Ausgabe 
30.9.1903
 
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Ö78

unermüdliche Güte und Freundlichkeit sind Eigenschaften, die auch auf das roheste Gemüt ihre Wirkung nicht ver­fehlen. In Plouvenec galten Mut und Unerschrockenheit viel und deckten die Menge der Sünden zu: den meisten Seeleuten fehlte es dort weder an Mut noch an Sünden.

Thymert war wie geschaffen zum Volksführer. Hätte er tausend Jahre früher gelebt, seine kühne Phantasie, seine Liebe zur See, sein hoher Sinn würden ihn an der Spitze seines Stainmes hinausgetrieben haben, um sagenhafte, glückliche Gefilde zu suche«; Barden hätten seine Helden­taten in Gesängen gefeiert, die noch nach Jahrhunderten in keltischen Klöstern erklungen wären. Im ganzen Lauf der Geschichte der Bretagne konnte man sich Thymert leicht in jeder hervorragenden Rolle denken, nur durfte man ihn nicht aus seinem heimatlichen Boden verpflanzen. Hier Untre er stets sicher gewesen, eine Gefolgschaft, treue An­hänger zu finden.

Tem wackeren Priester strahlte sogar bei dem ein­fachsten Gruß, ihm selbst unbewußt, das Feuer seines Wesens, Liebesglut, tzeldenkrafi, heiliger Zorn, aus den Augen; Licht und Wärme schienen seiner Spur zu folgen, wohin er kam. Die Leute von Plouvenec liebten ihn, jeder freute sich, dem er begegnete; die kleine Welt, in der er lebte, schien ihnen eine weit bessere, glücklichere zu sein. Stellten sich doch die meisten unter ihnen einen Engel der Barmherzigkeit nicht als ein überirdisches Wesen mit wallenden weißen Gewändern und goldenen Fittigen vor, sondern als einen sonnengebräunten Priester in alter, ab­getragener Soutane.

Zum erstenmale vielleicht in seinem Leben erging sich Thymert heute in Betrachtungen über die Gemütsart seiner Landsleute. Wer so befriedigend sein Urteil auch aus­fallen mochte, er fragte dennoch keinen von ihnen nach Guenn Rodellec, wie er es gestern noch ruhig getan haben würde, gestern ehe die Fremden kamen. Heute schien ihm, als müsse er eine Frau nach ihr fragen, und! welche Frau war wohl so klug und verständig wie Madame in den Voyageurs? Guenns Name war schon viel zu viel im Munde der Männer gewesen; auch nicht mit den braven Schiffern, die -doch das Leben für sie gelassen hätten, konnte er heute von dem kleinen Mädchen sprechen.

Er fand Madame in ihrer Vorratskammer, wo sie eifrig beschäftigt war, Mnterbirnen abzuwischen unb' in Seiden- paprer zu wickeln. Er bat sie, sich nicht stören zu lassen, und blieb neben ihr stehen, aufmerksam allen Bewegungen ihrer sicheren, fleißigen Hände folgend. Prüfend blickte sie von Zeit zu Zeit von ihrer Arbeit zu ihm auf.

Es ist so still hier, Madame", begann Thymert end­lich seufzend.

Weil man hier die See nicht hört, monsieur le rec- teur", erwiderte sie gleichmütig.

»Ihr Haus ist gut besucht, das Geschäft blüht und gedeiht, nicht wahr, Madame?"

Ja; zwar die Sommergäste sind fast alle fort, aber wir haben noch die Künstler zum Winteraufenthalt und die Geschäftsreisenden. Ich bin recht zufrieden mit der Saison."

Sind das dieselben Künstler, die gestern auf den Lannious waren?"

Jawohl, monsieur le recteur,"

Er stand noch immer auf demselben Fleck und schaute ihr zu.

Es ist so still hier", kam es endlich abermals von feinen Appen.

Sie lächelte fast unmerklich.

Sie finden diese Künstler angenehm?" fragte er weiter, eine gewisse Erregung zitterte in ferner Stimme.

Freilich, monsieur le recteur. Unsere Künstler hier sind alle fleißige, liebenswürdige Menschen."

Ja, liebenswürdig schon, aber es find doch- Fremde", sagte er mit gerunzelter Stirn.

Aha, jetzt kommt's", dachte Madame, mechanisch ihre Papiere glättend.

»Wissen Sie vielleicht, wo Herds Rodellec zu finden ist?"

Madame deutete schweigend hinaus auf den Quai. So­fort stieg vor seinem Geiste der kleine Branntweinlaben aus, die Nacht des großen Fischfangs, der Lärm, die Menschen, und dazwischen Hamor, Rodellec und die kleine zarte Mädchengestalt, die sich hindurchdrängte. Wie hatten doch die Fremden gesagt?Nacht für Nacht unter den rohen Seeleuten?"

Es läßt sich nicht viel mit ihm anfangen", bemerkte Madame milde

Nein"

"Aber Guenn ist ein so gutes Kind."

Wissen Sie vielleicht, wo ich! Guenn suchen kann?'< kam es nach langer Pause fast schüchtern von seinen Lippen.

Boyons", iiberlegte Madame",heut ist Montag, also hat sie bei der Fischverpackung nichts zu tun, so totrb- sie wohl drunten an der dritten Bucht sein, ich sah sie vorhin mit Nannic und Jeaune zum Strande hinab gehen. Dort würden Sie sie also sicher finden, monfienr le recteur."

Ich danke Ihnen", sagte Thymert einfach. Tie Spann­ung war jetzt von ihm gewichen, er war froh, daß er die Frau aufgesucht hatte, es lag etwas so Beruhigendes in ihrem Wesen, in der Sicherheit ihrer Bewegungen.

Sehen Sie Guenn jeden Tag, Madame?"

Beinahe; es ist hier in den Voyageurs nicht schwer, zu wissen, wo die Leute sich aufhalten, und besonders Guenn."

Warum?"

Weil die Kleine so hübsch ist, daß man sie nicht ver- wißt; weil man sie überall hört und sieht, weil sie die! Geschickteste bei der Arbeit, die Fröhlichste beim Spiel ist, weil sie so viel reizender ist als die andern Mädchen, und wohl ein Dutzend von ihnen aufwiegt."

In Thymerts Augen schimmerte ein dankbarer, freu­diger Glanz. Zögernd fuhr er fort:Es muß doch zu Haus sehr einsam für das Kind sein."

Madame lächelte.Sie ist so selten daheim, monsieur le recteur."

Nach abermaliger Pause hob er stockend an:Könnten Sie nicht, Madame wenn sie gar so viel herumläufti möchten Sie sie nicht vielleicht hier im Hause beschäftigen, es es ist so ruhig und friedlich bei Ihnen."

Die Voyageurs sind kein guter Ort für junge Mäd­chen", lehnte sie freundlich ab,es ist lange nicht so ruhig als Sie wohl denken. Tie Fremden verderben mir die Mädchen. Gibt es etwas Eitleres und Hohleres als Mar­guerite? Vor zwei Jahren noch war sie gentil'e. Ich brauche sie für das Cafe, sie ist ein tüchtiges Schenk- mädcheu, hat aber weder Kopf noch! Herz. Meine Nichte aber, monsieur le recteur, möchte ich! nicht hier haben, und Guenn Rodellec ebensowenig. Ich könnte die Mädchen doch picht intimer bei mit behalten, sie wären mindestens ebensoviel bei beit Fremden, und die sind wohl liebens­würdig, aber unsere Mädchen sind am besten bei ihres­gleichen aufgehoben."

Thvmert machte eine ungläubige, abweisende Beweg­ung: lächelnd beobachtete ihn die erfahrene Frau. MH freundlicher Gönnernnene und kaum merklichem Spott: in diesem Augenblick sah sie in ihm nicht den Priester, son­dern nur den jungen Mann fuhr sie dann fort:

Glauben Sie mir, monsieur le recteur, eine rauche Nacht drunten an der Bucht ist weit ungefährlicher für die Mädchen als ein Mittagsmahl in den Voyageurs, wo die Fremden ihnen zulächeln, wenn sie den Suppenteller nehmen, leise flüsternd Wein bestellen, und sich beim Kaffee nach dem Schnitt ihrer Häubchen und unseren verschiedeiten Trachten erkundigen. Die Fremdlinge haben weiche, ver­führerische Stimmten, und ohne daß sie Böses beabsichtigen/ fchaden fie den jungen, törichten Dingern, die nicht be­greifen wollen, daß solche Worte, solche Blicke nicht für sie sind, und mit Entzücken soviel wie'möglich von dem Gift lennfäugen. Tie jungen Herren freilich, streuen ihre gefährliche, abgenutzte Münze aus, ohne Rene zu empfin­den. Es ist sehr unrecht, aber so ist halt das Leben!"

Thymert stand gedrückt, unentschlossen und ^ängstlich vor ihr; Zweifel unb Bestürzung malten sich bei ihrer Rebe, in seinen Zügen. ' ,

Tu armer, junger Pfarrer Du", dachte Madame int Stillen,Tu hast auch ein zu großes Herz, und der Weg, den Du gehen sollst, erscheint Dir. dunkel!Voyons", fuhr sie ermutigend fort und sah ihm mit durchdringendem Blick in die Augen,unsere Mädchen sind gute brave Kinder und schließlich bin ich ja auch noch da, nm nach dem Rechten zu sehen. Früher oder später gehen die Fremden fort und bis Sahin halte ich die Augen offen."

Thymert fühlte ein unbegrenztes Vertrauen in ihre Macht unb Stärke. Aber freilich Madame hätte ja die Fremden nicht auf den Lanuions sprechen gehört.

Guten Morgen, Madame", sagte er mit plötzlichem Entschluß,ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit; ich bist froh, mit Ihnen gesprochen zu haben."

Bitte, Litte, monsieur le. recteur"- versetzte sie höflich.