Ausgabe 
28.12.1903
 
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Für immer."

Ern Schweigen legte sich auf den Raum, so schwer und lastend, daß die beiden Männer sogar vor der Bewegung eines Fingers Angst zu empfinden schienen. Sie saßen regungslos wie zwei Gestalten aus Erz, aber die Rauch,-- manns war nicht das Bild eines Verzweifelnden, sondern das eines festen und ruhigen Mannes, der auch das Uner­trägliche zu tragen sucht.

Endlich begann der Arzt wieder zu spreche«. Er'hätte so gern getröstet uiib fand keinen Trost.Ich habe Sie während der letzten Tage schon vorzubereiten gesucht. Sie waren bei Ihrer Ankunft hier kränker, als Sie glaubten; aber Sie hätten gesund werden können, tvenn keine neue Schädlichkeit hinzugekommen wäre. Die Anstrengung, die Erhitzung, die Aufregung bei der Rettung von Fräulein Bessel haben ganz allein die erneute Erkrankung Ihrer Stimmbänder und dies tragische Resultat herbeigeführt. Da die Tat an sich aber so schön und ehrenvoll war, so ge­währt es Ihnen doch vielleicht einigen Trost, gerade da­durch sich zu Grunde gerichtet zu haben."

Tas ist mir freilich ein Trost", gab Rauchmarin zur Antwort, und der erste, leise Schatten eines Lächelns kam auf sein Gesicht.

Ter Arzt betrachtete Rauchmann einen Augenblick schwei­gend, um dann mit plötzlicher Lebhaftigkeit zu sagen:Ich muß gestehen, daß Sie mir kolossal imponieren, Herr Rauchr- niann. Ich bin leider oft in der Lage, traurige Wahrheiten aussprechen zu müssen, aber selten habe ich einen Menschen gesehen, der sie mit solcher Fassung und Festigkeit ertrug. Sie zwingen mich in der Tat, Sie zrr bewundern."

Wenn Sie wüßten, was ich erlebt habe, so würden Sie mich nicht bewundern, aber verstehen. Sie wissen ivvhl selbst: kein Verlust erscheint in seiner vollen Größe, wenn ein größerer daneben steht."

Ich dränge mich nicht in Ihr Vertrauen; aber indem Sie meine Bewunderung für Sie zu verkleinern suchen, erhöhen Sie mein Mitleid. Darf ich"

Nein, fragen Sie mich nicht. Ich kann Ihnen keine Antwort geben. Lafsen Sie mich Ihnen nur noch danken für Ihre Aufmerksamkeit, Ihre sorgsame Pflege und vor allem für Ihre Aufrichtigkeit."

Ter Arzt erhob sich uno reichte dem Manne, dem er so Schweres hatte künden müssen, die Hand zum Abschied.

Und Ihre Zukunft? Darf ich auch danach nicht fragen?"

Giebt es überhaupt eine Zukunft für mich? Vorläufig denke ich daran noch nicht. Mein Leben, das heißt, das tierische Vegetieren ist gesichert. Auch allerlei gelernt habe ich früher, bevor ich zur Bühue ging; ich könnte darauf zurückgreifen und könnte, ja, was könnte ich nicht alles, wenn ich wollte. Am Wollen wird's fehlen. Ich glaube an keine Zukunft mehr für mich."

Ter Sanitätsrat schüttelte den Kops mit einem über­legenen, aber zugleich freundlichen Lächeln.Wenn ich einen so ljanz niedergeschlagenen Menschen sehe, denn innerlich sind Sie das trotz des Mutes, den Sie mir be­wiesen haben, dann muß ich immer an die Pflanzen und Gräser bettiert, die ein zu starker Regen auf den Boden gedrückt hat. Man meint zuerst, sie könnten niemals wieder ausstehen, aber die Sonne braucht nur ein paar Stunden zu scheinen, und sie recken sich wieder wie sonst zum Licht. Innerlich sind sie daun erfrischt und gestärkt durch den Regen. Aehnlich wirkt ja manchmal ein schweres Schicksal, wenn nur der Sonnenschein nachkommt. Auch Sie wird er wieder aufrichten; ich kann leider nichts tun, als Ihnen den wünschen."

Es gibt auch Hagelschlag, gegen den kein Sonnenschein hilft. Aber wir toerden ja sehen. Wie ist es denn, können Sie mich nun wenigstens aus meinem Zimmerarrest entlassen?"

Gewiß, das wollte ich noch sagen. Wenn Sie aus dieser erzwungenen Stummheit und Einsamkeit heraus­kommen, die bis jetzt notwendig war, so werden Sie die Welt auch schon mit etwas anderen Augen wieder ansehen lernen. Und nun Adieu; noch einmal aber: ich wünsche Ihnen Sonnenschein, recht viel Sonnenschein."

Rauchmann reichte ihm wortlos die Hand; wo gab es Noch Sonnenschein für ihn? Als er allein war, ging er zur Eiir des Balkons und riß sie auf; es war ihm, als müsse er ersticken unter der Last seines Schicksals und seiner

Vereinsamung. Sie schien ihm das allerschwerste in dieser schweren Stunde. So weit hatte er sich schon verändert während der letzten Wochen, da!ß! Eitelkeit, Ehrgeiz und Freude am Ruhm nicht mehr am lautesten redeten in seiner Seele. Das Herz führte das Wort, das erwachte, neu­belebte, hier in der Stille zu heißem Sehnen erstarkte Herz. Und weil es nicht besitzen durfte, was er gesucht hatte mit größter Kraft, so empfand es die Vereinsamung, das Leer- iverbert auch der übrigen Welt nun boppelt so tief. Tie Be­wunderung der Menge war kein Ersatz für die Liebe eines einzelnen Menschen, aber sie war doch ein Balsam, der die Wunden zu lindern vermochte. Jetzt gab es auch den nicht mehr. Aus glanzvoller Höhe mußte der Künstler niedersteigen in das tiefe, dunkle Tal, in dem die Unbekann­ten, Namenlosen wohnen, und kein Stern von oben goß ihm, saust herniederleuchtend, Frieden und Trost in die schmer­zende Brust.

Kein Stern! Tie Hoffnung auf ihn und sein Licht war gestorben in diesen Tagen widerwilliger Abgeschlossenheit von der Welt. Das schriftliche Zeugnis für den letzten größten Verlust trug der Vereinsamte bei sich und holte es jetzt hervor. Es waren zwei Briefe: der eine von der Generalin, der zweite von Edith selbst. Jener war am Abend des Sturmtages geschrieben worden, au dem er die Gestürzte gerettet hatte, und sprach ihm in den herzlichsten Ausdrücken den Dank für seine hilfreiche Tat aus, zugleich das schmerzliche Bedauern, daß der Arzt ihr bett Eintritt in sein Zimmer vermehrt habe, als sie ihm mündlichhabe danken wollen. Ediths liege noch im Fieber und ohne Besinn­ung, an Kopf und Arm verwundet; sobald sie fähig sei, werde sie selbstverständlich ihren Dank mit dem der Mutter vereinigen. Noch ein paar Worte wärmster Teilnahme für ihn und die mögliche Schädigung seiner Gesundheit, das war alles.

Ediths Brief, der vier Tage später gekommen war, sagte mit etwas anderen Worten dasselbe wie der ihrer Mutter. Boller Herzlichkeit, Dankbarkeit und Mitglefühl, wie er war, hatte er doch seinen Empfänger nicht zu be­friedigen vermocht. Auch in ihm fand sich keine Zeile der Antwort auf Rauchmanns Schreiben, auf die Erklärung seiner Liebe zu Edith. Wie er in der Bezzuglio-Schlucht vergeblich auf sie selbst und auf ein Wort aus ihrem Munde gewartet hatte, so spähte er hier umsonst nach einer einzigen Silbe, die sich darauf bezog. Ihr Fernbleiben dort, ihr Schweigen jetzt, war es nicht Antwort genug? Eine här­tere, schroffere Antwort, als sie mit ihren Lippen ihm hätte geben können.

Nun war es entschieden: alles aus und vorbei. Keine Kirnst, kein Schaffen, kein Ruhm und keine Liebe mehr. Ein dumpfes Vegetieren war das Leben, dc.S vor ihm lag, nur ein einziges Mal unterbrochen in seinem öden Einerlei durch die Minuten, in denen er Abschied nehmen sollte von Edith. Denn das hatte sie geschrieben, daß sie ihm ihren Dank sofort mündlich wiederholen wolle, sobald er , soweit her- gestellt sei, um sie sehen und sprechen zu dürfen. Sein Verstand riet ihm ab von dem zwecklosen, schmerzlichen Wiedersehen, aber fein Herz drängte ungestüm danach hin, und wenn es einen leisen Trost gab in seinem gegenwärtigen Leid, so war es der Gedanke an dies letzte Wiedersehen, das ihm doch nur ein neues Leid bedeuten konnte.

Mitten in seinem erregten, kummervollen Grübeln, bei dem die verschiedenen Empfindungen wild ineinander wog­ten, kam ihm die plötzliche Frage, ob es denn wahr fein könne, daß seine Stimme wirklich verloren sei. War sie un­rettbar dahin, so konnte es nichts mehr schaden, wenn er sich selbst! durch eine Probe von der furchtbaren Wahrheit überzeugte, war sie aber noch zu retten, dann er dachte nicht weiter. Ohne Besinnen eilte er die Treppen hinunter in das kleine Musikzimmer am Garten. Es war die ruhigste Stunde des Tages für das Hotel; die Gäste ans Ausflügen in die Berge, oder mit Booten hinaus aus den See. Nnr von der Terrasse her tönten die gedämpften Stimmen einiger Fremden, sonst war auch der Garten ausgestorben und schweigend.

Rauchmann schloß die Tür, die ins Freie führte, hier konnte er's wagen. Er öffnete das Piauino und schlug ein paar Töne an; sie klangen verstimmt und schrill, aber er achtete nicht darauf. Die sentimentale Melodie desBe­hüt' Dich Gott" aus demTrompeter" kam ihm in den Sinn, obwohl er ehemals die Oper und das Lied selbst nicht geliebt hatte. Jetzt aber hatten Scheffels Worte eine neue^