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der Romantik, welches sie entdeckt: Form und Inhalt sind ihr ursprünglichstes Eigentum. Dabei ist sie durch und durch eilt Kind der neuen Zeit, eine Durchdenkerin der modernsten Ideen. Jeder Zug menschlichen Fühlens, menschlichen Strebens, menschlichen Irrens findet seine Verwendung.
Was sie in ihrem ersten Werk angestrebt und dem sie so wehevoll entsagt, sie erreicht es in ihren beiden großen Romanen („Die Wunder des Antichrist" und „Jerusalem"), in denen sie den Boden der brennenden sozialen Fragen betritt: die Verbindung der romantischen Er- zählerkunst mit der realistischen.
Heute bereits läßt sich das Schaffen der Dichterin, wenn auch nicht der Zeit, so doch der Wesenheit nach, in zwei Gruppen scheiden. In die der Sagen- und Legeuden- erzählung als die erste und das Standard wort dieser Epoche blieb der „Gösta Berling".
Die Zeiten des literarischen Glas-Wassersturmes sind vorbei. Für den Schweden sind heute bereits die „Sagen von Wermland" ein Volksbuch geworden, das ihm je länger, je mehr ans Herz wächst und dessen unvergänglicher poetischer Zauber Jahrhunderte überdauern wird, wie die großen Nationalepen es getan. Wer auch der Ausländer fühlt, daß in diesem Buche der Pulsschlag der Volksseele klopft und daß seine Verfasserin es wohl verstanden, ihm zu lauschen.
Die Novellen in den verschiedenen Sammlungen und der kleine Roman „Ingrid" bilden den Uebergaug zur zweiten Gruppe, in ivelcher sich Selma Lagerlöf zu der großen sozialen Dichterin entwickelt.
Schweden ist das Dorado seiner großen Geister. Das begeisterungsfähige Volk, an der Spitze sein seinsinniger und kunstliebender Monarch machen das Sprichwort: der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterlande zu schänden. Auch hier trat König Oskar in Aktion. Im Verein mit dem Prinzen Eugen erlöste er die Dichterin von ihrer Frohn- arbeit an der Schule zu Landskrona und gewährte ihr ein Reisestipendium. So sehen wir sie denn 1895, zum erstenmal ein freier Mensch, hinausfliegen in die Welt. Sie eilt gen Süden; ihre schönheitsdurstige Seele sättigt sich an den Wundern, mit denen Natur und Kunst Deutschland, die Schweiz und Italien geschmückt. Auf dem äußersten Pünktchen der europäischen Landkarte läßt sie sich zu längerem Ausruhen nieder, und hier in Sizilien, wo doch auch schon mancher vor ihr gewesen, findet ihr dichterischer Spürsinn wieder Stoffe, die ihren Vorgängern in Apoll bis jetzt entgangen. Sie dankt dem gütigen Fürsten mit dem 1897 erschienenen Roman: „Die Wunder des Antichrist".
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
* Eiuige neue Erklärungen alter Redensarten werden in den „Grenzboten" versucht. Zum Verständnis der Wendung „Einen Bock schießen" wird darauf aufmerksam gemacht, daß in England, Frankreich und Deutschland die volkstümliche Sprache etwas innerhalb seiner Gattung Fehlerhaftes oder Schlechtes mit einem Tiernamen bezeichnet, wie Tiernameu auch häufig als Schimpfwörter für Menschen gebraucht werden. Der Engländer nennt ein grobes Versehen „a bull", der Franzose einen überspringenden Ton einer Trompete ebenso wie eine falsche Nachricht „un eanard"; auch der Deutsche redet von emer Ente, einem Pudel, und die deutschen Schützengilden des 16. Jahrhunderts itannten ebenso einen Fehlschuß einen Bock. Bock und Wolf waren von diesem allgemeinen Gebrauche her in der altdeutschen Schneidersprache insbe- sandere auch Bezeichnungen eines schlechten Gewandstücks. »Laß dich nicht ins Bockshorn jagen!" oder, wie es in ver ältesten Form immer heißt, „in ein Bockshorn lagen, in ein Bockshorn zwingen", hat ursprünglich den rtHV!’-, cV.'5lt *° ^ein kriegen, daß er in ein Bockshorn schlupft, pch von dessen breiter Oeffnung aus nach dem zu hinein verkriecht. Es könnte damit auch em wutliches Bockshorn gemeint sein; wahrscheinlicher aber Lk -X”, ursprünglich an eine Pflanze, den Bockshornklee, b ra.a)t ivurde, dessen kleine, harte, engröhrige Hülsen
früchte in Tirol z. B. schlechthin „BocksHörndl" heißen, und der im Mittelalter wie schon im Altertum für sehr heilkräftig galt und viel gebaut wurde; ähnlich sagte einmal Walter von der Vogelwerde von seiner hohen Sommerfreude: „daz jaget der Winter in ein stro." Bei der Wendung „Auf dem Damme fern", bei der das gefährliche Gegenteil immer in Gedanken mit vorschwebt, wird daran erinnert, daß Damnr und Suinpf in dem altniederdeutschen Kämpfesleben entscheidende Gegensätze sind: drunten im Luch ist es übel fechten, auf dem Damm aber gut. Zur Erklärung der Redensart „Haare aus den Zähnen haben" wird die Mythologie der Germanen herangezogen, weil alle bisherigen Deutungen nicht befriedigen. Mogk sagt in seiner „Germanischen Mythologie" in dem Abschnitt über den Wdrwolf: „In vielen Gegenden kennt man die sage, man erkenne den Menschen, der Werwolfgestalt aunehmen kann, an Fasern zwischen den Zähnen." Es ist nun charakteristisch, daß die Redensart von Menschen gebraucht wird, mit denen schlecht anbinden ist, denen man im Kampfe grimmige, bissige Verteidigung zutraut, von Leuten, die man nicht reizen („reißend machen") soll; der alte, tief eingewurzelte und weir verbreitete Werwolfglaube liegt also wirklich nahe. „Mit jemand noch ein Hühnchen zu rupfen haben" ist ein Bild, dem die zum Teil mundartig beschränkten Wendungen „ich habe noch eilten Apfel mit ihm zu schälen", „ich Han met dem noch e Nößche je krachen" entsprechen.
Literarisches.
— Die Wandgemälde aus der älteren Steinzeit, die in jüngster Zeit in den ehemals als Wohnstätten benutzten Höhen des Vezöretales in der Dor- dogne (Südkrankreich) aufgefunden wurden und innerhalb der Kreise der französischen und deutschen Anthropologen einen geradezu erbitterten Streit für und wider die Echtheit hervorriefen, bespricht Professor Dr. Hermann Klaatsch in dem fetzt zur Ausgabe gelangten 33. Heft der großen Publikation Hans Kraemers, „Weltall und Mensch- heit", Naturwunder und Menschenwerke, Geschichte der Erforschung der Natur und Verwertung der Naturkräfte im Dienste der Völker (Deutsches Verlagshaus Bong u. Co., Berlin und Leipzig). Der ausgezeichnete Heidelberger Anthropologe hat speziell zur Untersuchung der Funde des Veztzretales eine längere Studienreise dorthin unternommen und gelangt nunmehr auf Grund gründlichster Forschung zu dem Schluß, daß es sich bei den prachtvollen, z. T. mehrfarbigen, mit höchstem Realisntus durchgeführten Bildern von weidenden Mammuts, Bisons und Rentieren tatsächlich unziveifelhaft um erstaunlich hochstehende künstlerische Leistungen aus der älteren Steinzeit handelt, also aus einer Periode, in welche wir die Anfänge der menschlichen, Kultur zu legen gewöhnt sind. In Heft 34 geht Prof. Klaatsch auf die Frage der Rassengliederung der Menschen ein, ein Thema, das er mit gewohnter Gründlichkeit und unter Beifügung einer Fülle interessanten Illustrations- Materials zumeist nach photographischen Aufnahmen eigener Studienobjekte in fesselnder Form durchführt. Jede neue Lieferung von „Weltall und Menschheit' bestätigt, daß das Urteil eines der hervorragendsten wissenschaftlichen Zeitschriften wohl berechtigt ist: „„Weltall und Menschheit'^ ersetzt tatsächlich Bibliotheken!"
Delphischer Spruch.
(Nachdruck verboten.!
Starr und kalt, so gibt es der Erde verborgene Tiefe;
Aber ein Hauch schon bewirkt gleich, daß lebendig es sei, (Auflösung in nächster Nummer)
Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.k
1. Kb7 b6:, Ke4 2. Sh5:, beliebig 8. Kc5. - 1. . ., hi 2. Sg4f 3. De3f. - 1. . Kf6 2. Df4f, Kg7: 8. DfTf. — 2. . ., KgG 3. 8s6,
J.e.aftion. An au Götz. Nvtationsdrnck und Lerlag der Brühl'schen I!iiircisttäts-Tuck> und Sleiudruckcrci (Pietsch Erben) in Gießen.


