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kommen und ihre Namen voll Freude von den Kindern genannt worden. Jane hatte dem Geplauder der kleinen Mädchen gelauscht, plötzlich ries die kleine Grace mit ihrer schrillen Kinderstimme: „Da ist endlich der Landauer, Großmama ist gekommen und Tante Alice."
Jane blickte hinaus. Es war ein bitterkalter Dezember- tag, klar und sonnig, der Wagen mit den grauen Pferden hielt vor der Tür der Halle. Ein großer blonder Herr in langem Pelz war ausgestiegen und hatte einer älteren Dame aus den: Wagen geholfen, Jane erkannte Mrs. Durham und sah, wie Sir Harry nun auch Miß Sllice behilflich war. Tre Kinder riefen und klopften ans Fenster, Alice nickte lachend hinaus, Sir Harry zog grüßend den Hut, dann führte er die junge Dame ins Haus.
Eine Stunde später, als sie gerade Tee tranken, kam Alice herein. Jubelnd sprangen die Kinder auf und begrüßten sie stürmisch Dadurch verhindert, Jane die Hand zu reichen, nickte sie ihr nur fteundlich mit einem Blick inniger Teilnahme in den schönen Augen zu. „Ich lade mich selbst zum Tee ein, wenn Miß Gratton mir welchen geben will", sagte Alice.
Bereitwillig schenkte Jane ein, und als sie die Tasse reichte, bemerkte sie an Alices Hand am Ringfinger einen schönen Reif mit einem funkelnden Brillanten; er war früher nicht dort gewesen, und sie erriet seine Bedeutung. Es kam ihr vor, als ob Alices Heiterkeit etwas gezwungen war, sie erschien ihr bleich und traurig, und in ihren Augen, als sie denen der Gouvernante begegnete, lag ein eigentümlicher Ausdruck.
Als der Tee beendet war, erhob sich Miß Durham und sagte heiter:
„Wer kommt mit auf mein Zimmer und hilft mir beim Auspacken der Geschenke? — Alle? — Nun, dann lauft voran, ich folge Euch gleich."
Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen; jubelnd stürmten sie davon und ließen die beiden jungen Mädchen zurück. Diese waren verstummt und hatten sich in die Nähe des Kamins gesetzt. Alice sah träumend in die Glut; Janes dunkle, jetzt so trübe Augen blickten voll Zärtlichkeit auf das liebe, traurige Gesicht der Glücklichen, welche Sir Harrys Frau werden sollte.
Mit unsicherem Tone begann endlich Jane, indem sie auf den Ring an Mces Hand wies:
„Mrs. Thornton hat mir davon gesagt;- ich bin sehr erfreut und hoffe, sie werden recht glücklich werden."
Alice neigte sich dankend, dann beugte sie sich nieder, Wßte Jane leicht auf die Wange und entfernte sich leise.
11. Kapitel.
„Miß Gratton, Mama bittet Sie, in die Bibliothek zu kommen", ließ sich plötzlich die Stimme der kleinen Margaret hören. Es war beinahe ganz finster geworden im Zimmer, das Feuer war niedergebraunt, und kaum konnte man die im Sessel zusammengesunkene Gestalt erkennen. Jane erhob sich, strich das Haar aus der heißen Stirn und fragte: „Wo ist Mama, Meg?"
„In der Bibliothek; bitte, Miß Gratton, lassen Sie sie nicht warten. Wir spielen Blindekuh in der Halle."
Das Kind lief davon; Jane folgte ihm langsam durch die Galerie und die breite Treppe hinab. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll, vielleicht hatte Mrs. Thornton sich besonnen, hatte Mitleid mit ihr und ließ sie doch sofort gehen. Als sie die hell erleuchtete Halle durchkreuzte, sah sie die fröhlichen Kinder und muntere junge Damen und Herren sich lustig durcheinanderbewegen und hörte ihr heiteres Scherzen und Lachen. Niemand schien die schlanke, schwarze Gestalt zu bemerken, sie eilte hindurch zur Bibliothek. Ein rasches „Herein" antwortete ihrem Klopfen, erregt, mit ungestümem Herzklopfen, öffnete sie die schwere Tür und trat ein.
Mrs. Thornton war nicht allein, mehrere Damen und Herren waren dort, Alice stand am Teetisch und die Diamanten blitzten hell an ihrer Hand, als sie das schöne, alte Geschirr ordnete. Jane, verwundert, daß sie in die Gesellschaft gerufen wurde, und nicht recht wissend, was sre sollte, blieb in der Mitte des Raumes stehen.
Die Bibliothek war ein langer, schmaler Raum, mit hohen, zremlich schmalen Fenstern, welche auf die Terrasse gingen. An den Wänden standen hohe Schränke und Regale mrt. dunklen, meistens gebundenen Büchern. Ein paar schöne Bronze-Statuen und Büsten von berühmten Dichtern waren der einzige Schmuck. Sonst war der Eindruck dieses Zimmers
mit seinen dunklen Eichenmöbeln ein düsterer; aber heute beim Schein des lustig brennenden Feuers, beim hellen, doch sanften Licht der Lampen, mit den stattlichen Herren, den eleganten Damen, sah es schön und freundlich aus.
„Miß Gratton, wir sind in einem argen Dilemma, und Sie müssen uns helfen!" rief Mrs. Thornton inunter.
Tie Herren waren bei ihrem Eintritt aufgestanden, der eine hatte ihr, sich höflich verneigend, einen Stuhl gebracht, nur Sir Harry, der ebenfalls anwesend war, schien sie gar nicht zu bemerken. Da trat Alice heran, ergriff Janes Hand und behielt sie zwischen den ihrigen.
„Es ist nichts so Schwieriges, Miß Gratton. Wir wollen, wie Sie wissen, eine französische Komödie aufführen und kommen nicht zurecht, wir bitten Sie, eine Rolle darin zu übernehmen."
„O, das kann ich nicht", erklärte Jane sofort, abwehrend die Hand erhebend.
„Wir haben alle zuerst so gesagt", meinte eine junge Dame, sich behaglich in ihren Stuhl zurücklehuend. „Ich fürchte, einige haben die Wahrheit gesprochen, dennoch wollen wir es versuchen."
„Und wir können ohne Sie nicht weiter", fügte Mrs. Thornton mit liebenswürdiger Grazie hinzu. „Sie dürfen uns nicht im Stiche lassen; meine Schwester spielt, und Sie, nicht wahr, Sie schlagen es nicht ab?"
„Aber ich kann wirklich nicht; ich würde es sicher nicht gut machen und alles verderben", sagte Jane ängstlich unter all den auf sie gerichteten Augen.
„Nichts würden Sie verderben, meine Liebe. Sie sprechen so ausgezeichnet französisch und Ihre Nolle ist nur leicht", versicherte Alice, während Sir Harrys Augen die beiden nebeneinander stehenden Mädchen scharf beobachteten."
„Miß Gratton braucht Ihr Talent zur Schauspielkunst nicht zu verleugnen", sagte er langsam, „ich habe sie spielen sehen, und kann versichern, daß ihr Talent unübertrefflich ist."
„O, Sir Harry, ich glaube, wir können Ihrem Urteil vertrauen", lachte eine muntere Brünette.
„In diesem Fälle dürfen Sie es, ich spreche aus Erfahrung."
„Ich wußte nicht, daß Sie sich kennen, Sir Harry, daß Sie sich schon früher gesehen haben", sagte Mrs. Thornton.
„So, habe ich Ihnen nicht erzählt, daß wir alte Bekannte sind?" fragte er nachlässig; „ich kann Ihnen versichern, daß Miß Gratton eine gute Schauspielerin ist."
Er schritt bei diesen Worten durch das Zimmer und setzte seine Tasse auf oen Tisch.
Alice, welche noch immer Janes Hand in der ihrigen hielt, fühlte, wie dieselbe eiskalt geworden war; als sie ihr ins Gesicht blickte, gewahrte sie die entsetzliche Blässe und fürchtete eine Ohnmacht.
Fortsetzung folgt.
Maudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Polen in Moabit. — Berliner five o’ctock, — Im Frauenklnb. Saharat und Pertina.
Bier lange Wochen hat der Kampf gedauert, der in unserem Moabiter Justizpalast Gelegenheit gegeben, einen tiefen Einblick in die Verhältnisse des polnischen Adels und seiner Halbsklaven zu gewinnen. Der alte Witz von dem unternehmungslustigen Jüngling, der nach Posen geht, um zu schwören: „was vorkommt", entpuppte sich als eine höchst aktuelle Satire auf moderne polnische Zustände, und als dieser Tage Hugo Haßkerl bei einer Aufführung der „Gräfin Lea" im „Berliner Theater" als Gerichtsdiener in der Beratungspause das Publikum im Verhandlungsraum mit dem Extempore zurechtwies: „Zum Donnerwetter, was ist das hier für 'ne polnische Wirtschaft!" da ging ein volles Lachen durch das Haus. Denn es giebt in ganz Berlin keinen Philister und wenn er ein noch so großer Stockfisch wäre, der nicht Kenntnis von den Einzelheiten dieses Kindesunterschiebungsprozesses hätte. Und was die Backfische anbelangi, nun, ich habe es verschiedentlich beobachtet, wie die frühreifen lang- zöpfigen Berlinerinnen ihren Nickel in den Zeitungsautomaten schoben, um den ihnen zu Hause verweigerten Einblick in die so unheimlich interessanten Details dieser Maio-


