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(Nachdruck verboten.)
Wotans Wertoöung.
Novelle von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
„Ach nee, nee, so was müssen Sie mt nich sagen. Wenn Sie vom Herrgott sprechen wollen und von seinen lieben Engeln, aber nee, vom Deibel, nee! Und nu sagen Sie mir vor allen Dingen, warum sind Sie denn wieder zurückae- rommen?"
Er gab einen Ton von sich- der wie ein wütendes Grunzen klang. „Weil sie wieder da is!" Wie eine Herausforderung warf er ihr die Worte hin.
„Sie, — wer?"
„Sie!" Jetzt lies; eine Handbewegung nach seiner Kehle hin keinen Zweifel rnehr über das Femininilm, von dem er sprach
„Ach nee, wirklich? Die Kugel, ach nee! Ja, und hier ist es doch so gut gewesen diese letzte Zeit!"
„Tas is ja gerade die vertrackte, vermaledeite, ver- deubelte Geschichte. Hier war es gut, un ich bin noch nich mal einen Tag weg, da geht die Quälerei schon wieder an."
„Ja, die Luftveränderung."
„Ach was, Luftveränderung. Hat 'r gar nichts mit zu tun 'ne Sie sind ganz alleine schuld an der Geschichte, Gott soll Mich verdammen!"
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„Jawoll. So lange wie ich hier bei Ihnen gewesen bin,, da ist sie weg gewesen, die letzte Zeit wenigstens, un nu es sie wieder da. Es is zum Deubel holen! Ich kann doch nich mein Leben lang mit dem Ding im Halse hernm- laufen, da muß ich was gegen tun."
„Ja, — aber was?"
„Donnerwetter noch mal! Heiraten muß ich Sie!"
Fräulein Häscler stieß einen Meine« Schrei aus, den der Papagei mit dem freundlichen Worte „Meschugge" be- antworiete, dann suchte sie zu erröten und stammelte: „Ach Gott nee, ich bin nämlich so iberrascht."
, . „Unsinn! Ueberrascht? Hat stich was mit überrascht sein. Haben ganz genau gewußt, ivo Sie hinaus wollten: wissen alle Frauenzimmer ganz genau un wollen alle ein un dasselbe. Oder sagen Sie etwa nein, wenn ich Sie heute zur Frau haben will, zum Deubel nochmal, sagen Sie nem?"
Er stand vor ihr, als wenn er sie zum Zweikampf fordern wollte, und brüllte sie an mit der ganzen Kraft emes gesunden Organs. Aber sie nahm ihm nichts übel, sondern sprach um so sanfter, je mehr er schrie, und lächelte, als hatte ste ausnahmsweise statt einer Citrone ein Stück Zucker erwischt. „Ach nee, Herr Rat, nee, nein sagen, das tu ich nu nämlich unter keenen Umstanden."
„Da haben wirs ja. Da wären wir ja einig, was? Ne mer^wurorge Einigkeit, wahrhaftig! So 'ne lange, schöne Zühre habe ich mich glücklich gewehrt, und nu ist es aus n Brautpaar, wahrhaftigen Gott, 'n Brautpaar'"
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„Nee, nee, nich umarmen, das kann ichs «ich ver- , Un überhaupt keine Sentimentalitäten, keine Gefühlsduselei."
. «Ach Gott, Sie haben gut reden, oder darf ich „Du"- sagen, Philipp? Du erlaubst mir's nicht wahr? Ich habe nämlich so um Dich aushalten missen, und es hat sich in mir so angesammelt, und mein Busen, ist so voll, daß es heraus muß. Tie ganze letzte Nacht habe ich nämlich nicht hergesaot'" geweint und habe traurige Gedichte
„Hättest auch was bchseres tun können."
„Namentlich bas eene, was der Schiller oder der Goetbe gemacht hat, und wo es heeßt: '
Een Mal hab' ich es doch wenigstens gehabt. Was so angenehm ist,
Daß man es zu seinem Kummer
_ Niemals mehr aus dem Gedächtnis bringt.
so ungefähr heeßt es, ich hab' es nämlich lange nich mehr
„„Tas will ich mit auch ausgebeten haben: is ja doch man bloß Unsinn, was die Kerle schreiben. Tie hätten mich alle zusammen «ich zum Heiraten gebracht, — aber so."
„Nu, naticrlich will ich."
„Sie wollen alle. Gott soll mich bewahren! Wüs ich mir da heute eingebrockt habe, da werd' ich wohl mein Lebtag genug au, zu essen haben. Aber die Kugel, — wahrhaftigen Gott, die is schon wieder dünner." —
Während in dem einen Zimmer des Hotels diese Verlobung stattfand, lvurde in einem anderen ein Todesurteil ausgesprochen. Ein Todesurteil wenigstens für das bisherige Dasein des Mannes, den es betraf.
Ter angesehenste Arzt der ganzen Riviera saß Rauch? mann gegenüber und sah ihn mit ernsten, mitleidigen Blicken au. Sehr ernsthaft war auch der Ausdruck in des Sängers Zügen, daneben jedoch eine merkwürdige Ruhe und feste Gelassenheit. Nun sprach er; seine Stimme klang verändert, tonlos und rauh.
„Sagen Sie mir nur alles, Herr Sanitätsrat. Ich bin darauf hefaßt, und Sie erschrecken mich nicht. Sie glauben, daß mente Stimme rettungslos verloren ist?"
„Beruhigen Sie sich nicht bei dem Urteil eines einzelnen, ich kann mich irren und —"
"Ich habe Vertrauen zu Ihnen, und meine eigenen Beobachtungen an mir selbst bestätigen im voraus das, waA Sie mir zu sagen haben. Meine Stimme ist verloren, nicht wahr?"
„Ich fürchte es, — ja."
„Für immer?"


