Ausgabe 
28.11.1903
 
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ratsgeschichte uachholen zu können. B-et einer Revision ihres Taschengeldes brauchen sie nicht einmal zu lügen. Tenn wenn sie lächelnd erklären, daß sie die verschiedenen Nickel demAutomaten" geopfert haben, sagt der ge­strenge Herr Papa höchstens:Naschkatze", weil er an Scho­kolade dabei denkt. Automaten sind auch in diesem Falle einegeradezu himmlische" Einrichtung! Neben der Musterkarte von klassischen Zeugen, die nns dieser Prozeß aus dem Osten nach Berlin gewirbelt hat, sind aber auch Bedenken, die schon früher manchmal gegen gesetzliche Einrichtungen unserer Rechtspflege laut wurden, zu direkten Protesten des Volksbewußtseins geworden. Tas trifft in erster Linie den einseitigen Gang der Vor­untersuchung und die Festlegung dort gemachter Aussagen durch den Eid. Man wird sich in Zukunft den aus diesem Prozeß grell herausleuchtenden Tatsachen nicht verschließen dürfen, daß die Heiligkeit und Zuverlässigkeit des gericht­lichen Eides bei dem bisher gütigen Verfahren stark ge­litten hat, und dann sind schließlich die Kosten dieser Wasch-- lapsiade trotz alledem nicht zu hoch gewesen. Interessant war das Publikum im Zuschauerraum. Wo sonst die ver­kniffenen Gesichter der Kriminalstudenten zu sehen sind, die an dem Reinsall irgend eines Kaschemmenbruders etwas für die eigene Gaunerpraxis profitieren wollen, saßen in den elegantesten Roben Damen der guten Gesellschaft. Rassige Aristokratenköpfe tauchten auf. Auch die Ber­linerin vom Schlage der Stinde'schen BUchholzeu fehlte nicht. Es war eben eine Sensation, die nicht alle Tage zu haben ist. Ter Gerichtspräsident hätte Tee und Sand­wichs servieren lassen müssen und der five o'elock-tea wäre fertig gewesen. Dieser Fünfuhrtee, wie wir als ver­nünftige Deutsche eigentlich sagen müßten, wie wir aber in Berlin nun einmal nicht sagen, wenn wir auch sonst kein Wort Englisch weiter verstehen. Dieser Fünsuhrtee ist unsere neueste englische Krankheit. Genauer gesagt, ein Rn - lall mit erschwerenden Umständen. Denn diese, Dem braven deutschen Kaffeeklatsch so arge Konkurrenz bereitende Einrichtung wurde schon in früheren Jahren einmal bei uns eingeführt. Sie vermochte nicht, sich dauernd bei uns einzubürgern, schon wegen unserer anderen Tischzeit, wohl auch, weil das rastlos tätige Berlin seine Tagesstunden seit langem für ganz bestimmte Gewohnheiten festgelegt hat. Diesmal nun ist es die Wohltätigkeit, die dem englischen Tee Worspamidienste leisten muß. Der Fünf­uhrtee, den sogar an bestimmten Wochentagen eine Prin­zessin aus einem der mediatisierten Fürstenhäuser präsidiert, findet zu einem guten Zwecke statt. Wer die schönen Räume imKaiserhof" betreten will, natürlich ingrande toilette", hat einen Obulus von 1,50 Mk. zu entrichten. Nachahm­ungen diesesgroßen five o'clvck" tauchen schon hier und da auf, auch in dem stark entwickelten Berliner Vereins­leben; doch glaube ich nicht, daß die Geschichte den kommen­den Winter überdauert. Dazu sind wir trotz unserer roten Reichstags- und liberalen Landtagswahlen viel zu konser­vativ an der Spree. Einer großen und wohlverdienten Beliebtheit erfreuen sich übrigens bei den Berliner Frauen die Frauenkiubs. Diese dienen vor allem dem großen Heere alleinstehender Damen, die als Lehrerinnen, Malerinnen, Geschäftsleiterinnen re. in Berlin leben, auch allein reisen, den reisenden Damen eine geradezu ideale Heimstätte, in dem sie einen sehr annehmbaren Ersatz für die schmerzlich vermißte Familie zu finden vermögen. Diese Frauenklubs werden sehr vernünftig geleitet, gut bewirtschaftet und halten sich in Vorträgen, Disputen re. auf einer sehr respek­tablen Höhe. Ich weiß das freilich nur vom Hörensagen; denn die holden Mitglieder dieses Klubs wachen mit ArguA- uugen darüber, daß die Herren der Schöpfung keinen Fuß über die Schwelle ihres Heiligtums setzen und sie be­lauschen, wenn sie über Nietzsche oderRose Berndt" plau­dern, oder mit Grazie nach jbeit Billardkugeln stoßen. Karten spielen fie auch«, die Kühnen, und wenn ein miß- trauischer Gatte seine Gedanken über die manchmal grassie­rende Schwindsucht der häuslichen Wirtschaftskasse hat, so werden sie ihm das nicht gerade übel nehmen dürfen. Ein Tag im Jahre übrigens ist den Männern frei. Da spielen sie die liebenswürdigsten Wirtinnen der Welt, laben ihre braven Eheherren mit gutem Pilsener und anderen deli­katen Sachen, und es kommt vor, daß ein Mitglied des Empfangskmoitees hier und dort bittet:Ach, stehen Sie doch auf, meine Damen, damit die Herren Platz nehmen rönnen I" Man bekommt ordentlich Appetit aus einen Strick­

strumpf oder ein Häkelzeug. Diese Eintagskonkurrenz in der Galanterie berührt uns zwar komisch, aber doch recht wohltuend. Von der Konkurrenz, die sich gegenwärtig zwei T-amen des Brettls in der Reichs-Hauptstadt machen, kann man das letztere nicht gerade behaupten. Es betrifft das die beiden Tänzerinnen Saharet und Pertina, die aus ver­schiedenen Bühnen um den Rekord ringen, wer die Füße bei seinen Vorführungen am höchsten werfen kann. An den Lißfaßsäulen sind demonstrierende Abbildungen, in den Zeitungen stehen unverblümt abgefaßte Annoneen darüber. Wir leben einmal wieder auf einer künstlerischen Höhe, die den gerechten Neid der Aschantis und anderer Kulturvölker im allerhöchsten Grade zu erregen imstande sind. Und dabei ist es erst November. Tie höchstenElite-Gala-Weltnum- mern" pflegt man für den Dezember aufzuheben. Wer also kann wissen, was uns anKunstgenüssen" noch bevorsteht!?

A. R

Wesolute Arauen.

Von O. v. Briesen.

Wenn die Amerikanerinnen auch eine Menge von Schattenseiten aufweisen, so muß doch der Neid ihnen lassen, daß sie an Mut und Entschlossenheit ihre Schwestern in anderen Ländern weit hinter sich zurücklassen.

Einige Beispiele, die hier ihren Platz finden mögen, wer­den dies ^ur Genüge dartun.

Auf einer mehrere Monate währenden Exkursion durch Kalifornien, die ich in Begleitung eines Bekannten unter­nommen hatte, wurde eines Tages in der Mittagszeit von uns gerastet. Die Gegend, in der wir uns befanden, etwa 25 englische Meilen von San Francisco entfernt, war trefflich in Kultur, und überall erblickte man prächtige Farmen. Als wir, int Schatten eines großen Baumes liegend, einen kräftigen Imbiß zu uns genommen hatten unb eben im Begriff waren, eine Zigarre anzuzüuden, stürmte in flottester Gangart eine noch jugendliche Rei­terin an uns vorüber, augenscheinlich eine reiche Farmers­tochter, die uns in recht übermütiger Weise mit der Reit­peitsche einen Gruß zusandte. Sie entschwand bald unfern Micken; wir streckten uns ins Gras und sogen mit Behagen an den nicht üblen Glimmstengeln, die wir int letzten Quartier erstanden hatten.

Plötzlich hörten wir Hufschlag> und gleich darauf rannte der von der Dame gerittene Rappe, jedoch ohne dieselbe, auf uns zu. Sofort aufspringend, stellten wir uns dem Ausreißer entgegen, und es gelang uns in der Tat, ihn einzufangen. Der Sattel hing unter dem Bauch des Tieres, woraus hervorging, daß die Reiterin herab­geschleudert worden sein mußte und jedenfalls mehr oder weniger schwere Verletzungen davongetragen, wenn nicht gar das Leben eingebüßt hatte.

Tas Roß am Zügel, schritten wir den von ihm zurück­gelegten Weg entlang, um der Verunglückten, wenn mög­lich, nach besten Kräften beizustehen. Schon nach wenigen Minuten kam die Schöne uns entgegengehumpelt und er­zählte mit lächelnder Miene, das Pferd habe, tote es dies nicht selten tue, einige Kapriolen gemacht, und bei dieser Gelegenheit sei der Sattel herumgerutscht und sie zu Fall gekommen. Allerdings habe sie sich Gesicht und Hände etwas abgeschürft, sowie den einen Fuß verrenkt, die Sache sei jedoch von gar keiner Bedeutung.

Trotz unserer dringenden Abmahnung bestieg sie, wenn auch mit einiger Mühe, alsbald, den sehr erregten Gaul, dankte, und mit Windeseile jagte sie davon, sodaß wir ihr kopfschüttelnd nachsahen.

An Kourage gebrach es dem Dämchen ohne Zweifel nicht, und es ist wohl mit ziemlicher Sicherheit anzu­nehmen, daß derart verunglückte Geschlechtsgenossinnen anderer Nationen sich kaum dazu entschlossen haben wür­den, auf dem Fleck sich wieder auf den Rücken des Durchs gängers zu schwingen.

Einige Zeit später durchstreifte ich allein zu Pferde den südlichsten Teil Kaliforniens, den County San Diego, der im Süden an mexikanisches Gebiet grenzt und zu Be­wohnern noch eine ziemlicki beträchtliche Anzahl von Leuten der spanisch-mexikanischen Mischlingsrasse hat.

Nach beschwerlichem Ritt kehrte ich eines Abends in einem völlig vereinsamten kleinen Gasthof ein, der von einer Frau in mittleren Jahren, wie ich bald von ihr erfuhr, der Witwe eines von Mexikanern ermordeten