Ausgabe 
29.6.1903
 
Einzelbild herunterladen

379

und dadurch bereu Peru zu verdoppeln. Mr Wörden unser Geschick zu tragen wissen, ich und die Meinen. Sie können ganz nach Ihrer» Belieben die Neuigkeit verbreiten oder geheim halten."

Minor fühlte ihren Stolz aufs tiefste verwundet, und ein physischer Schmerz schürte ihr während des Sprechens die Brust zusammen. Wer tapfer hielt sie sich aufrecht, nahm ihren Hut vom Tische und hatte das Zimmer ver­lassen, ehe Fräulein Bassett nur zu Atem gekommen war, um einen neuen Mrwand zu erheben.

Viktor 1/' erklang ihre Stimme in der Halle.Wenn Herr Morgan kommt, sagerr Sie ihm, ich würde in einer Stunde zurück sein, und wünschte ganz besonders, ihn heute zu sprechen."

Dann vertauschte sie rasch ihr Reitkleid mit einem andern und eilte zu Fuß in großer Hast dem Dorfe zu.

Trotz des schwülen Augusttages war Fräulein Bassett kalt vor Wut, als Minor sie verlassen hatte. Eilt so edles Unabhängigkeitsgefühl, wie dieses junge Mädchen zeigte, hatte sie nie in ihre Berechnung gezogen. Nie hatte sie gezweifelt, daß sie in dem für Elltnor so qual­vollen Augenblicke sich einen Teil des Vermögens sichern werde, für das sie so lange Jahre vergeblich gedient urrd Pläne geschmiedet hatte. Wie töricht war sie gewesen, den Handel erzwingen zu wollen, ehe Minors Heirat das Geheimnis kostbarer, ihr Schweigen preiswürdiger gemacht hatte.

Sie wollen inich Wohl los werden, Sie gedenken hochfahrend alles ohne mich zu ordnen, Fräulein Minor, nicht wahr?" sagte sie, mit entern bösen Lächeln der rasch dahineilenden Gestalt nachblickend.Wer so gewiß tote Sie leben, mein gnädiges Fräulein, so gewiß werden Sie den Tag berwünschen, an dem Sie sich Karoline Bassett zur Feindin machten!"

Wie kam es nur, könnte man hier fragen, daß die enttäuschte Person ihre stärksten Angriffe auf Fräulein Gra- harn's Edelmut nicht zur Geltung brachte? Hatte sie den Rat des freundlichen Landarztes vergessen, oder ver­zichtete sie freiwillig auf eine Waffe, die ihr vermutlich besser gedient hätte, als jene, die sie benutzte?

Nur ihr eigenes späteres Verhalten kann diese Fragen beantworten.

(Fortsetzung folgt.)

Selma Lagerlöf.

Von Bertha Kes.

Der Freude am Schaffen des Kuustschönen kommt die Freude am verständnisvollen Genießen desselben am nächsten. Es ist ein geheimnisvolles Band, so feilt als stark, das sich schlingt um den schöpferisch begabten Genius urrd die Seele, die zu seiner Aufnahme bereit ist, der kongenialen Natur. Es ist fest und unzerreißbar tote ein Naturgesetz. Es löst die reinsten, die göttlichen Empsind- urigen der Menschenseele aus: die tiefste Dankbarkeit, die uneigennützigste Liebe.

Diese sich ewig erneuernde Schaffenskraft, die herrscht, ohne zu knechten, ist die Licht und Wärme gebende Sonne unseres vom Alltagsstaub umtoöÜten Daseins. Wohl dem, der noch betoundern kann, der sich noch hinzugeben ver­mag!

Im Jahre 1891 erschien in Schweden das BuchGösta Berling", das die nordische literarische Welt auf das tiefste erregte und sehr bald tu zwei Heerlager teilte. Es ent» fesselte eine Polemik, von der die in ihre Träume ein­gesponnene Dichterin wenig vermutete.

Jahrzehntelang hatte der Kampf der Realisten gegen ba§ Epigonentum der nachklassischen Zeit und gegen die Vertreter der Romantik getobt.

Im Anfang geschmäht und entrüstet zurückgewiesen, hatten sie endlich bett Sieg auf der ganzen Linie er­fochten. Triumphierend waren sie an die führenden Stellen in Kunst und Poesie getreten. Die Schlagworte: Realismus, Naturalismus, Wahrheit um jeden Preis, Wahrheit bis zur psychologischen Zerfaserung von Momentaufnahmen ge­wisser Seelenzustände, waren die ausgegebene Parole. Ta erschien nun dieserGösta Berling" ttnd es entstand zunächst eine Verlegenheitspause. Was sollte man an- fangeu mit einem Werke, das sich nicht katalogisieren ließ? Das sich las tote alte Bardenpoesie aus einer Zeit, da die Gesänge von Mund zu Mund überliefert wurden, da

die Menschen wie gewaltige Naturkräfte widereinander strebten oder sich verbanden zu heißer Liebe und noch heißerer Torheit; das mit einer wahren Wollust den alten Zauber der Rotnantik herausbeschtoor und das mühevoll Erreichte scheinbar za verdrängen suchte.

Wie ergötzlich ist dieser Zustand literarischer Verdan- ynsbeschwerden für den Unbeteiligten nicht weil es pro oder contra Realismus heißt, nichts läge der Ver­fasserin dieser Zeilen ferner als solch ein Angriff, . nur ganz im allgemeinen betrachtet, weil nichts der Kunst und ihrer freien Entwicklung hinderlicher ist, als dieses Eingeschworensein auf eine Richtung, ein Prinzip, eine Schule. Für schwache' und halbe Talente mögen sie ein Hintertürchen bilden, durch das jene als auf dem einzig ccreichlmren Weg in die Kunst- nitb Literaturgeschichten schlüpfen, wo sie dann zur Verzweifluttg aller Studien- beflissenen jahrzehntelang als uuerlöste Geister spuken, für beit starken, schöpferischen Genius aber bilden sie nur Fesseln, an denen seine Kraft sich wündreibt.

Und das gilt nicht nur für die Kunst. Wer die Kou- sequenz bis zur Orthodoxie treibt, schädigt seine Sache sowie sich selbst. Er ertötet in sich all die zarten Keime herrlicher Lebenstriebe. Er verwischt das von der Ratm buntgewollte Bild des Lebens zu einem oben, fahlen Gran. Er wird ein Pedant und sei er ein Vertreter der nltrarnodernsten Richtung. Das WortRichtung" allein ist eine Beengung, eine Einschränkung wie das WortPar­tei", es bindet den Flügelschlag der freien Seele. Nur wer das Leben, das vielgestaltige, wer die Kunst wie die Natur ohne jedes Vorttrteil auf sich wirken läßt, bleibt innerlich wirklich frei.

Wir verlangen nach dem Großen, wir ersehnen das Hohe, das Ursprüngliche, das Persönliche, aber wenn es uns, Fleisch geworden, gegenübertritt, sind unsere Höben Augen nicht int stände, ins Licht zu schauen.

" Auch bei uns hatGösta Berling" auf Verständnislosig­keit und Widerspruch gestoßen. Fremdartig »tutete der Stoff an, wunderlich, kühn und bizarr erschien Uueirt- geweihten die Behandlung. Es gab auch bei uns Leute, welche die Frage anfwarfen, ob die Dichteritt das Recht habe, im Jahre des naturalistischen Heilverfahrens 1891 solchen Stoff so zit formen.

Nun, Recht oder Unrecht. Jedenfalls besaß sie die Kraft. Und wo die Kraft ist, da ist Daseinsberechtigung.

Das Schöpsungswort:es werde", das man so be­zeichnend den göttlichen Funken nennt, die Gabe einer glühenden Phantasie unserem Geschlecht, und nicht mit Unrecht, heftig abgesprochen, die mußten ihr auch die Gegner zugestehen. Damit aber besaß sie den Zattber- stab, der wie einSesam, öffne dich" Felsen sprengt, der Gold und Edelgestein findet, wo gewöhnliche Sterbliche nur wertloses Metall erblicken, Schätze hebt hier ist es ein bisher unbekannter Legendenschatz, an denen die Metta e achtlos öoriibergegaugen.

Es tst eigenartig, zu beobachten, daß fast immer die größten Schwierigkeiteti, die sich der Entwicklung eines Menschen entgegenstellen, in ihm selbst ruhen; in dem Unvermögen, das uns blinden Erdenkindern anhaftet, Nächstliegendes zu erkennen.

Selma Lagerlöf, welcye die Matur dazu erwählt, das alte romantische Land neu' zu entdecken, welche sie in eine Umgebung gestellt, die wie keine andere dazu geschaffen war, sie auf ihre Bestimmung vorzubereiten, reibt sich auf, die große herbe Natur, den alten Märchen- und Sagenzauber in eine realistische Darstellung zu zwingen, trotzdem Stoff und untere Wesensart sich der Verge- toaltignng widersetzen und der Kamps nm so stärker ist, je stärker der Geist, der ihn zu führen hat.

Jeder andere würde sofort erkannt haben, daß das unmöglich sei."

Ach nein! längst nicht jeder. Wir wissen es heute, wie hoffnungslos sich die späteren Realisten im Anfang ihrer dichterischen Tätigkeit mit fünffüßigen Jamben ge­quält (ich erinnere an Zola) und daß sie, genau wie unsere Dichterin, Unmengen weißes Papier mißbraucht, ehe sie die ihrem Wesen adäquate Form des Ausdrucks ge­funden, ehe fie sich selbst entdeckt, und daß es auch dann noch geraunte Zeit gedauert, ehe sie es gewagt, ganz fie selbst zu sein.

Aber es gebt- durchaus nicht an, Selma Lagerlöf ein­fach als Romantikerin' zu rubrizieren; cs ist Neuland