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Baron Chauxville zündete sich eine Zigarette an, wobei ihn das Zündhölzchen übermäßig zu interessieren schien.
„Ich bin mit Paul befreundet", sagte er ruhig. „Vielleicht besuche ich ihn in Osteruo."
„Doch nicht, wenn Karl Steinmetz in der Nähe ist?" fragte Wassili mit seinem unerschütterlichen, starren Lächeln.
„Der kluge Herr Steinmetz wird vielleicht in eine andere nützliche Sphäre versetzt werden. In sein Rad ist ein« neue Speiche gekommen."
„Ah!"
„Fürst Paul ist im Begriffe, sich zu vermählen — mit der Witwe Robert Beaumonts."
„Robert Beaumont?" wiederholte Wassili sinnend, und sein regelmäßig geschnittenes Gesicht hatte einen vollkommen unschuldigen Ausdruck. „Den Namen habe ich schon einmal gehört."
Baron Chauxville lachte ruhig.
„Ich bin mit ihr sehr befreundet."
Der angebliche Attaches der russischen Botschaft temmte die Arme auf deu Tisch und beugte sich vor, sodaß ein breites, fleischiges Gesicht nur wenige Zoll von den charfen Zügen Chauxvilles entfernt war.
„Das ist ein großer Unterschied", sagte er.
„Das habe ich mir gedacht", antwortete Chauxville, indem er den festen Blick ruhig aushielt.
14. Kapitel.
Eine Winterstadt.
Petersburg im Schuee ist die malerischste Stadt der Welt und sieht am besten aus, wenn ein starker Nordwind all den Schnee von -der Kuppel der Jsaakskirche Herabgeblasen hat, sodaß der goldene Dom in seiner Pracht über der weißen Stadt glänzt und funkelt.
Im Winter ist die Newa eine breite, stille Straße zwischen der Wassili-Insel und den Admiralitätsgärten, im Winter verstummt endlich das greuliche Gerassel Mlf den Kieselsteinen der unebenen Straßen, an seine Stelle tritt die fröhliche MIusik der Schlittenglöckchen, und die niederdrückende Feuchtigkeit dieses nordischen Venedigs wird krystallisiert und Unschädlich.
Auf dem Englischen Quai stand ein hohes, schmales Haus, das finster über den Fluß schaute. Es war ein verdächtiges Haus und wurde scharf bewacht, denn es gehörte dem Grafen Stephan Lanowitsch> dem Sekretär und Organisator der Armenliga.
Obwohl das Aeußere des Hauses nicht einladend aussah, war es im JnnerU warm und traulich. Der Duft zarter Treibhauspflanzen erfüllte die etwas entnervende Atmosphäre der Räume: die Russen lieben es, ihre Wohnzimmer mit Blattpflanzen und Blüten zu füllen, und in keinem Lande der Welt werden Blumen so vergöttert, wird für Blumendekorationen so viel Geld ausgegeben wie in Rußland.
Die Gräfin Lanowitsch gehörte jener Schule au, die in den ersten Jahren des Jahrhunderts in Petersburg und Moskau existierte, jener Schule, die nicht russisch, sondern nur französisch sprach, die die Bauern auf eine Stufe mit den Tieren des Wäldes stellte und offenbar erwartete, daß die Sintflut bald nach ihr kommen würde.
Ihr Salon, der auf die Newa hinausging, war für sie charakteristisch. In allen Vasen und Töpfen standen Ca- melien, der französische Roman herrschte unumschränkt auf allen Tischen, das Zimmer wär zu heiß, die Stühle waren M weich, die moralische Atmosphäre zu lau. Mau erkannte sofort, daß es das Wohnzimmer einer trägen, selbstsüchtigen und unwissenden Frau war.
, Die Gräfin selbst widersprach diesem Schluß iu keiner Weise. Sie satz auf einem ganz niedrigen Fauteuil, wärmt« ihre kleinen Füße an der Flamme eines großen Holzfeuers und gähnte, während sie die Seiten einer Zeitschrift um- blätterte, die fie in der Hand hielt. . . . Von Gestalt war sie nicht so dick, wie ihr breites, Ziemlich stark gefärbtes Gesicht schließen ließ. Ihre Augen sahen trüb und schläfrig aus, kurz, die Frau war ein verkörpertes Gähnen.
Endlich blickte sie auf und bemerkte, daß es hinter den Doppelfenstern dunkler geworden war.
„Ach Gott, wann wird es endlich Abend werden!" murmelte sie auf französisch vor sich hin.
Während sie noch sprach, hielt plötzlich ein Schotten rasselnd vor dem Fenster.
Die Gräfin erhob sich rasch, trat zu dem Spiegel über
dem Kamin, ordnete ihr Haar und schob ein Spitzenhäubchen zurecht, das stets schief faß, wobei sie ihr Spiegelbild mit pessimistischen Blicken betrachtete. Sie hatte ein Recht dazu, denn es war das aufgedunsene, rote Gesicht einer alten Frau, die sich allzu sehr nachgibt.
Während sie mit diesem trostlosen Zeitvertreib beschäftigt war, öffnete sich die Tür, und eine Kammerfrau trat ein.
„Herr Steinmetz, Frau Gräfin."
„Ach, sehe ich nicht schrecklich ans, Cölestine? Ich habe geschlafen."
Cölestine war eine Französin und besaß daher all den Takt ihrer Nation.
„Wie können die Frau Gräfin nur fo etwas fragen? Madame sehen höchstens wie fünfunddreißig aus."
Madame schüttelte den Köpf und glaubte es.
„Herr Steinmetz legt eben im Flur ab", sagte Cölestine, wieder der Tür zuschreitend.
„Es ist gut! Lassen Sie uns dann den Tee bringen."
Gleich darauf trat Steiumetz mit einer übertrieben tiefen Verbeugung und einem Blinzeln in den klugen, Augen ein.
„Stellen Sie sich vor, lieber Steinmetz", rief die Gräfin lebhaft, „Katharina ist ausgegaugen, an einem solchen Tage! Mon Dien! Wie trübselig, wie grau ist alles!"
„Draußen gewiß, aber wie sieht es dagegen hier aus!"• antwortete Steinmetz, ebenfalls auf Französisch.
Tie Gräfin kicherte und wies auf einen Stuhl.
„Ach, Sie schmeichelu immer. Was für Neuigkeiten! können Sie erzählen, böser Mensch!?"
Steinmetz lächelte nachdenklich.
„Ich möchte von Ihnen Neuigkeiten hören, Gräfin; Sie! sind immer amüsant und immer schön", fügte er hinzu, und sein Mund unter dem dichten Schnurrbart blieb vollkommen beherrscht.
Tie Gräfin schüttelte scherzend den Köpf, wodurch ihr Spitzenhäubchen sich wieder verschob.
„Ich? — Ich weiß gar nichts neues! Ich biu eine Nonne! Was kann man denn auch in Petersburg zu Hörers bekommen? In Paris ist das etwas anderes. Aber Ka- ttharina ist zu eigensinnig. Haben Sie das je bemerkt, Steinmetz? Ich meine Katharinas Eigensinn. Wenn fiel etwas will, ist sie wie ein Felsen; die Sache muß geschehen und sie geschieht auch. Es gibt schon solche Menschen. Ich, mein lieber Steinmetz, wünsche nur Frieden und Ruhe, gebe also nach. Ich habe auch dem aplnen Stephan nachs- gegeben, und jetzt ist er verbannt; vielleicht wenn ich fest geblieben wäre, wenn ich all diesen Unsinn mit der Wohltätigkeit verböten hätte, wäre es anders gekommen, und Stephan wäre jetzt .ruhig zu Hause statt in Tomsk oder Tobolsk — ich vergesse immer, wie der Ort heißt. Nun, Katharina sagt, daß wir diesen Winter in Petersburg zubringen müssen, und r— nous voila!"
Steinmetz zuckte mit einem mitleidigen Lächeln diej Achseln. Es paßte ihm, daß Katharina iu Petersburg war, und wenn Karl Steinmetz etwas paßte, so lag ihm wenig an den Gefühlen der Gräfin Lanowitsch.
„Sie müssen sich mit dem Gedanken trösten, daß Petersburg durch unsere Gegenwart verschönt wird", sagtH er. „Wer ist das? Noch ein Gast?"
Die Tür öffnete sich, und Baron Claude vou Chauxville trat ein, indem er sich mit leichter Astmut über die Hands der Gräfin beugte. Dann richtete er sich auf, und die! beiden Männer lächelten einander finster an. Steinmetz! hatte geglaubt, daß der Baron in London fei, und der Franzose hatte darauf gerechnet, daß jener durch feint! Pflichten in Osterno zurückgehalten würde.
„Sehr erfreut", sagte Chauxville, indem er ihm die Hand schüttelte.
„Das Vergnügen ist auf meiner Seite", antwortete Steinmetz.
Tie Gräfin blickte mit ihrem albernen Lächeln von! dem einen zum andern.
„Ach, wie angenehm ist es, alte Freunde wieder- züsehen!" ries sie. „Es erinnert einen an die guten, alten Zeiten."
In diesem Augenblick tat sich die Tür wieder auf, und Katharina erschien, die in ihren reichen Pelzen beinahe hübsch aussah.
(Fortsetzung folgt.)


