Ausgabe 
28.12.1903
 
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tiefe Bedeutung für ihn gewonnen und ließen ihm die triviale Musik erträglich erscheinen. So begann er zu fingen:

Das ift tut Leben häßlich eingerichtet.

Daß bei. den Rosen gleich die Dornen stehn."

Er sang die Strophe zu Ende; sein Herz horchte auf den schmerzlichen Sinn der Worte, sein "Ohr und seine Seele auf den Klang der einstmals so herrlichen Stimme, und eine doppeltes Weh überfiel ihn so gewaltig, wie der Sturm, dem er neulich getrotzt hatte. Gebrochen, unsicher und häßlich kamen die Töne aus seiner Kehle, den Klängen des verstimmten Klaviers erschreckend verwandt. Und doch, es fesselte ihn mit Dämonenkraft an die Worte dieses Liedes. Noch einmal begann er, noch einmal mußte er sich den Dolch in die Wunde drücken, den die Verse für ihn be­deuteten :

In Deinen Augen hab ich einst gelesen,

Es blitzte drin von Lieb und Glück ein Schein"

Was war das? Ein Geräusch ließ ihn innehalten und umschauen. Tie Tür zum Nebenzimmer war geöffnet wor­den, ohne daß er es bemerkt hatte, und in ihrem Rahmen stand Edith. Sie sah ihn an mit einem Blick, er vermochte rhn nicht zu verstehen, ihn sich nicht zu erklären; aber ein Gemisch von Leid und Wönne guoll in seiner Seele auf; daß er nicht zu reden vermochte. Wortlos blieb auch sie ihm gegenüber; sie wollte sprechen, sie streckte die Hände nach ihm aus; aber während ihre Lippen sich zum Reden bewegten, drang ein Schluchzen hervor, so stürmisch- ge­waltsam, daß es die Worte verschlang. Einen Augenblick noch kämpfte sie gegen die mächtige Bewegung, aber es war ein nutzloser Kämpf; laut weinend schlug sie die Hände vor das Gesicht und stürzte hinweg.

Wie konnten Tränen einen Menschen so glücklich machen? Rauchmann fragte es sich, während er dastand und auf die leer gewordene Stelle schaute, wo er Edith vor einer Minute noch gesehen hatte. Der Anblick ihrer weinenden Augen hatte ihn wunderbar getröstet. Ein Gefühl für ihn, ein gutes, warmes, starkes Gefühl mußte do>ch in ihrem Herzen wohnen, daß sie so lebhaft mit ihin leiden konnte. Wie diese Empfindung sich nannte, danach fragte er kaum; sie hatte sich; ihm offenbart und ihm damit ungeheuer wohlgetan. Wenn Edith um ihn weinte, so war er noch nicht völlig vereinsamt. Am liebsten wäre er ihr nachgeeilt, hätte sie bei der Hand gefaßt und sie gebeten, zu ihm zu sprechen, aber die Furcht hielt ihn zurück, es könne scheinen, er wolle den Dank für die Rettung sich; holen.

(Fortsetzung folgt.)

K wiar.

Ueber die Kaviargewinnung, über die auffallend wenig zuverla;pges Material vorliegt, veröffentlicht Bernhard von Zingg tn der Januarnummer vonBelhagen und Klasings Monatsheften" eine fesselnde Plauderei, die den Freun­den des Kaviars mancherlei Neues bietet. Wir geben einiges von seinen Mitteilungen im Auszuge wieder.

Ter Kaviar ist bekanntlich Fischrogen; der Astrachaner Kavtar, von dem der Bersasser fast ausschließlich spricht, wert dre übrigen Arten ihn nicht an Güte erreichen, stammt von verschiedenen Mitgliedern der Stör- und Hauseufamilie Ter vornehmste dieser ausgezeichneten Sippe ist der Be­luga, ein Haufen, der ein Gewicht von etwa 130 bis 192 Kilo erreicht, ausnahmsweise aber auch bis 600 Kilo schwer tol,r,b uud etwa 10 Proz. feines Leibesgewichtes an Rogen nächstbewertet ist der stattliche Ossetrowa, ein großer Stör der etwa 6 Kilo Kaviar, bisweilen aber auch das Doppelte liefert. Es folgt dann der Shevruga, der gewöhnliche Stör, der in weit größeren Mengen als seine vornehmeren Verwandten gefangen wird und je etwa bis 4 Kilo Rogen liefert; dieser ii|ft kleinkörniger und we- Niger fett als , der der erstgenannten Arten. Neuerdings kommt auch viel sogenannter Schipp-Kaviar von Bastard- hn» .§anb^/ der meist lichtgelb- weniger fein

.f^schmack ist und vorzugsweise aus dem Süden des ÄMn Meeres stammt. Vielfach . liest man auch von Malosol-Kaviar"; es ist dies eigentlich keine besondere Men ifTbmt bebeutet "ur, daß der Rogen schwach ge-

Tie Jischereiansiedlungen befinden sich teils unmittel- bar an der Küste des Kaspischen Meeres, teils am Laufe

der Wolga, in deren Verästelungen und ihrem Telia. Dort hat sich ein buntes Völkergemisch, Russen, Kalmücken, Kir­gisen, Perser und Tartaren, zusammengefunden. Gefischt wird auf Heu ungeheuren Fischgründen des Kaspischen Meeres während des ganzen Jahres mit einer Schonzeit im Juni und Juli, die seit diesem Jahre gesetzlich vorge- schricben ist. Bei dein Hauptfaug tut Meere entfernen sich die Fischer bis zu 100 Werst von der Küste, um ihre Fangleinen auszulegen. Tiefe sind oft über einen Kilo­meter lang und tragen in kurzen Abständen an etwa ein Bieter langeit Stricken Hunderte von starken, scharfgespitz­ten Angelhaken ohne Köder und werden von Korkschwimmern gehalten. Tie Fischer fahren dann täglich oder je nach den Winden in Zwischenräumen von mehreren Tagen ihre Leinen ab und holen die Fische ein, die sich in den Angel­haken singen. Oft ist die Ernte recht durstig und beträgt auf 40 bis 50 Fischleinen nur ein oder zwei Fische. Nur die geradezu ungeheure Zahl der ausgelegten Leinen bringt schließlich doch den großen Gesamtertrag. In der Wolga wird zutnal im Frühjahr, wenn die Fische zum Laichen stromaufwärts ziehen, der Fang in Netzen mit oft reichem Ertrag betrieben.

Tie Zubereitung des Rogens, seine Verwandlung in Kaviar, ist scheinbar eine sehr einfache Sache, verlangt aber doch eine eingehende Sachkenntnis und große Sorg­falt. Man unterscheidet dabei zwischen Preßtäviar, von dem in Rußland selbst gewaltige Quantitäten verbraucht werden, und dem Kaviariin körnigen, rollendenZu­stande, wie wir ihn kennen. Ter Beluga wird nicht "ge­preßt, weil er zu wertvoll ist. Man schätzt die jährliche Beluga-Produktion des Kaspischen Meeres auf 10 0( 0 Pud (zu rund 16 Kilo), die beinahe ganz zur Ausfuhr aus Rußland gelangt. An Störkavrar aber wird die drei- bis vierfache Menge gewonnen, von der etwa 1215 000 Pud nach Westeuropa exportiert, das übrige gepreßt werden dürfte. Für beide Sorten wird der Fisch zuerst vorsichtig ausgenommen. Ter Rogen ist in eine Art Hülle, ein Häutchen, gebettet. Zur Bereitung desselben kommt der. Rogen auf ein größeres flaches, ziemlich großmaschiges Netzsieb und wird auf diesem mit der Hand leicht in das darunter befindliche Gesäß durchgerieben. Hat man so den reinen Kaviar gewonnen, so ist für den Kaviarmit rollen­dem Korn", unfern Kaviar, nur noch die Salzung nötig. Je nach den Sorten, vor allem aber je nach der Jahreszeit, wird der Rogen mehr oder weniger gesalzen in war­men Monaten ist ein größerer Salzzufluß erforderlich als in kalten. Das Salz muß sorgsam mit dem Ztogen ver­rührt werden, wobei dieser immer flüssiger wird; die Flüssigkeit läßt man auf Baftsieben ablaufen es kommt aber ungemein viel darauf an, den rechten Grad des Flüssig­werdens abzupassen, damit ein gutes rollendes Korn er­zielt wird. Hauptsache ist ferner, daß nur bestes reinstes Kochsalz verwendet wird. Alle Zusätze zur Konservierung schädigen die Delikatesse unb gefährden vielfach die sonst so hervorragende Bekömmlichkeit. Bei dem. Preßkaviar wird der Rogen in einer. erwärmten Salzlauge verrührt, dann mit Sieben aus der Flüssigkeit herausgehoben, in Bast­säcke gefüllt, gepreßt und tu Fässer eingelegt, wobei nicht ver- schwiegeu werden darf, daß er bei größeren Fischcrnten Wohl auch von Mädchen mit den nackten Füßen zusammen- getreten wird. <

Zur Verteuerung des Kaviars trägt wesentlich auch die umständliche Verpackung und die ganze Art des Trans­portes, bei deut zunt Beispiel aus dem Wege nach Berlin die Eispackuug drei- bis viermal erneuert werden muß, bei. Es wirkt erstaunlich für den Laien, wenn er in den Kühlkellern großer Firmen sieht, auf wie kleinem Raume hier Kaviar im Werte von einer halben Million Mark und ntehr lagert der gute Kaviar ist eben im Verhältnis zu seinem Volumen eine der teuersten Waren der Welt.

, * Die enttäuschte Mitt na. Der Geschäftsfreund erzählt: In der Familie des Inhabers eines großen westfälischen Kaufhauses waltet Minna des verantwoÄ- lichen Amtes einer Köchin. Sie ist nach Ansicht ihrer Herrin eine Perle, denn sie kocht vorzüglich, wirtschaftet sparsam und empfängt außer einem einzelnen, in einer benachbarten Kaserne beheimateten Vertreter der beivaff- neten Macht keinerlei störenden Besuch in WemAmts-