Nr. 80.
Samstag den 30. Mai.
wöraifif1 Ä j LM»
¥Ql[yj
ZRW
Pfingsten.
(Nachdruck verboten.)
Christ, unser Meister, Heiligt die Geister, Freue dich, freue dich, Christenheit!
Und „freue dich!" hallt es wie ein jauchzendes Echo durch die ganze Welt. Aus den Lüften, aus den Wäldern, aus jedem Baum und jeder Blüte ruft es uns zu: „Freue dich!" Warum sollten wir uns auch nicht freuen an all der Herrlichkeit, die der Frühling ausgestreut hat über die Erde, die nun im bräutlichen Schmuck strahlt, wieder- geboren zu einem schönen, neuen, verheißungsvollen Leben und prangend in der Schönheit und Fülle jugendlicher Kraft. Und wir alle sind geladen zu dem Fest der Freude. Darum schmücken wir uns mit festlichen Gewändern und schmücken das Haupt mit Mumen, damit wir auch würdig seien, teilzunehmen an dem hohen Feste. Wie die Maien leuchten und duften im goldenen Sonnenlicht! Wie die Vögel singen im jungen Laub. Wie die Käfer und Falter sich tummeln im blühenden Rain! Und von fern her läuten die Glocken so freudig und hell! Da werden die Herzen weit und die Brust ist erfüllt von all dein Schönen, daß wir freudig mit einstimmen in den Gesang: „Wie ist doch die Erde so schön!" —
Aber ist es denn dies allein, was uns so froh macht? Ist denn die Erde nur heute so schön? Ist )ie es nicht auch in dem satten Glanz der Sommertage, rn dem reichen Schmuck des Herbstsegens und in der flimmernden, leuchtenden Pracht eines sonnigen Wintertages? O ja! Aber nicht diese Schönheit allein ist es, die n,rs himmelan jauchzen läßt. Es ist der geheimnisvolle Zauber, der uns mit der Natur verbindet — noch immer verbindet, wie sehr wir uns unter dem Einfluß dessen, was wir Kultur nennen, von ihr abgewendet haben im Laufe der Jahrhunderte. Wie sich auch das Leben des einzelnen und der Böller gestalten mag unter den so völlig veränderten Lebensverhältnissen und Le- vensgewohnherten, unter den Genüssen und Entbehrungen unserer nervösen, hastenden Zeit: ganz können wir uns doch Nicht losrerßen von der Mutter Natur. Und wenn sre ihre Arme öffnet und uns ruft und lockt mit tausend ^^EEN, dann fliegen wir ihr doch an die Brust und lauschen ihren,Atemzügen in freudiger, seliger Vergessenheit. Und wie haben wir uns gesehnt nach diesem Freudentage und auf ihn gehofft! Und nun er erschienen ist m seiner schöpferischen Kraft, da regt es sich auch tu unseren Herzen, da erwachen die schlummernden Keime, die dem Licht, entgegenwachsen und sich entfalten möchten, fw. AU betätigen, wo alles wächst und wird. —
Wenn nun Glück und Freude herrscht überall, haben
wir da nicht das Paradies auf Erden? Finden da! Leid und Unheil noch eine Stätte unter uns?
Ja, viele wandeln noch im Schatten und werdet des' Pfingstfestes nicht froh. ' Das sind nicht jene, die unter des Tages Last seufzend ihre Straße zieh'n, —i nein, zu deren Herzen findet ein Sonnenstrahl wohl seinen Weg und auch an ihren Pfaden blühen wohl noch die Blumen stiller Freuden. Nein, jene sind eS, die kein Festgewand angelegt haben, die nichts halten von den Blumen des Feldes und dem Gesänge der Vögel. Wohl genießen auch sie die Freuden des Lebens, Freuden eigener Art: es ist die Luft am Bösen, die nichts zu tun haA mrt der reinen Freude des Pfingstfestes. Dicht neben den Rosen der Liebe blüht der Giftstrauch des Hasses, des Neides, der Habsucht und anderer wilden Leidenschaften, und ihre Früchte sind Kummer und Herzeleid, Not und Tod. Wie schön ging die Welt aus der Hand des Schöpfers hervor und was hat der Menschen Leidenschaft und Sünde aus ihr gemacht! — Einst ein Paradies, ist sie vielen jetzt ein Ort der Qual geworden, den sie fliehen möchten, weil er ihnen keine Freude mehr bietet.
Wenn wir um uns schauen und inmitten aller Schönheit und Freude die Not erblicken, die uns umgiebt, das Unheil, das täglich neu geboren wird, und die Finsternis, die trotz des strahlenden Sonnenlichtes soviel Seelen erfüllt, dann wird uns' wohl bange, die Sorge um die Zukunft bedrückt uns das Herz und wir fragen zweifelnd: „Wird denn jemals das Menschengeschlecht das hohe Ziel der Vollendung erreichen, das die Besten erstreben? Wird es jemals ein Geschlecht geben, graß durch Weisheit, stark durch Wahrheit und Gerechtigkeit, glücklich und frei durchs tue Lrebe?
An guten Lehren und Beispielen hat es nicht gefehlt. Unter allen Völkern hat es Männer gegeben, die den Weg zeigten zum Guten, zuin Heil, zur Vollkommenheit. Und wenn wir nun sehen, wie viel noch zu tun ist an dem großen Werke, dann schwindet wohl oft der Mut, und trostlos ob der vergeblichen Mühen läßt der Menschenfreund die Hände sinken. —
Aber — ist denn heute nicht Pfingsten?
„Ich ivill euch den Tröster senden", sagte der Herr, als er von seinen Jüngern schied. Und er sandte ihn, am Pfingstfest. Da erhoben sie ihre Herzen und Blicke zur Höhe und wurden der Kraft inne, die ihnen gegeben ward, hinauszuziehen in alle Welt, zu predigen das Evangelium der Liebe und der Erlösung von allem Bösen.
Und mit jedem neuen Pfingstfest naht sich uns der Tröster, der uns erheben will aus dem Staube der Alltäglichkeit, der unsere Blicke lenkt auf die Wunder der Schöpfung und uns zuruftr „Freue dich!"
Und wahrlich, schon das Schauen der Wunderwerke Gottes in der Natur sollte uns erfüllen mit der Kraft des Glaubens und dem Tröste fteudiger Hoffnung. Sollte die


