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Chauxvilles Lippen bewegten sich, aber kein Ton kam über sie. Der Intendant goß etwas Wasser in ein Glas und reichte es ihm.
„Früher oder später mußte es dazu kommen", sagte er. „Paul hätte Sie getötet, das ist der einzige Unterschied. Schwören Sie bei Gott im Himmel über Ihnen, daß <Äe das Geheimnis der Fürstin bewahren werden?"
„Ich schwöre es", antwortete der Baron heiser.
Steinmetz hielt sich mit beiden Händen an der Lehne eines hohen Stuhles und atmete schwer. Sein Gesicht war noch fahl, und das Weiße in seinen Augen war ganz rot.
Der Baron kroch auf den Revolver zu, der im Winkel lag, aber er war so schwach, daß er fast in Ohnmacht fiel. Tie ganze Frage war, ob seine Kraft aushielt, bis er die Waffe erreichte. Auf jeder seiner fahlen Wangen brannte ein hellroter Fleck, seine Lippen arbeiteten krampfhaft.
Aber Steinmetz sah es noch zu rechter Zeit, packte ihn beim Rockkragen unb schleppte ihn zurück. Dann stellte er den Fuß aus die kleine Pistole und sah den Baron mit funkelnden Augen an. Jener stand auf, und eine Sekunde lang sahen Me beiden Männer einander ins tiefste Herz. Das Gesicht des Barons war vom Schmerz verzerrt, kein Wort wurde gesprochen.
Das war die letzte Abrechnung zwischen Karl Steinmetz und dem Baron Claude von Chauxville.
(Fortsetzung folgt.)
Märchen der Sehnsucht.
Von Otto Erich (Hamburg).
Man schalt die Sehnsucht; man sagte, sie nütze nichts; sie verderbe den Menschen, mache ihn lässig und unzufrieden, lasse ihn das Wirkliche nicht begreifen; sie habe überhaupt kein Recht auf Leben in einer Welt, wo nur Kaltsinn, Vernunft und Ueberlegenheit gelten. So schalt man und die Sehnsucht flatterte zur Erde. Es war ein Herbsttag; wunderbar rein wölbte sich das Firmament über die im Lichte der Sonne schwimmende Erde. Klar war die Luft, krhstallen, durchsichtig, und blau wie die Tiefe des Bergsees; der Tag aber neigte sich und purpurrote Wolken bauten sich gigantisch im Westen übereinander. Dazwischen flammten violette Streifen, die die roten Wolken orange färbten; wollte ein Maler einen solchen Himmel malen, nennte man ihn übergeschnappt; und mit Recht! Es giebt Sachen in der Natur, die uns packen und erschüttern, vielleicht gerade durch ihre grandiose Einfachheit, deren Nachahmung^ oder Wiedergabe uns aber zum Lachen reizt. Also es war ein wundersames Bild, so recht gemacht für die Sehnsucht und ihre märchenhafte Schönheit; an jeder Wolke hing sie, lag auf allen Zweigen, flatterte mit den gelben Blättern zur Erde. Manchmal verfing sich eines der Blätter in der Dornenhecke, da hing es dann, einsam, verloren, vergessen; dann trat ich hinzu und spielte Schicksal, indem ich das Blatt losmachte und es aus der erhobenen Hand langsam uiedertaumeln ließ. Wie hart und rissig die Blätter jetzt sind, die ehemals prangten in sattem Grün, die so weich' waren, fa stso weich wie ein Kinderauge oder die Hand der Sehnsucht, die mir über die Stirn fuhr. So hart und rissig ward sie auch, die ehemals weiße, glatte Kinderstirn, so faltig wie das herbstgebräunte Blatt ward sie auch, die ehemals weiche Kinderwange, und so hart und rissig ward sie auch, die ehemals weiche Kinderseele, in der die Sehnsucht nun einsam sitzt und spinnt.
Und sie spinnt Märchen, wunderbar seine, siiße Märchen.
Glocken hat die Sehnsucht, wie kein Glockengießer der st^slen kann, und sie spielt die Glocken, wie kein Künstler der Welt sie spielen kann; viel zarter klingt ihr Spiel, tote der,Ton bgr Harfe, wenn über die Saiten ein Windhauch stretcht. Aber nicht jeder hört sie; dazu gehören seine Ohren, denn das Lied klingt immer und überall; es singt an der Wiege des neuen Erdenbürgers, begleitet das Kind, wächst mit ihm auf, sein träumerisches Säuseln und Lispeln wird zur brausenden Hymne, herrliche, toild- letdenschaftliche Akkorde des Lebens untermischt mit dunklen, todevtraurigen Tonen; danti wird es ein breiter, mächtiger Strom, und zuletzt, ganz zuletzt, daun klingt es leise, leiser, ganz lerse. Aber nie verstummt es ganz.----
Einen einsamen Weg ging ich; zwischen Feldern sührte er hm: das verwehte Laub rasselte unter meinen Tritten,
über den Bäumen, die die Felder säumten, lag der Abendsonnenglanz; ein verlorener Vogelruf klang herüber; das war wie eine Klage, daß der Sommer schied. Aus einem der Felder grasten ein paar Kühe; auf einem umgestülpten Futterkübel saß ein junger Bursche; er hatte eilt Bein emporgehoben und um das Knie die verschlungenen Hände gelegt und j!o> schaute er in den Himmel und dachte an nichts; aber in seinen Augen blaute die Sehnsucht.
Nun kam mir ein Mädchen entgegen; sie schritt eilig aus, sodaß sich die Formen ihrer Glieder in den dünnen Stofs des Kleidchens zeichneten. Es war ein junges Ting, sechszehn Jahre; die süße Knospe eines Menschen; dürftig war sie gekleidet, grobe Schuhe an den Füßen, um den Hals ein buntes, seidenes Tuch, vorne zu einem koketten Knoten geschürzt. Als der Bursche sie sah, erhob er sich, schlenderte als habe er nichts vor, langsam an den Weg und lehnte sich an den Zaun. Nun gewahrte ihn das Mädchen urtd mäßigte den Schritt; das Kinn auf die Brust gesenkt, will sie vorüber, da aber ruft er sie an; ein mühsam aus der Kehle gekommener Laut: „Du!"
Sie bleibt stehen; verwirrt sieht er sie an und erstaunt ob seiner Kühnheit.
„Wo hinaus gehst Du?" fragt er, obwohl er genau weiß, welchen Weg sie allabendlich einschlägt.
„Dort hinaus!"
„Dort hinaus? Wohnst Du da?"
Sie nickt. „Und Du?"
„Ich? ich wohne nirgends! Ich hühe die Kühe!"
„Wer Du mußt doch irgendwo schlafen?" meint sie lachend.
„Tue ich umch; im Stall!"
„Im Stall?"
„Ja, bei den Pferden!""
„Aber wenn die Dich mal treten?"
„Ich schlafe ja oben, toio das Futter liegt, tut Heu; das ist schütt warm, und riecht so schön, ich träume immer.""
„Was träumst Du denn?"" fragt sie neugierig. Er schweigt einen Augenblick. „Alles"", sagte er dann einfach.
Das findet fie komisch und lacht. „Alles?""
Er nickt. Sie sieht ihn kopfschüttelnd an: „Alles doch nicht, alles nicht?"
Er nickt eifrig; sie sieht ihn an: „Auch das — :— ach> das ist dumm!"
„Was?""
„Nichts!""
„Schläfst Du auch im Heu?" fragte er naiv.
„Ich schlafe mit meinem Schwesterchen im Bett!"
Er schaute sie an, als habe sie ihm gesagt, ihr Vater sei ettt König.
„Hast Du denn keine Eltern?"" fragte sie.
Er schüttelt verneinend den Kopf. „Du?""
Sie nickt: „Und ein Schwesterchen und Brüderchen hab' ich auch noch!"
Cr blickt sie an, als sei sie ein höheres Wesen; unfaßbar reich erscheint sie ihm; dann aber bricht es plötzlich aus ihm hervor, stammelnd, schluchzend, sehnsüchtig: „Ich habe gar nichts!""
Durch die Glieder des junge» Mädchens rann es tote ein Erwachen nie gekäuuter Gefühle; ein süßes Erschauern der Seele stimntte sie sroh, unb in solcher Stimmung ist ein Mensch wahrhaft gut und groß; sie schlüpfte unter dem Zauit hindurch und reichte ihm die Hand. „Willst mich?"" Ein süßes Lächeln lag ans ihrem Antlitze, zagie faßte er ihre Hand; über ihn kam eine heilige, große Scheu; die Scheu des ersten Mannes vor dein ersten Weibe; sie setzten sich auf den umgekehrten Futterkübel.---
Abends gingen zwei engverschlungene Menschenkinder ttoch auf dem eittsamert Feldweg; und als er sie etnmal küßte, fragte sie: „Hast Du das auch geträumt?"" Da preßte er sie wild an sich und sein heißes Gesicht drückte er in ihr Haar, und eilt glückseliges Stammeln machte sie erbeben: „Das, das und noch viel, viel mehr!"--
Und mir begegneten uoct) viele Menschen, und in aller Augen lag es wie Sehnsucht. Ich sah ein Weib, das schob eine Karre, eiurädrig, wie man sie aus den Dörfern noch sieht; auf der Karre saß ihr Kind, eilt Mädchen von vier Jähren. Ein blonder Krauskopf, pausbäckig und von Gesundheit strotzend; es hatte seine Puppe, ein Ding von rätselhaften Formen, an sich gepreßt nnd sah mit großen, stummen Augen in die Welt hinaus. Die Frau sah über das Kind hinweg; als sie mit kräftigen Schritten an mir vorüber-


