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sich
gelang ihm, nicht ohne Schwierigkeit, die Boote ans schlüpfrige Ufer zu bringen.
Es war eilte harte Arbeit, und da Otto Eonhbeare sich nicht erbot, ihn dabei zu unterstützen, so bedurfte es einer langen Zeit, ehe er, zuerst, indem er mit einer alten Gelte das Wasser aus den Booten schöpfte, sie aber dann etwas auf die Seite legte, um sie vollends zu leeren, die Arbeit glücklich zu stände brachte. Als er schließlich den Kopf mit einem tiefem Aufatnieu der Befriedigung erhob, sah er unten im Fluß ein verwittertes altes Boot, in dem ein junger Fischer, nicht der theatralischen, sondern der realistischen Art, in einem harten Filzhut, einer schmutzigen buntwolle- nen Jacke und einem Paar riesiger Seestiefeln saß, der ihn nut einer Miene betrachtete, in der Mitleid und Verachtung such mischten.
„Sie weiß immer einen Dummkopf Herumzukriegen, der ihr die schmutzige Arbeit verrichtet", bemerkte er mit einem Rucken des Kopses in der Richtung auf die schöne Nell. „Und je bessere Kleider sie anhaben, desto lieber ist es ihr noch. O, sie ist eine abgefeimte Schönheit!"
Am liegt es nicht in der menschlichen Natur, gern in i)er „Dummköpfe" geworfen zu werden, und Clifsord, der kaum noch ein tieferes Rot anftreiben konnte, als ihm die Anstreiigung schon in die Wangen getrieben hatte, versuchte vergeblich, eine Art philosophischen Gleichmuts zur Schau zu tragen.
,/Jch fürchte, Mann, daß Sie nicht die schuldige Achtung vor Frauen haben", sagte er, die Arme tief in den Rock hineinsteckend, weil er Lust verspürte, den Kerl in den Fluß tzn werfen. y
- „Es verlangt mich nicht danach mir das Herz aus dem Leibe zu arbeiten und dafür keinen Dank zu ernten", entgegnete der Fischer.
seiner angenommenen Selbstverleugnung fing Clhford an, sich wie ein Narr vorzukommen. Er blickte nach der Stelle, wo Nell neben dem Schuppen gestanden halte, und sah, daß sowohl sie wie feilte beiden Freunde ferschwunden waren. Der Fischer lachte höhnisch und steckte einer Miene der Befriedigung die Spitze einer alten Pfeife in den Mund.
"2ch war ihr nicht modisch genug und danke meinem Men Sterne dafür, daß ich's nicht war; 's hat meinem Ziuckeit manch eine schwere Last zu tragen erspart."
^ Clifford fühlte sich befriedigt, da es beleidigtes Ehr- Wuhl gewesen war, seine Anträge zurückgewiesen zu fthen, was den Fischer bestimmt hatte, so verächtlich von ihr zu sprechen. Daher sagte er ohne Erregung: „Ich hätte gedacht, daß kem Mann Bedenken tragen würde, Männer- Arbeit zu verrichten, um die Hände einer Frau zu schonen."
Der Fischer paffte einige Sekunden lang still aus seiner schmutzigen kleinen Pfeife vor sich hin.
„Feine Worte das", sagte er endlich „Und vielleicht wärd ich von einigen Frauen dasselbe sagen. Doch nickt einer kleinen langfingerigen Dirne wegen, wie der da." Und wies boshaft mit dem Kopf nach dem „Blauen Löwen" In.
^.-/langfingerig!" rief Clifford nicht ohne Entrüstung. ^Wissen Sre, was Sie damit sagen?"
„Sie würdv sicher sein, daß ich's wüßte! Nun, so «ragen Sie doch die Leute hier herum, was für einen Ruf der „Blaue Lowe" bekommen hat, seit die junge Miß darin haust. Fragen Sie, ob das Haus noch so ehrlich ist, um die «acht darin zuzubringen, wenn man Geld bei sich hat. Fragen Sie das, und bringen Sie dann zwei und zwei zusammen, wie ich es tue und jedermann es hier tut )er da weiß, was der Ort war, ehe fie kam, und was er jetzt ist!"
Clifsord fröstelte unter der heißen Septembernach- mittagssonne, als dieser Strom von Anschuldigungen an semem Ohr vorüberrauschte, und sah an der Leidenschaft im Gesichte des jungen Fischers, daß es ihm ernst damit war.
Ehe er antworten konnte, schreckte ihn Nells süße Stimme auf, die ihn anredete.
2. Kapitel.
Eine Nacht im Ga st Hause.
„Ich bin Ihnen so dankbar, so überaus dankbar."
Clifford sah sich um und erblickte die schöne Nell Claris neben den Booten, die er nach ihrer Anweisung ans Land gezogen hatte.
„Ich fürchte, daß es Ihnen viel Mühe gemacht haben
muß.
Wasser.
Eines von ihnen war, wie ich weiß, fcust ganz
Volk
„Nun ;a, es war nicht so leicht, sie heraufzubringen, weil das Ufer abschüssig und der Boden gerade hier recht schlupfrig ist. Ich bin aber sehr erfreut, im stände gewesen zu fein, Ihnen den kleinen Dienst zu erweisen."
„Es war kein kleiner, es war ein großer Dienst", sagte Nell mit einem Blicke, der, wie Clifford fühlte, be- raufcheud war.
In diesem Augenblicke vernahm er wie den Schall eines kurzen spöttischen Lachens, und als er sich mit raschem Erröten nach dem Flusse umwendete, sah er den Fischer mit einem Gesichte voll Schadenfreude gemächlich in feiner Schenke stromaufwärts nach Fleet-Castle hinfahren. Obschon es ihm etwas unbehaglich zu Mute war, war er doch froh, daß der Mann sich entfernt hatte.
„Ihre Freunde sind zurück nach Stroan gegangen", sagte Nell, die auch ihrerseits ein wenig errötet war, als fie des Fischers verdächtiges Lachen hörte.
„Ist das für mich ein Wink, ihrem Beispiel zu folgen?"■
„O wirklich nicht, nein. Mein Onkel sagte, als ich ihm mitteilte, was Sie für uns getan haben, daß ich Sie bitten möchte, hereinzukommen und eine Tasse Tee mit uns zu trinken. Wenn Sie sich nämlich herablassen wollten, die Einladung eines Gastwirts und feiner Nichte anzunehmen."
Nell lächelte ein wenig, als sie diese Worte hinzu-, fügte, und die Art, wie fie fie vor brachte, ließ eine so herbe Auffassung der gesellschaftlichen Unterschiede bei iHv sichtbar werden, daß Clifford in der Meinung bestärkt wurde, das Mädchen befinde sich in diesem an der Straße liegenden Wirtshaus lächerlicherweise ganz außerhalb seiner eigenen geistigen Lebenslust.
Er folgte ihr in ein winziges Wohnzimmer auf der Rückseite des Wirtshauses, wo der Onkel sich ihnen zu- gefellte, ein dicker, jovialer Mann mit einem runden, roten, treuherzigen Gesicht, der augenscheinlich seine Nichte sehr lieb hatte, obschon jedes Wort, das eins und das andere vorbrachte, den auffälligen Unterschied zu betonen fchien,. der zwischen beiden bestand.
„Stolz, Sie kennen zu lernen, Sir", sagte George Claris, als ihm- Clifford die. Hand entgegenstreckte. „Ich bin stolz darauf, jeden zu Hennen, den meine Nell für wert hält, mit ihm Bekanntschaft zu machen. Sie ist wunderbar eigen, die Nell. Gott, was würde Ihr Freund, Mr. Jordan, für eine Einladung zum Tee hier wie diese gegeben haben! Nicht so, Nell?"
Nell errötete und lenkte des Onkels Aufmerksamkeit auf seinen Tee, während sich Clifford, etwas überrascht, der Nachricht erfreute, daß er Jordan, selbst ohne Kampf, aus-, gestochen hätte.
Nell ihrerseits klärte dies unverzüglich auf, nachdem ihr Onkel wegen Geschäften am Scheuktisch abgerufen wor> den war und die beiden jungen Leute beisammen allein saßen und durch die offene Glastür in den Garten hinter dem Gasthofe blickten.
„Ich fürchte, Sie werden denken, daß ich Ihren Freund nicht eben gut behandelt habe, nachdem ich ihn doch veran-, laßte, jenen Schuppen für uns zu teeren", sagte sie mit einem hübschen Erröten der Wangen, indem sie auf das Tischtuch niederblickte und Clifford Gelegenheit gab, zu bemerken, daß ihre langen, goldbraunen Wimpern die schönsten wären, die er jemals gesehen hatte.
„Ich fürchte nur, daß er es selbst denken wird", sagte Clifford mit erkünsteltem Ernst. „Auch ich sollte meinen, daß er nach einem sv schwierigen Werke eine Tasse Tee wirklich verdient hätte."
Nell blickte beunruhigt auf, ihre blauen Augen waren vor Erregung noch glänzender und ihre Stimme war ernst und bebte.
„Ach, Sie wissen ja nicht —" sagte sie rasch. „Ich bin nicht undankbar, aber ich bin in einer sehr schwierigen Lage, und ich muß vorsichtig in der Behandlung der Leute sein. Wissen Sie nicht selbst, daß sehr viele Männer, selbst Gent^ leinen — oder die sich so nennen, das Recht zu haben glauben, ein Mädchen, das in einem Gasthofe lebt, anders zu behandeln als andere Mädchen? Gewiß, Sie müssen das wissen."
Clifford wurde rot, weil er erkannte, daß das Mädchen eine schwache Stelle der gesellschaftlichen Rüstung Willies durchschaut hatte.
„Nun, aber —"


