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Taut, sah sie mich an, es war ein eigenartiger Blick, als fÄnte er nicht aus dem Auge, sondern aus der Seele, so tief und voll war er. Das war die Sehnsucht, die große, nie eudeuwollende Sehnsucht! .
Tauu kam ich ia-n eine Fabrik; der hohe Schornstein ragte prohig und wuchtig über die Dächer der Arbeitsräume hinweg; qualmige Wolken entstiegen ihm und wälzten sich laugiam in die Ferne; dann schrie eine Dampfpfeife, durch- driügend, befehlerisch! In der rauchgeschwärzten Fabrikmauer öffnete sich eine Pforte. Erst kommen einzelne Arbeiter die einander den Rang ablaufen wollen, der Erste zu fein, der die Fabrik verläßt, bann kommen mehr, und endlich quillt es unaufhörlich hervor, Männer, Weiber, alte und junge. Solche, die noch Hoffnung haben, viel Hoffnung haben, irnd andere, die nichts mehr erwarten vom Sebpn. Schier uuversieglich scheint die Fabrik. Run kommen sie ivärlicher; bann ein letzter. Langsam folgt er den anbereit; sein Auge ist ernst und fütnenb, aber nicht freubtg; ihm haftet etwas an, als sei er ein Königssohn, ber verdammt ist, Sklaveubienste zu tun. Plötzlich durch den Abend ein leiser, schwingender Ton, verdämmernd, vergehend, bann voller wieder kehr eub tot eher vergehend, um bann boch wieberzukehren, markig itnb voll.
Glockenklänge, Kircheuglockenkläuge; sie ziehen herüber milb, weihevoll, alles Unruhige in ber Brust lösend und mildernd. Aber der Manu bleibt plötzlich stehen; in ihm stieg eine Erinnerung empor; als er noch Knabe war, war er auch einmal so allein gegangen, und mit einem Male hatten die Glocken geläutet wie eben jetzt. Da waren schöne, große Gedanken in ihm aufgestiegen, meuschett- befreieube, erlösenbe Gedanken; wie am Abend zuerst ein Stern zage aufblinkt, nach nttb nach aber an seinem Lichte sich Millionen von Sternen entzünben, so blühten aufs neue in bem Manne ein Gebanke nach bem anderen auf. Unb ba ging er heim unb sagte sie seinen Kinbern unb bie Kinder sagten sie anberen Kinbern unb sie alle hegten bett großen, menschenerlösenben Freiheitsgebanken bes Mannes. Und es kam die Zeit, wo aus den Kinbern Große würben, aus bett Knaben Männer, aus bett Mäbchen Frauen, unb es kam ber Tag, wo bie Feste bes Kapitals stürzte unter bem Wogenschwall bieses neuen Geschlechts; bei bett rauchenben Trümmern staub eilt alter Mann unb gebuchte bes Abenbs, wo er ihm wieberkam, der leuchtenbe, siegenbe Freiheits- gebanke! ...
Man schalt bie Sehnsucht; man sagte, sie nutzt nichts,' sie! nichts?
Wahrlich, die Sehnsucht ist ber Strom, aus bem bie Menschheit Leben schöpft, ist bie Sonne, um bie bas Erschaffene kreist, überall singt unb klingt ihr Lieb, manchmal leise, manchmal laut, bas Entsetzliche, Furchtbare, was geschieht, bas sinb bie Sehnsuchtsschreie ber gequälten ringenden Menschheit; in jeder Seele lebt sie und verlangt nach außen, alles entspringt ihr, sie ist bie Meisterin, unter bereit Fingern bie Symphonie „Leben" in vollen Akkorben bem Instrument „Welt" entströmt.
Vermachtes. •
* Das klugeFritzchen. In ber Sommerfrische sinb Papa unb Mama sehr stolz auf bas kluge Fritzchen. In allem soll er schon betoanbert sein. Eines Mittags nach Tisch int Hotelgarten ist bie Rebe bavon, wie bewanbert Fritzchen besonbers schon in ber Geographie ist. Er soll eine Probe seiner Weisheit ablegen, unb ber Vater melbet an: „Ich werb' ihn gleicy was recht Schweres fragen. Also, Fritzchen, wie heißt bie Hauptstabt von Siam?" Der Vater wünscht natürlich Bangkok zu hören. Aber Fritzchen versagt unb schweigt. Äergerlich will ihm ber Vater helfen unb fragt: „Siehst Du bie Mama bort auf ber Bank? Nu? — nu also — auf was sitzt sie?" In Fritzchens Gesicht leuchtet bie Erkenntnis auf. „Du brauchst mir gar- .lichts zu sagen, Papa", meint er gekränkt. „Ich weiß schon. Pvpöcatepetl heißt bie Hauptstabt von Siam."
Literarisches.
— Ferien-Bilberbuch von „lieber Laub unb Meer." Mit 150 Abbildungen von L. Main. Kartoniert Mark 1.50 (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt). — Um
der Kittberwell eine frohe Ueberraschüng zu bereiten, bietet ber Verlag von „lieber Laub unb Meer" bett Kleinen eine höchst originelle unb eigenartige Sommergabe. Dieses hübsche Buch soll beit Kinbern, toeitn sie bei ungünstiger Witterung auf bas Haus beschränkt sinb, einen schier unerschöpflichen Unterhaltungsstoff in seinen urkomischen Geschichten unb Versen beschaffen. Sie werben nicht ermüden, darin zu lesen und die drolligen Bilder zu betrachten, und mit ihrer Hilfe sich die Zeit an regnerischen Tagen vortrefflich vertreiben. Wie in der Jugendzeit der indogermanischen Völker die Tiersage auftritt, bie dann in ber Tierfabel unb int Tiermärchen poetisch gestaltet wirb, so haben auch jetzt noch int Spiel unb in der Phantasie unserer Kinber bie Tiere eine wichtige Rolle inne. Mit Recht bitten bah er Tiergeschichten bett Hauptinhalt bes Buches. In buntem Wechsel werben bie Haustiere und andere bekannte Tiergestalten der heimischen wie der fremden Fauna den Kleinen als handelnde Personen vorgeführt, stets ihrem Charakter gemäß und zugleich auch allerlei Schwächen und Fehler der Menschenkinder widerspiegelnd, so daß neben der Unterhaltung auch ein didaktischer Zweck erreicht wird. Ein sonniger, herzerfnschen- ber Humor herrscht in biesen Erzählungen unb Gebichten, bie um so mehr auf bie Kleinen wirken werben, als sie burchaus naiv unb bem kinblichen Vorstellungsvermögen entsprechenb gehalten sinb. Ganz besonbers tragen zu dieser Wirkung bie vortrefflichen Illustrationen bei. Die verschiebenen Katzenbilber, bas Luftschiff „Arche Noah", bas an Zahnschmerzen leibenbe Nilpferd, die mit bem Eiu- kassieren ihrer Rechnungen beschäftigte Kuh, bie Tier- Klinik, bie Giraffen-Tanzstunbe usw. usw. sinb von über» toältigenber Komik, unb an ihnen werben auch bie großen ihre Freube haben. Es ist ein echtes Kinberbuch, bas hier um beit geringen Preis von Mark 1.50 geboten wird.
— Das Haar. Die Haarkrankheiten, ihre Behanb- lung unb bie Haarpflege von Dr. I. Pol)l. Geheftet Mk. 2.50. (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt.) — Das auf eingeheube Stubien sichtlich sich stützende Buch ver- bient allseitige Beachtung. Es wendet sich nicht nur an bie Aerzte, sonbern auch an alle gebildeten Laien, denen es um Rat und Hilfe ober um Aufklärung unb Belehrung über bie Pflege bes Haares unb bie Verhütung von Krankheiten bes Kopfes zu tun ist. Die neue, 5. Auflage wurde durch bie Ergebnisse neuer Beobachtungen — namentlich in Bezug auf bie Therapie bes vorzeitigen Ergrauens bes Haares unb bes chronischen Haarschwunbes — erweitert, Im ersten Abschnitt werben bie anatomischen und physiolo- gischen Verhältnisse ber menschlichen Haare, tut zweiten bie krankhaften Zustände bes Kopfhaares unb bie Haarpflege klar unb allgemein verstänblich behandelt; beherzigenswert ist bas Kapitel über bas Geheimmittelwesen, bas aus biesem Gebiete großen Schaben anrichtet. Ueberall sinbet man neben ben Ratschlägen unb Vorschriften auch ihre Begrüubuug unb bie zum Verständnis nötige Belehrung beigefügt. Streng wird die Grenze gezogen, wo der Laie urteilen und sich selber Helsen kann, unb wo er sich zur Erkennung unb Behanblung seines Zustandes an den Arzt zu wenden hat. Das Buch ist mustergiltig dafür, tote populär-medizinische Schriften abgefaßt sem müssen, wenn sie wirklich Nutzen stiften sollen; es ist ihm die weiteste Verbreitung tzn wünschen.
Preisrätsel.*)
Zahlenquadrat.
(Nachdruck verboten.)
__In die 9 Felder des nebenstehenden Quadrats sind Ä i© 9 aufeinanderfolgende Zahlen derart einzutragen, daß die
— Summe von je drei in einer Richtung liegenden Feldern,
Ä| also sowohl senkrecht wie wagerecht und quer, stets qr.
4»,; |A Die kleinste Zahl muß im obersten Mittelfelde stehen, die
größte im untersten Mittelfelde.
*) Lösungen sind mit Aufschrift: ,.Preisrätsel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Gießeuev F a m i l i e n d l ä t t e r" einzusendcn.
Auslösung des Silbenrätsels in vor. Nr.: Wiesel Irene, Epirus, Leonidas, Alibi, Nebelhorn, Donnerstag. Wieland — Lesstng.
Redaktion: August Götz. — Notaticnsdruck und 9. erlag der T rii bl'scheu IluiversttLtk-Tuä- und Ctciudruckcrci. R. ,auge, Gießen.


