Nr. 128
1903.
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Samstag öcu 29. August.
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osteriw.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
Etta sah ihn nicht an, sondern schaute, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hinaus. Auf ihrem Gesichte lag ein steinerner, trotziger Ausdruck.
„Fürstin, antworten Sie mir, ehe es zu spät ist", sagte Steinmetz. „Hat der Baron sonst noch eine Waffe gegen Sie in der Hand?"
Etta nickte, und diese kleine Bewegung ließ die Augen des Barons plötzlich aufleuchten.
„Hört", sagte Steinmetz, indem er von einem zum andern blickte. „Wenn ihr beide Paul betrogen habt, so werde ich kein Erbarmen mit euch haben, das sage ich euch."
Etta fuhr jäh herum.
„Warum glauben Sie mir nicht?" schrie sie auf. „Ich habe Paul nicht betrogen, —nicht mit Herrn von Chaux- ville."
Der Baron unterbrach sie hastig.
„Die Arinenliga wäre doch Grund genug, um —"
„Sie wissen von der Armenliga nicht mehr als früher, nicht mehr als die ganze Welt, ausgenommen den Anteil, den diese Dame an der Auslieferung der Dokumente hatte", fegte Steinmetz.
„Aber der Anteil, den diese Dame an der Auslieferung der Dokumente hatte, wird dem Fürsten keine sehr willkommene Nachricht sein", antwortete der Baron.
„Willkommen oder nicht, — er wird sie noch heute erfahren."
Etta zuckte zusammen, ihre geöffneten Lippen zitterten.
„Von wem?" fragte der Baron.
„Vön mir", antwortete Steinmetz.
Eine kurze Pause entstand, Chauxville und Etta tauschf- ten einen Blick, und Etta fühlte, daß sie verloren war. Der Baron gehörte nicht zu denen, die Mann oder Weib aus Gründen der Barmherzigkeit oder Ritterlichkeit schonten.
„Selbst in diesem Falle wird die Fürstin aus ihrer schwierigen Lage nicht befreit", sagte er.
„Nein?"
„Nein, mein teurer Freuud, denn Robert Beaumont hat auch ein wenig mit hineinzureden."
Etta zuckte zusammen, sprach jedoch kein Wort; ihr mühsames Atmen war deutlich zu hören.
„Ah, Robert Beaumont", wiederholte Steinmetz lang- sain. „Was hat er dabei z-u tun?"
Gr ist nicht tot, — weiter nichts."
Steinmetz fuhr sich mit der breiten Hand über das TvJlW' wodurch er eine Sekunde lang seinen Mund verhüllte.
„Er ist tot; er tvurde auf der Steppe gefunden und in Twer begraben."
„So heißt es", sagte der Baron in sarkastischem Ton. „Allein iver hat ihn auf der Steppe gefunden? Wer hat ihn in Twer begraben?"
„Ich, lieber Freund."
In der nächsten Sekunde taumelte Steininetz ein paar Schritte zurück, da Etta schwer in seine Arme sank. Aber seine Augen wichen nicht von dem Baron.
35. Kapitel. A d e u x.
Steininetz legte Etta, die bereits wieder zum Bewußtsein kam, aufs Sopha und drückte zweimal auf die Klingel, ohne den Blick von Chauxville abzuwenden. Eine rasche Berührung der Hände und der Brust Ettas bewies, daß dieser Mann sich auf die Frauen, und die iürrzen Ohnmächten, die starken Erregungen folgen, verstand.
Die Kammerjungfer erschien schnell.
„Die Fürstin bedarf Ihrer Dienste", sagte Steinmetz. Er beobachtete noch immer den Baron, der Etta anblickte und sich die gute Gelegenheit entgehen ließ, sich aus dem Staube zu machen.
Steinmetz trat auf ihn zu und ergriff ihn beim Arm.
„Kommen Sie", sagte er.
Ter Baron ging Steinmetz voran, indem er sogar vergaß, die breite, warme Hand von seinem Arme abzuschütteln. Sie schritten durch den langen, dämmerigen Korridor nach dem alten Schloßflügel, in dem Steinmetz' Zimmer sich befanden.
„Und nun, Baron", sagte Steinmetz, als sie hinter verschlossenen Türen allein waren, „nun, Baron, ivollen wir Abrechnung halten."
Chauxville zuckte die Achseln. Er dachte noch nicht an Steinmetz^ sondern nur an Etta, an die Möglichkeit eines Gespräches mit ihr. Mit der Sicherheit, die ihn schon durch manche Schwierigkeit geholfen hatte, schaute er um sich und erfaßte jede Einzelheit des Zimmers.
Sie befanden sich in dem Raume hinter dem großen Rauchzimmer, sozusagen im Vorgcmach des kleinen Zim- mers, in dem Paul seine Apotheke, seine Verkleidung, alle kompromittierenden Einzelheiten seiner Arbeit unter den Bauern aufbewahrte. Ter breite Schreibtisch in der Mitte des Zimmers stand zwischen den beiden Männern.
„Bilden Sie sich ein, daß Sie in die Fürstin verliebt sind?" fragte Steinmetz plötzlich mit der ihm charakteristischen Unverfrorenheit.
„Möglich", antwortete der andere.
„Wenn das so wäre, würde ich Sie zum Fenster hinauswerfen", sagte der Intendant, indem er ihn nachdenklich ansah. „Ist es aber etwas anderes, dann werde ich Sie nur die Treppe hinunterwerfen."
Ter Baron biß nervös an seinem Daumennagel und warf über den Tifch weg einen bösen Blick auf Steinmetz.


