Mittwoch den 29. Juli.
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1903. — Nr. 111.
WMM
(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
Im Cafä Dantale, nicht im Garten, — es Mar Winter, — sondern im untern Salon traf er den sogenannten Wassili, der nachdenklich ein Glas Likör' trank.
Baron Chauxville ließ sich nieder, teilte dem Kellner ferne Bedürfnisse mit einem einzigen Wort mit und bot einem Gefährten eine Zigarette an, die Wassili mit dem Bewußtsein annahm, daß sie aus einer wappengeschmückten Dose kam.
„Ich habe die Absicht, Rußland zu besuchen", sagte der Franzose.
„Wieder zu besuchen", verbesserte Wassili mit seiner ruhigen Stimme.
Der Baron blickte rasch auf, lächelte und machte mit der Hand, in der er die Zigarette hielt, eine abwehrend« Bewegung.
„Also gut, wieder."
„In Privatangelegenheiten?" fragte Wassili, wie es schien, nicht so sehr aus Neugierde, als aus Gewohnheit. Er stellte die Frage mit der Sicherheit eines Menschen, der ein Recht dazu hat.
Baron Chauxville nickte bejahend.
„Der Herr Baron braucht einen Paß?"
„Einen Paß und noch etwas anderes", antwortete Chauxville. „Ich möchte etwas, was sie nicht gerne geben, nämlich eine Information."
Ter sogenannte Wassili lehnte sich mit einem leichten Lächeln int Stuhl zurück. Es war ein seltsames Lächeln, das wie eine Maske über seine Züge fiel und seine Geidanken vollständig verhüllte. Offenbar fanden des Barons schlaue Reden hier einen unfruchtbaren Boden, und die Epigramme des Franzosen machten auf seinen Zuhörer feinen Eindruck.
„Wenn ich den Herrn Baron recht verstehe", sagte Wassili, „so ist die Ursache seiner Reise nach — Rußland in privaten und persönlichen Angelegenheiten zu suchen?"
„Allerdings." '
„Es ist also keine Mission", fuhr der andere fort, indem er nachdenklich au seinem Likör nippte.
„Durchaus nicht. Ich will Ihnen einen Beweis dafür geben: Ich habe, wie Sie wahrscheinlich wissen, einen sechs- monatlichen Urlaub bekommet!."
„Gewiß, mein lieber Baron. Gerade, wenn ein Offizier einen sechsmonatlichen Urlaub erhält, geben wir genau auf ihn acht."
Ter Baron zuckte die Achseln.
„Kann man es eine „affaire de coeur" nennen?" fragte Wassili mit einem finsteren Lächeln.
„Gewiß; find das nicht alle Privatangelegenheiten in diesem oder jenem Sinne?"
„Sie wollen also einen Paß haben?"
„Ja, einen Spezialpaß."
„Ich werde sehen, was srch tun läßt."
„Besten Dank!"
Wassili leerte sein Glas und blickte auf die Uhr.
„Mer ich möchte noch mehr", fuhr der Baron fort.
„Tas sehe ich."
„Ich möchte, daß Sie mir über den Fürsten Pawel Mexis erzählen, was Sie von ihm wissen."
„Mexis von Twer?"
„Ja, non Twer. Ich möchte jedoch hören, was Sie von Ihrem Standpunkte aus wissen, mein lieber Wassili; nichts Politisches, nichts Offizielles, bloß ein paar gesell» schaftliche Details."
Wieder erschien das seltsame Lächeln auf dem würdevollen Gesichte.
„Wenn ich Ihnen nicht altbackene Nachrichten und wertlose Details mitteilen soll, die Sie bereits kennen, so muß ich Sie ersuchen, mir zuerst zu sagen, was Sie selbst wissen, — vor: Ihrem Standpunkte aus wissen", sagte Wassili ziemlich langsam.
„Gewiß", antwortete Chauxville mit liebenswürdiges Offenheit. „Ich kenne den Mann nur oberflächlich; er ist ein guter, geschmeidiger, schweigsamer Athlet, voila tout."
Auf dem Gesichte Wassilis erschien ein ungläubiges Ausdruck.
„Ja", sagte er langsam.
„Und Sie?" fragte der Baron.
„Sie geben meiner Phantasie zu großen Spielraums antwortete Wassili. „Sie erzählen bloß Tatsachen. Haben Sie über den Mann keine direkten Fragen zu stelHm?"
„Ich möchte wissen, was für Absichten er hat; denn Absichten hat er, das sieht man seinem Gesichte an. Ich möchte auch wissen, was er mit seiner freien Zeit anfängt, denn in England muß er freie Zeit genug haben."
Wassili nickte und wurde plötzlich redselig.
„Fürst Hawel Alexis", sagte er, „ist ein junger Mann, der seine besondere Stellung voll und kühn ausnützt. Er trotzt in ruhiger, beharrlicher Weise vielen Gesetzen, wodurch er die Behörden einschüchtert und in gewissem Grade! lähmt. Er wär in die 'Affäre der Armenliga tief verwickelt und ist nur mit Mühe herausgekommen. Der klügste! Mann in Rußland hat ihm geholfen."
"Ja", antwortete Wassili mit seinem starren Lächelst.
„Ist das alles, was Sie mir erzählen können?" fragte Chauxville mit einem scharfen Blick auf das Gesicht seines Gegenübers.
„Wenn ich offen sein soll", antwortete der Mann, der nie in seinem Lieben offen gewesen tvar, „so ist das alles, was ich Ihnen sagen will/*


