nur ein letztes Aufflackern der Lebenskraft, dann schwand ihm das Bewußtsein. Der müde Finger begann nochmals sein schwaches Tick—tack, die Lippen blieben geschlossen. Voll zärtlichen Mitleids nahm Thhmert die arme, schwielige Hand, fühlte ihren matten Pnlsfchlag und legte die Hand faust auf die Brust des Greises. „Ruhe in Frieden, mein Bruder", flüsterte er leise. Die Hand lag still; für den alten Jean gab es weder Zeit noch Stunde mehr.
Gnenn lehnte an der Wand, mühsam ihre Bewegung bemeisternd, ihr war, als wollte ihr das Herz brechen. Das Licht fiel auf Hamors Gesicht in der Tür, aber selbst das vermochte ihren Kummer um den alten Fischer nicht zu lindern, nicht die Empörung ihres Innern gegen das Geheimnis von Schmerz und Tod zu beschwichtigen. „Warum muß es so sein!" dachte sie mit Widerstreben, „und wenn er auch im Himmel glücklich wird, weshalb muh das Scheiden so schrecklich schwer sein?"
Thhmert's Augen suchten die ihren, sie trat zu ihm heran. „Hast Du schon je einen Menschen sterben sehen?" flüsterte er sanft.
„Nein", antwortete sie schaudernd. Noch immer hob und senkte sich Jeans Brust.
„Auch das muß man sehen", sagte er feierlich. Sein mitleidsvolles Herz drängte ihn, seinem armen Fischervolk T,rost und Zuspruch zu, spenden; schön seine bloße Gegenwart beruhigte die trauernde Familie. Neben der rührendsten Liebe und Hilfsbereitschaft lag eine folche Größe und Hoheit in seinem Wesen, daß Hamor aufs tiefste davon ergriffen wurde.
„Unser Pfarrer ist ein Engel", sagte einer der rauhen
Männer, die an der Türe standen. „Jeans Seele kaust leicht von hinnen scheiden, da der eure bei ihm ist. Seht nur, er hat gar keinen Todeskampf!"
„Ich habe heute die Rauchprobe gemacht", murmelte ein anderer. „Er stieg jedesmal kerzengerade in die Höhe, Mir ist nicht bange um Jean. Seine Seele geht zu Gott."
„Jean war ein braver Bursche, da ist's ganz natürlich!, daß der Rauch auf steigt. Was sollte der Satan auch mit der Seele eines wackeren bretagnischen Seemanns aiifangest? Die heilige Jungfrau erbarme sich seiner!"
Jeans jüngstes Enkelkind zupfte weinend an Guenns Schürze. Das kleine Ding fühlte sich, verlassen und Gnenn nahm es mitleidig auf den Arm. Es war gan zjerstarrt vor Frost und Nässe, denn es hatte art der Tür gekauert, durch die der Regen unbehindert eindrang. Das junge Mädchen drückte das arme kleine Wesen an sich, es sorgfältig mit dem Tuch umhüllend. In der behaglichen Wärme sank das Kind bald in tiefen Schlaf und Gnenn wagte kaum, sich zu rühren, aus Furcht, es zu weckeit. Es war so tröstlich das Kinderhändchen und das müde Köpfchen auf ihrer Schulter zu fühlen; Jean war zwar tot, aber sein Enkelkind lag an ihrem Herzen, und ein hell beleuchtetes, liebes Antlitz an der Tür lächelte freundlich! auf sie herab; die Welt erschien ihr schjon weniger hart und grausam.
Nachdem die Sterbegebete für die abgeschiedene Seele beendet waren, wandte sich Thymert zu ihr: „Ich, werde die Fran des Sergeanten im Fort bitten, Mr für heute nacht ein Obdach zu gewähren", sagte er.
„Aber ich möchte lieber mit Ihnen zurückkehren." „Nein, Du sollst bleiben", erwiderte er ernst.
Seine Worte waren ruhig, doch bestimmt. Hier auf feinen öden Inseln, unter seinen Fischern, die ihn liebtest und verehrten, inmitten von Kümmer und Armut, Not und Tod, fühlte er sich als Herr und Meister. Hier wenigstens sollte ihm kein Fremdling dreinreden. Gnenn fügte sich schweigend.
Hamor hatte die ganze Zeit über als stiller Beobachter dagestanden, mit Teilnahme und Verständnis war er jeder Bewegung des Priesters gefolgt. Er sah, wie Thymert die Kissen des Sterbenden glättete, wie er ihm die trockenen Lippen anfeuchtete, ihm fein edles Antlitz liebevoll zuneigte, wie er den Frauen andeutete, ruhiger zu fein, und dann wieder gespannt auf die geheimnisvollen Stimmen der Nacht und des Sturmes lauschte, und wie seine dunklest Augen die ihm anvertrauten Seelen zu suchen schienen/ voll des sehnlichsten Wunsches, für sie zu leiden, zu sterben, sich für sie aufzuopfern.
Ein eisiger Sprühregen, scharf wie Hagelschauer, schlug ihnen entgegen, als sie die Hütte verließen.
„Warum wollen Sie heute nacht noch hinüberfahren, monsieur le recteur", fragte ein alter Fischer, der ihnen! mit der Laterne hinab an den Strand leuchtete. „Unter jedem Dach würde man stolz darauf sein. Sie beherbergen zu dürfen."
„Ihr wißt ja, daß sie in solchen wilden Nächten ruhelos sind", versetzte Thymert, den Mann ernsthaft anblickend.
„Freilich wohl", erwiderte der alte Bursche verständnisvoll, „auch wunderts mich! nicht."
„Wenn ich bei ihnen auf dem Friedhof bin und ein Gebet für ihre iawmen Seelen spreche, sind sie doch nicht so ganz allein. Ich verlasse sie niemals in so schlimmen Nächsten. Gott schenke ihren Seelen die ewige Ruhe!"
„Amen", fügte der Fischer hinzu, sich andächtig bekreuzend.
Jeans Hund war jetzt ruhig, und die brouette de la mort war mit der geschiedenen Seele vorübergezogen.
Der Wind blies Guenn den Wellenschaum scharf ins Gesicht; sie stand ganz durchnäßt da, um zuzusehen, wie man das Boot flott machte.
„Bleiben Sie doch auch hier, Monsieur", wandte sich Thhmert zu Hamor. „Sie brauchen durchaus nicht mitzukommen."
„Doch, dochj", rief Hamor eifrig. „Ob wir schwimmen ober versinken, ich gehe mit Ihnen."
Der Priester winkte mit der Hand, als ergäbe er sich leidend ins Unvermeidliche, und bestieg mit Hamor das Boot.
„Gute Nacht, gute Nacht", erscholl es aus den rauhen Kehlen der Fischersleute, „die heilige Jungfrau geleite Euch ÄLÄ HM"


