Ausgabe 
28.10.1903
 
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auf einen .Haufen Segeltuch; die Schiffer dachten, sie fei müde und wolle schlafen, und Meurice deckte sie sorglich zu, ost mit seinem eigenen Mantel. Bei der Landung in Plouvenec suchten die rauhen Seeleute sie sanft zu Wecken r- aber Guenn schlief nicht. Im Geiste durchlebte sie noch einmal alle Stunden des vergangenen Tages eifersüchtig wehrte sie jedem andern Gedanken den Zutritt uud über­zahlte wieder «und wieder ihren goldenen Schah an freund­lichen Worten und Blicken. Sie prüfte sich aufs gewissen­hafteste, ob sie auch ihre besten Kräfte für das Werk ein­gesetzt habe, ob sie geleistet, was er von ihr verlangte, ob das Bild" heute mit ihr zufrieden sein könne? Von froher Hoffnung auf ein glückliches Morgen umgaukelt, segelte sie unter dem leuchtenden Sternenhimmel nach Plouvenec.

Wahrlich, die Liebe des unwissenden kleinen Mädchens, das so sorglos mitten unter dem rauhen Fischervolk träumte und hoffte, war ein erhabenes Gefühl, reich an Aufopferung, Mut und Entsagung; tapfer arbeitete sie Tag für Tag an sich und in sich, und das alles nicht um den süßen Lohn der Gegenliebe, sondern im stillen, unausgesetzten Kampfe gegen das unverstandene Sehnen ihres Herzens. In der Arbeit für eine große Sache, im Aufgehen in einer Idee, brachte sie ihre Seele als reinste Huldigung Hamor und feinen Zielen dar.

AuS den beabsichtigten vier Tagen wurden deren sechs, und auch diese gingen vorbei. Als die Schiffer am siebenten Morgen die wohlbekannte kleine Gestalt nicht unten am Strande erscheinen sahen, kein rosiges Mädchengesicht ihnen freundlich zulächelte, keine süße Stimme, bald bittend, bald ungeduldig, Befehle erteilte oder ihres Ungeschicks spottete da tat es den wackeren Leuten leid und sie hätten gewünscht, daß man auf den Lannions Guenn Rodellec auch ferner bedürfe.

Es war eine durchaus befriedigende, erfolgreiche Woche für Hamor gewesen, das Wetter so günstig wie möglich und Guenn wieder im Vollbesitz aller jener Eigenschaften, die unter den, im allgemeinen so förderlichen Einflüssen des Atelierlebens hier und da zu Hamors Leidwesen zu ver­blassen schienen warum, wußte er nicht. Für seine spe­ziellen Zwecke müßte sie wild und ungebunden sein; anderer­seits war ein gefügiges Betragen bei einem Modell ganz unerläßlich.

Guenn hatte sich gehorsam, sanftmütig und nützlich erwiesen, seitdem er auf den glücklichen Gedanken gekom­men, ihr persönliches Interesse für sein Werk wachzurufen. Sie war ein so eigenartiges Geschöpf, daß man sie un­möglich mit einem fremden Maßstabe messen konnte. Jin Laufe der Woche« war ihm nun zuweilen ein gewisser Mangel aufgefallen. Fehlte es ihr an Frische, Anmut oder Lebhaftigkeit? er wußte es selbst nicht zu sagen. Sie schien das noch alles in reichem Maße zu besitzen; früher jedoch, in ihrer vollständigen Ungebundenheit, war es die Uebersülle der Gaben, was ihn so gefesselt und entzückt hatte. Groß war daher ferne Freude und Dankbarkeit, als er sie jeden Morgen in all ihrem ursprünglichen Reiz auf den Lannions erscheinen sah.Es liegt auf ihr, wie der Schmelz auf einer Blume, der Flaum auf einer Pfir­siche", rief er oftmals beglückt aus,ich muß es be­nützen, so lange ich kann". Lebhaft empfand er, daß die gütigen Mächte, die sein Schicksal leiteten, für ihn in Guenn Rodellecs bezaubernder kleiner Person, gerade zur rechten Zeit, alles verkörpert hatten, was er zur Aus­führung seines großen Werkes wünschte und bedurfte.

Ich bin wirklich ein vom Schicksal selten bevorzugtes Menschenkind", sagte er eines Abends zu dem Priester. Was ich mir wünsche, wird mir fast immer zuteil. Das ist natürlich kein Verdienst, ich erwähne es nur als Tat­sache. Ich bin eben ein Glückskind. Freilich habe ich auch keine übertriebenen Wünsche", fügte er fröhlich lachend hinzu.Außer meiner Kunst begehre ich nichts. Am ersten Abend, den ich in Plouvenec verbrachte, sah ich Sie und Guenn alle zwei in für mich äußerst fesselnden Stellungen. Ich nahm mir damals vor. Sie beide zu malen. Das habe ich erreicht, finden Sie da nicht, daß es mir über Verdienst gut ergangen ist?"

Auf dergleichen heitere Reden ging Thymert selten ein. Hamor fand seinen Gastfreund überhaupt weit düsterer und unzugänglicher, als er für möglich gehalten hatte.. Wenn er daran dachte, wie ganz anders der Priester an jenem Morgen beim Frühstück gewesen, wie liebenswürdig, ja heiter er sich damalff gezeigt hatte, so muhten ihnderErnst

und die Förmlichkeit, die er jetzt an den Dag legte, eigen­tümlich berühren. Er glaubte die natürliche Ursache davon in Thymerts trostloser Umgebung auf den öden Inseln, und in dem eintönigen, trübseligen Wellenschlag des bran­denden Meeres zu finden.

Erst am Abend, wenn Guenn fort war, kam die liebens­würdige Natur des jungen Priesters wieder zum Vorschein. Bis tief in die Nacht hinein saßen sie oft bei einander. Der Maler erzählte von seinen abenteuerlichen Erlebnissen im fernen Westen; er sprach einfach und bescheiden dem Manne gegenüber, dessen tägliches Leben so reich war an Entbehrungen und Gefahren. Thymert vernahm manches, was feine Teilnahme erregte, oft entfuhr ihm ein Ausruf der Bewunderung, des tiefen Mitgefühls, der Begeisterung. Dann schwieg er wieder, in seinem Blick lag ein unergründ­liches Fragen, er ward niedergeschlagen und unruhig. Mit­unter zeigte er ein ungewöhnliches Interesse an Kunst und Malerei, als strebe er dem wahren Wesen der Sache auf den Grund zu kommen, dann wieder überfiel ihn plötz­lich eine düstere Schwermut, er achtete kaum mehr auf Hamors Erzählungen, murmelte halbverständliche Ent- schuldigungen, und stürzte aus dem Zimmer, um draußen in wilder Erregung auf dem Felseneiland auf und ab zu

stürmen.

Thymert war oft zu Mute, als gehe er aus den Fugen, die Pflicht der Gastfreundschaft ward ihm zur unerträglichen Qual, er fühlte sich außer stände, sich und seine Umgebung zu verstehen. Keine Gefahr war vorhanden, kein Unrecht geschah, aber die unheimlichen Befürchtungen, die ihn un­ablässig verfolgten, schienen mit jedem neuen Tage eine bestimmtere Form anzunehmen. Er zitterte für die kleine Guenn, die er doch so sicher und glücklich sah, er fürchtete den Maler, zu Zeiten haßte er ihn sogar, obgleich ihm das einfachste Gerechtigkeitsgefühl sagen mußte, daß Monsieur Hamor eine durchaus harmlose, sonnige Natur war, die sich überall Freunde erwarb. Böse Vorahnungen beängstrg- ten und warnten ihn; er fühlte sich namenlos elend, ver­mochte aber keinen vernünftigen Grund für seine Befürcht­ungen zu entdecken. Dieser Zustand allein genügte, ihn; unglücklich zu machen. ,

Mochte er aber still und traurig in seinem Studier­zimmer sitzen oder vergeblich trachten, einen Einblick in Hamors ihm unverständliches Gemütsleben zu gewinnen, mochte er sich in seiner alten, fadenscheinigen Soutane trotzig emporrecken und in die Nacht hinausstürmen, mochte er sich mitteilsam und gastfreundlich oder abstoßend und ungeduldig zeigen Hamor war stets und überall sem eifrigster Bewunderer. Die Arbeitswoche auf der Insel, im steten Verkehr mit dem seltsamen, ihn mächtig fesselnden Charakter, erschien ihm als eine der reichsten, fruchtbarsten Episoden seines ganzen bisherigen Lebens.

Der Priester war entschieden die gewaltigste Persönlich­keit, die er je gesehen. Den tiefsten Eindruck übte jedoch seine außerordentliche und fesselnde Kraft auf ihn während der Ereignisse einer denkwürdigen Nacht.

Es war am Sanistag. Hamor hatte sich vollständig befriedigt mit dem Ergebnis seiner Wochenarbeit erklärt, alles übrige könne er sehr gut im Atelier be­enden. Guenn war beglückt durch sein Lob, ganz seinem Magischen Einfluß hingegeben. Gegen Abend ward es stürmisch, und Meurice kam nicht, sie ab­zuholen. Guenn fühlte in jeder Fiber das Nahen des Sturmes, das Brausen der zornigen Mnde, das drohende Grollen des Ozeans. Ihre blauen Augen erschienen bei­nahe schwarz vor innerer Erregung, auch Hamor freute sich auf das ungewohnte Schauspiel; Thymert allem ward unruhig und äußerte besorgt:Guenn, Meurice wird nicht landen können bei diesem Sturm."

Meine chose", erwiderte Gueuu.

"Ja, aber dann müßtest Du doch die Nacht über hier Bleiben ?z/

Und warum nicht? ich habe immer gewünscht hier zu schlafen. Sie werden doch für s-olch ein kleines Ding wie mich gewiß ein Plätzchen übrig haben, inonfieur U recteur", versetzte Guenn halb bittend halb befehlend.Ich bin nun einmal hier, und wenn Meurice nicht kommt, muß ich bleiben, das ist klar, Sie mögen mich nun wollen oder nicht. Huh! tote die Wogen an die Felsen, schlag^. schlimm mit dem alten Jean", bemerkte Dhy- mert NM einer Pause.