Während ihrer ganzen langen Bekanntschaft hatte er diesen Ton noch nie von ihm gehört, diesen Ausdruck auf den plumpen Zügen nie gesehen. War der Löwe endlich wach geworden?
„Ich kenne Sie bereits se.it fünfundzwanzig Jahren und kann nicht sagen, daß ich irgend etwas Gutes von Ihnen weiß", fuhr der Intendant fort. „Aber lassen wir das, es geht mich wohl nichts an. Die Welt ist so, wie der liebe Gott sie geschaffen hat; ich kann sie nicht verbessern. Ich wußte immer, daß Sie ein Schuft sind, — das ist eine beklagenswerte Tatsache, der man nicht ab- helfeu kann: aber sobald Ihre Schurkerei mein eigenes Leben berührt, dann, lieber Freund, muß energischer vorgegangen werden."
„Wirklich?" höhnte der Baron.
„Ihre Schurkerei berührt Pauls Leben und dadurch auch meins", fuhr Karl Steininetz mit unterdrücktem Zorne fort. „Sie folgten uns uacy Paris und von dort aus in das Gouvernement Twer. Sie wickelten jene alberne Frau, die Gräfin Lanowitsch, um den Finger und setzten bei ihr eine Einladung nach Thors durch, — all das nur, um einem von uns nahe zu sein. Ah, ich habe Sie beobachtet. Also erst nacy fünfundzwanzig Jahren kann ich Sie davon überzeugen, daß ich nicht der Narr bin, für den Sie mich halten?"
„Sie haben mich noch nicht überzeugt", fiel der Baron mit seinen: gewöhnlichen, leichten Lächeln ein.
„Ich werde Sie davon überzeugen, ehe wir heute auseinandergeheu. Hören Sie, Sie sind nicht umsonst hiehergekommeu. Es geschah, um einem von uns nahe zu sein. Um Fräulein Nelly handelt es sich nicht, — die kennt Sie. Manche Frauen — gute Frauen — haben von Gott einen Instinkt erhalten, der sie gegen solche Männer — solche Geschöpfe wie Sie — verteidigt. Bin ich es?" Er legte seine beiden großen Hände auf die Brust und blickte seinem Feinde trotzig ins Gesicht. „Bin ich es, den Sie Verfolgen? Wenn ja, hier stehe ich; wir wollen es gleich miteinander ausmachen."
Ter Baron lachte, aber in seinen Augen lag ein unsteter Ausdruck; Steinmetz war ihm nicht ganz verständlich. Er antwortete nicht, sondern wandte sich um und sah zum Fenster hinaus. Möglicherweise erinnerte er sich plötzlich an die ftühere Drohung.
„Ist es Paul?" fuhr Steinmetz fort. „Ich denke nicht, ich glaube. Sie fürchten sich vor Paul. Bliebe also nur die Fürstin. Wenn Sie mich nicht vom Gegenteil überzeugen, muß ich den Schluß ziehen, daß Sie eine hilflose Frau in Ihre Macht bekommen wollen."
„Sie waren immer ein Ritter hilfloser Damen", höhnte der Baron.
„Ah, Sie erinnern sich noch daran, wirklich? Ich erinnere mich auch daran. Es ist schon lang her, und ich habe verziehen, aber nicht vergessen. Was Sie damals waren, werden Sie auch jetzt sein. Die Tatsachen sind gegen Sie."
Steinmetz lehnte mit dem Rücken an der Tür, die den einzigen Ausgang des Zimmers zu bilden schien. In dem Eichengetäfel ivaren noch zwei andere Türen verborgen, aber der Baron wußte es nicht. Er vermochte den Blick nicht von dem breiten Gesichte abzuweuden, aus dem seltsame, rote Flecken erschienen.
„Ich warte auf eine Erklärung Ihres Benehmens", sagte der Intendant.
„In der Tat? Dann toerdeu Sie lauge warte» müssen, lieber Freund; ich sehe Ihr Recht, sich in meine Angelegenheiten zu mischen, nicht ein. Ich bin niemandem für meine Handlungen verantwortlich, am wenigsten Ihnen, und rate Ihnen, sich um Ihre eigenen Angelegeu- heiten zu kümmern. Haben Sie die Güte, mich hin- auszulasseu."
Tie Worte des Barons klangen wohl tapfer, aber seine Lippen zitterten. Er winkte Steinmetz, beiseite zu treten, machte jedoch keine Bewegung gegen die Tür, sondern ließ den Tisch zwischen sich 'und ihm.
Steinmetz wurde jetzt ruhiger; eine unheimliche Stille herrschte.
„Ich muß also annehmen, daß Sie nach Rußland kamen, um eine hilflose Frau zu verfolgen", sagte er endlich, „Ihre Unschuld oder Schuld gehören augenblicklich nicht hieher, — beide gehen Sie nichts an, sondern nur mich. Aber, unschuldig" oder schuldig, die Fürstin Alexis
muß von diesem Augenblick an von Ihren Verfolgungen befreit werden."
Der Baron zuckte die Achseln und klopfte mit der Spitze seines zierlichen Reitstiefels ungeduldig auf den Boden.
„Allons, lassen Sie mich hinaus", sagte er.
„Ihre Geschichte von Robert Beaumont konnte eine ohnehin geängstigte Frau wohl erschrecken", fuhr Steinmetz kalt fort, „Sie kamen aber an den Unrechten, als Sie sie mir erzählen wollten. Meinen Sie, ich hätte diese Heirat zugelassen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß Beaumont tot ist?"
„Sie können die Wahrheit sprechen oder auch nicht", meinte der Baron, „das aber, tvas ich von dem Verrat der Armenliga weiß, genügt mir für meine Zwecke."
„Ja, Sie wissen genug, um Unheil anzurichten", gab Steinmetz finster zu. „Ich werde Sie jedoch in der Hauptsache unschädlich machen, inden: ich dem Fürsten Pawel heute abend alles erzähle, was ich weiß, — und ich weiß mehr als Sie. Außerdem werde ich Ihnen den Mund verschließen, ehe Sie dieses Zimmer verlassen."
Der Baron starrte ihn an; seine Unterlippe fiel herab, er schluckte mühsam, als schnüre ihm etwas den Hals zusammen, und seine Hand fuhr unter der Pelzjoppe heimlich nach einer rückwärtigen Tasche in seinem Reitbeinkleid.
„Lassen Sie mich hinaus", zischte er.
In dem zum Fenster h er einströmenden Sonnenlichte blitzte helles Metall auf. Chauxville hob rasch den Arm, aber int selben Augenblicke warf Steinmetz ihm ein Buch ins Gesicht. Ein lauter Knall, und das Zimmer war voll
Rauch,
Steinmetz legte eine Hand auf den Tisch und sprang trotz seines Umfanges blitzschnell über ihn hinweg. Er hatte in Heidelberg studiert, und die Deutschen sind die besten Turner von der Welt.
Es lvar seine einzige Rettung, denn er Franzose hatte bereits den Hahn wieder aufgezogen; Steinmetz sprang direkt auf ihu los, und der Baron taumelte zurück.
Im 9hi hatte Steinmetz ihn beim Kragen gepackt; sein Gesicht war aschgrau, seine großen Augen mit bett schweren Lidern darüber flamntten.
„Ah, Sie wollten mich niederschießen, nnicht wahr, das wollten Sie?" keuchte er.
Er riß Chauxville die Pistole aus der Hand und warf sie in eine Ecke des Zimmers. Daun schüttelte er den Baron, wie man einen Baum schüttelt.
„Zuerst wollten Sie Paul ans Leben und jetzt wollen Sie mich erschießen", schrie er heiser. „Großer Gott, Sie sind ein Teufel, kein Mensch, Aber wissen Sie, was ich jetzt mit Ihnen tun werde? Ich werde Sie auspeitschen wie einen Hund!"
Er schleppte ihn zum Kamin. Ueber dem Kaminsims hing ein Gestell, auf deut sich Stöcke ttud Reitpeitschen befanden. Steinmetz ergriff eine lange Peitsche; ferne Augen waren blutunterlaufen, der Mund unter dem dichten
Schnurrbart arbeitete heftig.
„So, jetzt werde ich endlich Abrechnung mrt Ihnen halten", preßte er zwischen den Zähnen hervor.
Der Baron stieß unruhig um sich, aber er konnte sich nicht frei machen; er erstickte fast. ,
Sie werden mir schwören, daß Sre stch der Fursttn nie wieder nähern, — daß Sie nie erzählen, was Sie von ihrer Vergangenheit wissen", sagte Steinmetz. .
Der Baron war beinahe blau utt Gesrcht, ferne uugen
waren wild vor Entsetzen.
Und Karl Steinmetz pertschte ihn durch.
ES dauerte nicht lange; kein Wort wurde gesprochen, und nur das Stampfen der Füße, das Klatschen der Schlage und das wiederholte, schmerzliche Stöhnen des Barons unterbrach die Stelle. ,
Tie Pelzjoppe war an mehreren Stellen zerr cP en, oa und dort katn das weiße Hemd zum Vorschern und an einer Stelle war es rot gefärbt.
Endlich warf ihn Steinmetz wie ein Bündel in einen Winkel des Zimmers. Das zuckende Gesicht, dre wrlden Augen, die zu ihm aufschauten, waren et» furchtbarer Anblick. . r
„Wenn Sie mir versprechen, das Gehermnrs zu, de wahren, können Sie gehen", sagte Steinmetz. „Sre rnussen es schjwören."


