251
rückreichte, über das kurze Jäckchen, den ausgerafften Rock und den Tirolerhut ä la mode de jeune fille, die einst so „elegant" und „fesch" gewesen, jetzt aber nur noch ein so zimperliches Ueberblerbsel vergangener Zeiten war. Man verzieh ihre von der Mode abweichende Kleidung, ihre gezrerten kleinen Manieren in Rücksicht auf die Herzensgute, die die kleine Dame dazu getrieben hatte, eine hilfreiche Hand nach dem armen Taugenichts auszustrecken und für oie Sache des Mannes aus dem Volke gegen den Gentleman einzutreten.
Jedes Ohr im Gerichtshof war gespannt, ihre Worte richtig aufzufassen, aber die kleine Frau sprach so deutlich, mit einer zwar dünnen, fast schrillen Stimme, aber mit so klarer Aussprache, die jedes Wort von einem Ende des Saales bis zum andern vernehmbar machte.
„Soviel ich weiß, waren Sie die letzte Person, von der es festgestellt ist, mit Jem Stickels vor feinem Tode gesprochen zu haben?" sagte der Coroner.
„Ja, Sir", antwortete Miß Theodora. „Ich ging, sobald ich von seinem Unfall hörte, nach der Hütte, in der er wohnte, um zu sehen, wie es ihm ginge."
(Fortsetzung folgt.)
Soldaten und Arbeiter in den Ameisen-Staaten.
Von Fred Hood.
(Nachdruck verboten.)
Die neuen Forschungen Wasmans, Forels und Belts, welche die wunderbaren, vor einigen Jahren von Lubbock und Mc Cook veranstalteten Untersuchungen über das Leben der Ameisen durch neue Ergebnisse außerordentlich bereichert haben, mußten naturgemäß ein neues Interesse für diese Insekten und ihre Gewohnheiten wachrufen. Die bemerkenswerten Anzeichen von Fähigkeiten, welche den Aeußerungen menschlicher Intelligenz verwandt scheinen, die Vollkommenheit dieser kleinen Geschöpfe im Vergleich zu anderen Insekten und ihr wunderbares, geseuiges Leben, welches so viel höher entwickelt ist, als das der Bienen oder Wespen, haben uns überzeugt, daß die Ameisen unter den wirbellosen Tieren sicher einen ebenso hohen Rang einnehmen, wie der Mensch unter den Wirbeltieren.
Wenn man die verhältnismäßig enorme Gehirnmasse in Betracht zieht, welche einer Anzahl von Tieren eigen ist, die einen ausgeprägten Grad von Gedankenlosigkeit zeigen, und andererseits die von den Gliedern der Ameisenstaaten bewiesene Intelligenz, so erscheint der von Darwin getane Ausspruchs daß das Gehirn einer Ameise die wunderbarste Materie auf der Welt sei, völlig gerechtfertigt.
Es ist interefsant, zu beobachten, wie sehr sich die Methoden der- wirbellosen Tiere, ein bestimmtes Resultat zu erreichen, von denen der Menschen unterscheiden. Der Mensch sucht in der ihn umgebenden Welt nach! Mitteln zur Erreichung seines Zweckes. Die Insekten suchen die Mittel in ihrer eigenen Konstitution, und sie passen sich den Anforderungen des Lebens durch Modifikation ihres Körpers an. Die Menschen z. B. fertigen sich! Werkzeuge, welche sie zum Schneiden von Stoffen, zum Graben des Bodens usw. brauchen; den Insekten wachsen diese Werkzeuge. Da Gefäße für flüssige Nahrung notwendig sind, erfand der Mensch dre Töpferkunst — deren Entstehung weit in die prähistorischen Zeiten zurückreicht. Die sonderbaren Honigameisen dagegen, deren Natur unter anderen Mc Cook und Lubbock studiert haben, machen sich- selbst zu lebenden Flaschen, zu denen die arbeitenden Mitglieder der Gemeinde kommen, um sich den frischen Trunk zu holen; sie bilden die Kneipen im Ameisenstaate.
Die Werkzeuge der Insekten, das muß hervorgehoben werden, sind aber den Zwecken, denen sie dienen, weit vollkommener angepaßt, als irgend ein von menschlichen Wesen erfundenes und verfertigtes Instrument. Wer die tierischen Werkzeuge haben andererseits doch ihre großen Fehler — sie können nicht bei Seite gelegt und nicht derart vervollkommnet werden, daß sie auch zur Erreichung anderer Arbeiten, sirr welche sie nicht vorgesehen sind, zu dienen vermögen. Diese Mängel bilden die Ursachen zu der außerordentlichen Spezialisierung, die wir im Reiche der Insekten finden. Ganze Gattungen und Abarten werden zu bloßen Organen für bestimmte Funktionen; sie können keinen anderen Dienst verrichten. So ist z. B. die Et-Erzeugerin der Ameisen, die sogenannte Königin, eben
so wie die lebenden Flaschen der Honigameisen, völlig unfähig zur Ortsveränderung, obwohl sie die ihrer Gattung zukommenden Glieder besitzt. Die Königin legt Eier, das ist ihre Funktion, und weiter kann sie nichts tun: die lebenden Flaschen speichern Nahrung auf, und gewahren sie den anderen Mitgliedern des Ameisenbaues; sie sind zu anderen Verrichtungen so unfähig, als ob sie bloß« leblose Zellen in einer Honigscheibe wären.
Und wenn man von Verstand bei den Ameisen sprechen könnte, so müßte man sagen, daß sie sich der hier angeführten Tatsachen völlig bewußt sind. Denn das System der Arbeitsteilung ist in ihrem Staate in der großartigsten Weise durchgeführt. Einige Gattungen, welche sich Sklaven halten — eine bekannte Tatsache — beschränken sich vollständig auf den Militärdienst, und sie haben so ganz die Künste des Friedens und der häuslichen Tätigkeit verloren, daß sie sich nur auf den Dienst ihrer Sklaven, die für die Jungen im Ameisenbau zu sorgen haben, verlassen müssen, sondern daß ihnen sogar die Nahrung in ihren kriegerischen Mund gestopft werden muß, wenn sie nicht inmitten des Ueberflusses den Hungertod erleiden sollen.
Die Kinnbacken dieser Ameisen, Polyergus rufescens und Polyergus lucidus — erstere eine europäische, letztere eine amerikanische Gattung — sind zur Arbeit völlig ungeeignet. Sie können weder zermalmen,- noch schneiden, noch sägen, aber sie stellen höchst brauchbare Waffen dar; sie sind spitz und gekrümmt, und beim Angriff auf den Feind fassen die gekämmten Dolche den Kopf des Gegners und durchbohren ihm das Gehirn.
Es kommt bisweilen vor, daß die körperliche Beschaffenheit des Insekts die Betätigung der Instinkte unmöglich macht, welche der Gattung eigentümlich sind. Dann ist es umso interessanter, zu beobachten, wie die Ameisen diese Hindernisse überwinden, beziehungsweise wie die Genossen im Staat noch die Schwächen oder Mängel gewisser Klassen für das allgemeine Wohl nutzbar zu machen wissen. Eine gewisse Zahl von Ameisen der verschiedensten Gattungen zeichnet sich durch den Besitz verhältnismäßig großer Köpfe aus, deren Nutzen äußerst problematisch ist. Unter den Arbeitsameisen der ostindischen Gattung Phei- dologeton diversus, tückischer kleiner Dinger mit giftigem Biß, finden sich beispielsweise riesige Kriegerameisen, die hundertmal größer als die übrigen sind. Man sollte meinen, daß diese großen Geschöpfe mit enormen Köpfen sich als furchtbare Verteidiger des Ameifenbaues erweisen; in Wahrheit können sie aber überhaupt nicht beißen, selbst wenn sie dazu gereizt werden. Die kleineren Mitglieder des Pheidologeton-Gemeinwesens verstehen es aber doch, diese großen Geschöpfe zu einer vernünftigen Arbeit heranzuziehen. Ganze Scharen kleiner Ameisen kann man ost auf den Rücken und Köpfen ihrer gigantischen Mitbrüder umherreiten sehen, etwa wie menschliche Wesen auf Elefanten. Diese Anwendung der Riesenameisen als Reittiere rechtfertigt aber noch nicht die ganz unverhältnismäßig großen Köpfe der Riesen. Eine andere Art, die Colobopfis-Ameisen, welche auf Baumzweigen ihre Nester bauen, scheinen nun entdeckt zu haben, wie man die Dickköpfe am zweckmäßigsten im Ameisenstaate verwenden kann. Sie werden an den Eingängen der Ameisenwohnungen derart aufgestellt, daß ihre großen Köpfe die Dorwegsöffnung ausfüllen und verschließen. Wenn sich eine zum Haushalt gehörige Arbeitsameise nähert, wird sie natürlich von der lebenden und intelligenten Haustür, welche zugleich die Rolle des Pförtners spielt, erkannt und eingelassen. Der dickköpfige Portier zieht sich gerade so weit zurück, um der Freundin den Eintritt zu gestatten, darauf aber sogleich wieder sein doppeltes Amt als Schildwache und Tor einzunehmen. y r
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß betont werden, daß es unter den kriegerischen Stämmen auch ein richtiges Raubgesindel giebt. Die Eciton sind dre Vagabunden unter den Ameisenstämmen; immer in Fehd; mit allen anderen Insekten, ohne festen Wohnplatz und stets auf Raub- und Wanderzügen, die überhaupt kein Ende nehmen. Sie sind Nomaden, ihre Wohnungen haben daher nur einen provisorischen Charakter, obwohl Stil und Einrichtung im wesentlichen mit den festen, bleibenden Bauten anderer Ameisen übereinstimmen. Da jedoch das Graben und Bohren von Gängen, die als Futterplätze und Obdach für Larven und Puppen hergestellt werden müssen, zu viel Zeit beansprucht, so überwinden diese merkwürdi-


