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>,Sie werden doch nicht nach der Cigogne wollen", sagte Guenn ängstlich, „das wäre ja eine Fahrt auf Tod und Leben."
Der Priester zuckte die Achseln: „und dennoch muß ich hinüber."
„Leidet Jean viel?" fragte das Mädchen.
„Er findet keine Ruhe; er bewegt den Arm fortwährend in der Luft gleich einem Pendel und ist doch so müde. Ich bin eine Uhr, sagte er, ich muß es tun — Tick — tack."
„Wie seltsam!" rief Hamor.
„Durchaus nicht, Monsieur", versetzte der Priester errötend und mit unwilliger Geberde.
„Wieso seltsam? Es ist aus dem Leben: Jean war ein Uhrmachersohn in Brest, Er lies fort zur See. Jetzt liegt er im Sterben urtö der alte Mann versetzt sich in seine Kindheit zurück. Ich sehe dabei nichts Seltsames."
Thymert stand auf und durchmaß mit zwei Schritten das kleine Gemach.
„Wenn Sie hiniiber fahren, will ich mit", rief Gnenn mutig.
„Es ist heute zu rauh und gefährlich für ein Mädchen", wehrte der Priester ab.
„Hab' ich mich schon je einmal gefürchtet?" Lebhaft aufspringend, stellte sie sich kühn und herausfordernd an seine Seite; „ich werde auf jeden Fall mit Ihnen fahren."
„Ist das Dein Ernst, Guenn?" fragte der Priester mit tiefem Seufzer.
„Darf ich auch mitkommen, bat Hamor.
„Was könnte Ihnen daran liegen?"
Der Priester maß seinen Gast mit einem beinahe feindseligen Blick. „Weshalb wollen Sie mitfahren? Was kümmert Sie der alte Jean?"
Hamor zögerte, er sah das verhaltene Feuer in Thy- merts Augen glühen. Dann sagte er mit ruhigem, ehrerbietigem Tone: „Ich könnte Ihnen doch vielleicht bei der Führung des Bootes von diutzen sein, monsieur le recteur?"
Die Sanftmut seines Wesens erschien Guenn wahrhaft bewundernswürdig. „Gewiß, er soll uns helfen", erwiderte sie. Ernst und gefaßt stand sie neben Thymert, bereit, durch Sturm und Gefahr mit ihm zu dem sterbenden Fischer zu eilen. Wie gut und tapfer war doch die kleine Guenn, und welcher Trost für sein gequältes Herz lag in ihrem Entschluß.
(Fortsetzung folgt.)
Kriegserkeönlsse aus dem Ieldznge 1870/71.
Fortsetzung.
Inzwischen war an der Loire eine neue französische Armee gebildet worden, die zwar Anfang Oktober von den Bayern zurückgeworfen wurde, aber sich bald nach Eintreffen von Verstärkungen zum Vorgehen anschickte. Prinz Friedrich Karl sollte daher mit einem Teil der bei Metz freigewordenen Truppen über Troyes nach Orleans zu marsch-reren. Das 2. Bataillon unseres Regiments verließ daher bereits am 30. Oktober Ars und gelangte am 10. November nach Troyes, wo es vor der Kathedrale an dem Prinzen Friedrich Karl vorbeimarschierte. In den Straßen der Stadt lagen Haufen von demolierten Waffen. In Troyes hoffte man etwa acht Tage zu verbleiben, aber schon in der Nacht wurde der Abmarsch besohlen, um in Eilmärschen Orleans zu erreichen. Die Tornister wurden in Troyes abgelegt und auf Wagen nachgefahren. Da beim Abmarsch noch viele Soldaten fehlten, welche sich sorglos zur Ruhe begaben, in der Meinung, einige Tage hier W verleben, blieben einige Offiziere zurück, um die Fehlenden nachzubringen. Feldwebel Bruchhäuser wurde zurückgelassen, um die Kranken der 7. Kompagnie in das Lazarett abzuliefern, traf aber bald wieder Leim Regimente ein.
Das Oberkommando in Versailles befürchtete einen Vorstoß der Loire-Armee zum Entsätze von Paris und befahl dem Prinzen Friedrich Karl, mit seinem rechten Flügel in dev Richtung von Fontainebleau zu marschieren. Das Durchschreiten des Waldes von Fontainebleau ging nur langsam von statten, da die Wege durch Barrikaden und Verhaue gesperrt waren. Der 7. Kompagnie des Gießener Regiments, welche an jenem Tage die Vorhut hatte, fiel die schwierige Aufgabe zu, Barrikaden uitb Verhaue zu besei-
Mit dem Feinde kam man jedoch nicht in Berührung. Von den Waldwegen aus erblickten die Soldaten in einiger Entfernung das berühmte Schloß in Fontainebleau. Beim Passieren des Waldes fiel Büchsenmacher Engel vom Protz- kasten und brach ein Bein. Er mußte in das Lazarett nach Fontainebleau gebracht werden.
Am 15. November kam die 7. Kompagnie nach Males- herbes in Quartiere. Feldwebel Bruchhäuser mit noch einigen Soldaten wurden in das Haus einer Französin einquartiert, die ihnen aber kein Zimmer öffnen, sondern sie in einem Stalle unterbringen wollte, was man entschieden ablehnte und mit Gewalt die Zimmer öffnete. Da das Verhalten der Französin ein sehr unwirtliches blieb, verließ man das Quartier und es wurde ihr zur Strafe eine ganze Korporatschaft zugewiesen.
Zur Sicherung der Straße Orleans-Paris wurde das Regiment am folgenden Tage mehr nach Westen hin dirigiert. Vom 17. bis 22. November bezog die 7. Kompagnie in dem Orte Leonville Quartiere. Leonville bestand aus einer Reihe sehr großer Bauernhöfe, und die Besitzer waren offenbar sehr wohlhabend. Bald war man benn auch überall mit Braten und Kochen beschäftigt. Hier hatte ein Soldat ein Huhn, dort ein anderer eine Ente. Es wurde auch ein Kalb geschlachtet, wovon Feldwebel Bruchhäuser und die bei ihm untergebrachten Unteroffiziere und Mannschaften ihren Anteil erhielten. Man war zu einem alten, alleinstehenden Bauern ins Quartier gekommen und mußte sich seine Mahlzeit selbst zubereiten. Bon dem vielen Braten und Kochen in dem offenen Kamin hatten die Balken des Fußbodens Feuer gefangen und fingen in der Nacht an zu Brennen. Die darunter im Stalle stehenden 'Pferde der Ulanen wurden von den glühenden Kohlen überschüttet und schlugen wütend um sich Nach einiger Mühe gelang es indessen, den Brand zu löschen, doch gingen von den Pferden zwei zu Grunde. Trotz Bitten des alten. Wirtes, doch bei ihm zu bleiben, mußte Bruchhänser mit feinen Leuten doch ein anderes Quartier beim Maire des Ortes beziehen.
Vom 22. bis 28. November lag das 2. Bataillon in Oison im Quartier und hatte Vorpostendienste zu leisten. Hier standen bereits braune Husaren, die das Erscheinen der Infanterie mit Freuden begrüßten, weil sie allein beit Plänkeleien des Feindes zu sehr ausgesetzt waren. Die 7. Kompagnie kam in ein ausgedehntes Gehöft Mamonville, das sie sofort zur Verteidigung einrichtete. In der Ferne sah man sehr oft feindliche Kavallerie-Patrouillen, die sich aber alsbald wieder entfernten. In Mamonville erhielt Feldwebel Bruchhäuser die Nachricht von der Geburt seines dritten Söhnchens. Der Kompagniechef riet ihm, es nach dem Hofe Mamonville zm- nennen, dann wolle er selbst Pathenstelle übernehmen, was aber dankend abgelehnt wurde.
Für den Fall einer Alarmierung hatte sich die hessische Ttvision bei Chateau Gaillard an der großen Straße nach Orleans zu versammeln, wo auch in dieser Zeit unser Regiment sich mehrmals einzusindert hatte. Am 28. November hörte man in Mamonville den Kanonendonner der Schlacht von Beaume la Rolande, in der ein Angriff der Franzosen vorn 10. Korps zurückgewiesen wurde.
Da für den folgenden Tag ein neuer Angriff befürchtet wurde, so mußten einige Truppenverschiebungen auf deutscher Seite vorgenommen werden. Tie 7. Kompagnie bezog daher am folgenden Tage in Jz.y Quartiere. In der Nacht fiel plötzlich ein Schuß, eine Patrouille wurde abgeschickt, fand aber nichts vom Feinde. Am andern Morgen stellte es sich heraus, daß der Vorposten, Musketier Nachtigall der 7. Kompagnie ein Artilleriepferd, — in der Meinung, es sei eine feindliche Patrouille — das sich losgemacht hatte, und quer über das Feld lief, erschossen hatte. Am Nachp mittag wurde die Kompagnie alarmiert und mußte in der Nacht bis Ramoulu marschieren. Es wehte ein sehr kalter Wind, und die Soldaten waren so ermüdet, daß sie sogar auf dem Marsche schliefen. »
Am 2. Dezember kam die 7. Kompagnie wieder nach Izh in Quartier. In der Nacht wurden überall Biwakfeuer angezündet, nm die Franzosen über die Stellungen und Absichten der deutschen Truppen zu täuschen.
Für den 3. Dezember hatte Prinz Friedrich Karl den Angriff befohlen. Unser Regiment rückte der Straße nach Orleans gegen Artenay vor. Da ritt Prinz Friedrich Karl mit seinem Stabe vorüber, mit Hurra-Rufen von den Trup« pen begrüßt. Am Mmag wurde nach hartnäckigem Kampfe


