MMwoch den 29. April.
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1903. — «r. 63.
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(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
Seine Nichte suchte ihn, mehr durchs Mienen itnb leichtes, schmeichlerisches Zupfen am Aermel als durch Worte zu veranlassen, wetterzufayren. Er war aber halsstarrig. Seit lange hier ansässig und einer, der überdies mit jedermann immer auf gutem Fuß gestanden hatte, glaubte er ein Recht auf die Auskunft zu haben, um die er ganz harmlos gebeten hatte.
„Ei was!" sagte er hartnäckig, indem er sich aus dem Wagen lehnte und einen vertraulichen Don anschlug, „wenn es ein Geheimnis betrifft, so wißt ihr, daß ich's zu halten weiß. Oder hab' ich nicht schon manches geheimzuhalten gewußt?" Zu seiner großen Entrüstung sah er jedoch auf den Gesichtern einiger der beschäftigten Leute, was er für ein mitleidiges Lächeln hielt.
Er verlor seinen Gleichmut.
„Nun dann, heraus mit der Sprache!" rief er finster.
Ter Polizeidiener, mit dem er zuerst gesprochen, unterdrückte das Lächeln auf seinem Gesicht und antwortete ernst genug: „'s ist uns jetzt nicht erlaubt genug, mehr zu sagen. Doch werden Sie bald alles, was wir selbst wissen, erfahren. Wahrscheinlich schon diesen Nachmittag."
„Onkel George, wir werden den Zug versäumen", sagte Nell mit unsicherer Stimme.
Ter Polizeidiener blickte jetzt von George Claris auf den Koffer hinten im Wagen, und als der Gastwirt fort- suhr, flüsterte er dem ihm zunächst stehenden Mann einige Morte zu, worauf dieser eilig in der Richtung aus Stvoan lief.
Onkel und Nichte waren kaum auf dem Bahnsteig der kleinen Station angekommen, als der Oberpolizeiaufseher des Platzes aus der Tür trat und auf sie zu eilte.
„O, Mr. Claris, ich komme, wie ich sehe, gerade zurecht, rief er freundlich-, indem er vor Nell die Hand höflich an den Hut legte. „Wollen einen Rasttag in London nehmen?"
„Nicht ich. Für mich giebt's keine Rasttage", erwiderte Claris fast mürrisch „Ich bringe meine Nichte hier fort, weiter nichts."
„Nun, so tut es mir leid, daß ich den Ausflug der Dame unterbrechen muß, doch werden wir ihrer als Zeugen bei der Untersuchung bedürfen, die diesen Nachmittag abgehalten werden wird. Ich bedaure unendlich, Miß", wendete er sich an Nell, „aber es heißt nur das Vergnügen um einige Tage verschieben."
Doch Nell sah so bestürzt aus, als ob die Vorladung des Oberaufsehers ein Todesurteil gewesen wäre. Sie gab keine Antwort, sondern stand schweigend, tränenlos, aber
von Schrecken ergriffen vor den zwei Männern da und starrte! mit offenen Lippen und wilden Blicken auf den heran« kommenden Zug.
Der Onkel rüttelte sie, sie am Arme ergreifend, auf.
„Was ist mit dem Mädchen! Sieh nicht sv drein!'« raunte er ihr zu. „Die Leute müssen ja denken. Du habest selber die Hand mit im Spiel, wenn Du mit solchem Gesicht vor Gericht gehst."
Zu silnem Erstaunen und Kummer nahm sie seine Morte ganz ernst,
„Werden sie's wirklich denken? Werden sie das zn sagen wagen?" fragte sie mit so atemlosem Ernst, daß er mit einem finsteren Ausdruck seines ehrlichen roten Gesichts einen Schritt zurücktrat.
„Gott bewahre das Mädchen! Du jagst mir mit Deinem Zittern und Deinem verstörten Gesicht einen heillvsenSchreckl ein!" sagte er mürrisch. „Komm mit mir heim! Und um Himmels willen laß sie nicht glauben, daß Du Dich habest davonmachen wollen. Gott weiß, was die Seute in solcher Zeit alles sagen, wenn Du nicht alle fünf Sinne beisammen hast und wie ein vernünftiges Wesen Rede stehst im Verhör/«
Nell sagte nichts. Dem Gastwirt aber sank, als er htzim- fuhr, das Herz, da er sah, daß seine sonst leichtherzige, fröhliche, kleine Nichte auf dem ganzen Weg wie Estzenlaubi zitterte.
14. Kapitel.
Vo r dem Untersuchungsrichter.
Die gerichtliche Untersuchung fand in dem kleinen Rathaus auf dem Marktplatze statt, und die bösen Gerüchte, die über den Tod Jems in Umlauf waren, hatten einen solchen Andrang herbeigeführt, daß die dürftige Räumlich? keit, die das alte Gebäude darbot, aufs äußerste in Anspruch genommen wurde.
Es war von Anfang an ersichtlich, daß dies kein gewöhn- licher Fall war, daß es sich hier nicht bloß um einen Betrunkenen handelte, der tot in einen Graben gefunden worden war, mit keinem weiteren Merkmal der Ursache seines Todes.
Vom ersten Augenblick an, als die Türen geöffnet wurden und die Menge hereinströmte und unverzüglich den für das Publikum bestimmten Raum ausfüllte, gab's ein von Mund zu Mund fliegendes Murmeln und Flüstern, das den allgemeinen Glauben andeutete, daß eine oder mehrere Personen von einer höheren gesellschaftlichen Stellung, alZ die des toten Fischers gewesen war, und von einem allgemeineren Interesse als er, im Laufe des Prozesses darein verwickelt werden würden.
Tie Fragen: „Wo ist die junge Dame?" und „Wird der Gentleman wohl genug fein, um erscheinen zu können?'« wurden oft erhoben, doch nie befriedigend beantwortet.
Tie Zeugen des Falles befanden sich, wie man sich zw> raunte, in der Ratsstube und würden einer nach dem andern« wie man sie brauchte, vvrgefühtt werden.


