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Artenay genommen und der Feind nach Orleans hin verfolgt. Prinz Ludwig vou Hessen ritt gerade am Regiment vorüber, als in seiner Nähe eine Granate einschlug. Ein Granatstück traf den Sattel seines Pferdes, das sich hoch aufbäumte. Der Prinz blieb aber unverletzt und ritt lächelnd weiter. Nachts bezog das Regiment bei Artenay Biwak und die 7. Kompagnie Borposten. In einiger Entfernung brannte ein großer Bauernhof, welcher im Laufe der Schlacht in Brand geschossen wurden, dessen Glut sich bis in das Biwak hinein wohltuend fühlbar machte. Am 4. Dezember wurde der Angriff auf Orleaus fortgesetzt. Im Vorgehen erbeuteten unsere Truppen große Mengen von Zwieback, die ihnen nach den vorherigen Entbehrungen trefflich zu statten kamen. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich noch bei den Vorstädten vou Orleans. Plötzlich schlug ein Marinegeschoß mitten auf die Straße unter die Truppen, Hauptmann von Muralt vom. 3. Hessischen Infanterie-Regiment wurde sofort getötet, Leutuant Scharch vou demselben Regiment schwer verwundet. Einige Minuten später kam der Bruder ves letzteren, Leutnant Scharch tion der 7. Kompagnie des Gießener Regiments hier vorüber. Er trat in das Haus, in das man seinen Bruder getragen hatte, kam aber bald mit der traurigen Nachricht zurück, daß die Verletzung etria rötliche sei. In der Hand hatte er einen großen Knochensplitter, den die Aerzte soeben aus der Wunde entfernt hatten. Leutuant Scharch erlag einige Tage später seinen schweren Verletzungen. Während des Rückmarsches des Gießener Regiments ans Frankreich war der Vater aus Deutschland "nach Orleans gekommen, um die Leiche keines Soones abzuholen.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
* Ueber die Diamanten der Patti wird aus Newyork geschrieben: „Ob Adelina Patti anläßlich ihres bevorstehenden „unwiderruflich letzten Auftretens" in den Vereinigten Staaten ihre berühmten Juwelen mitbringen wird, — das ist eine der Fragen, die anläßlich des bevorstehenden Kunstgenusses in unseren vornehmen Damenkreisen besonders erwogen wird. Der Preß-Manager be- hanptet, sie werde sie mitbringen, aber traue einer derlei Preß-Menschen! Die große Sängerin hat Juwelen in ihrem Besitze, deren Wert eine halbe Million Dollars übersteigen soll. Die Diva hat seit jeher eine große Vorliebe für wertvolle Steine gehabt, und ein nicht unbedeutender Teil ihres großen ersungenen Vermögens liegt in ihrem Schatzkästlein zinslos begraben. Einen solchen Reichtum in Form von kostbaren Steinen übers Meer zu bringen, erscheint fast als ein zu großes Risiko. Wenn die Patti alle ihre Juwelen tragen wollte, würde sie manche der hiesigen Dollarköniginneu ausstechen, und dies könnte bei der bekannten Eifersucht der Damen der oberen Vierhundert „fürchterliche" Folgen haben. Beim letzten Besuche der Diva hier erschien sie bei den Konzerten in einer Robe, deren Eorsage eine einzige glitzernde Fläche der herrlichsten Diamanten bildete, während ihr Haar wie in ein Meer von Feuer getaucht schien, das von den dort angebrachten Diamanten widerstrahlte. Die führenden Damen unseres smart set gerieten in eine mit dem Gefühle des Neides gemischte Verzückung bei dem Anblicke des Diamanten-Madems der Patti tmd der berückenden Pracht ihres Perlenhalsbandes „von unschätzbarem Werte". Nachdem aber die Patti ihre Tournee beedigt hatte, wurde in der Presse mitgeteilt, daß ihre Juioelen nichts weiter als geschickt gemachte Imitationen der echten Juwelen gewesen seien, die in den Sicherheitsgewölben einer Londoner Bank wohlverwahrt verborgen lägen. Diesmal wird es der Patti nicht so leicht sein, einen ähnlichen Trick anzuwenden, denn die Damen werden aufpassen, scharf aufpassen. Deshalb verlautet auch schon, daß bei den betreffenden Versicherungsgesellschaften angefragt worden sei, um die Kostbarkeiten der Diva gegen jedes Risiko zu versichern."
* Die Pariser Polizei hat eine Diebesschule entdeckt, deren Leiter leider die Flucht ergriffen hat. Geheimpolizisten beobachteten dieser Tage auf oer Plaee de la Nation das eigenartige Gebühren dreier Bürschlein, die vor den Schaufenstern und an den Unter grundbahu-Aus- gängen sich den Leuten näherten und sich nach einigen
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und
Sekunden entfernten. Da es für die Geheimen sofort klar? war, daß sie es hier mit jungen Taschendieben zu tun hatten, verdoppelten sie ihre Wachsamkeit. Schon nach wenigen Augenblicken hatten sie die drei Jungen bei der Arbeit ertappt und sestgenommen; sie brachten sie nach der nächsten Polizeistation, wo der Poltzeikommissar Brunet sie einem Verhör unterwarf. Die drei jungen Burschen —•; der älteste ist erst sechzehn Jahre alt — machten interessante Enthüllungen. Sie übten den Taschendiebstahl schon seit Beginn des Jahres aus und hatten immer Erfolg gehabt. Sie hatten aber auch eine gute Schule! Ein Individuum, das sie nur unter 5em Namen „Bamboula" kennen wollen, hatte ihnen „Unterricht" gegeben; dafür mußten sie ihm jeden Abend ihre „Tageseinnahme" bringen. Der Polizeikommissar begab sich, von den drei Spttzbüblein begleitet, in die Wohnung Bamboulas und nahm dort eine, gründliche Haussuchung vor. Er fand zehn große Puppen, die mit verschiedenen Männer- und Frauen- kleidern, tote Oberrock, kurzes Röckchen, Ueberzieher, Mantel, Jäckchen usto., bekleidet waren. Auf die Frage, was diese Puppen bedeuteten, antwortete einer der drei Burschen: „Aber das ist ja unsere Schule, die Diebesschule! An diesen Puppen übten wir uns im Taschendiebstahl. Oh ! Bamboula ist ein strenger Lehrer!" Die Puppen wurden, obwohl sie als „Arbeitswerkzeug" nicht hätten gepfändet werden dürfen, in Beschlag genommen, ebenso zahlreiche Geldtaschen, Brieftaschen und Waren, die von Diebstählen herrührten. Bamboula selbst konnte bis jetzt nicht gefunden werden.
* Eine Pariserin in Männerkleidung. Int Vordergrund des Interesses steht in Paris wieder einmal Mme. Jeanne Dieulasoy, die Verfasserin des preisgekrönten Romans „Parysatis", aus dem Saint-Sasns das Libretto zu seiner kürzlich mit großem Erfolg im Römischen Theater von Orange aufgeführten Oper gleichen Namens entnahm. Die eigenartige Persönlichkeit der bekannten Schriftstellerin erregt schon deshalb überall, wo sie sich zeigt, großes Aufsehen, weil man statt der Dame trt eleganter Toilette, die man zu sehen erwartet, eine Gestalt in tadelloser Männerkleidung erblickt. Seit 1881 trägt Mme. Dieulafoy miü Erlaubnis der Regierung vollständige Männerkleidung. Wer die derart kostümierte Frau, deren geistvolles, scharf markiertes Gesicht mit dem kurz geschnittenen Haar durchaus männlich wirkt, zum ersten Male vor sich sieht, kann gar nicht glauben, daß er einer Frau gegenübersteht. Und Madame Jeanne ist keineswegs eine enragierte Frauenrechtlerin wie ihr amerikanisches Gegenstück, die seit vielen Jahren in Männertracht einhergehende Dr. Mary Walker, sondern eine echt weiblich empfindende Natur, die ihr größtes Glück darin sieht, die geliebte Gattin eines geliebten Mannes zu sein. Dieser Mann ist der gleichfalls berühmte Ingenieur Marcel Dieulafoy, der, von seinem jungen Weibe begleitet, im Auftrage der Regierung eine archäologische Forschungsreise nach Persien unternahm, wo er die Paläste der Könige Darius I. und Artaxerxes II. entdeckte und hochinteressante Funde machte, die in einem besonderen, nach ihm benannten Saal des Louvre ihren! Platz erhielten. Während jener persischen Reise sah sich Mme. Jeanne genötigt, um nicht häufig in, Lebensgefahr zu geraten, Männerkleidung anzulegen, an dte ste sich bald so gewöhnte, daß es ihr schwer geworden wäre, ste toterer mit der weiblichen zu vertauschen.
Silbenrätsel.
(Nachdruck verboten.)
blch ber ber can di die ei i ke le Io me na na o on ot po pas pern ra te to
Aus vorstchenden 23 Silben sind 7 Wörter zu bilden, die sollende Bedeulung haben: 1. großer Eroberer; 2. wustkaltscher Aus- druck; 3. Edelstein; 4. Küstengebiet in Afrika; 5. Feuerwerkskorper; 6. geistiger Krüppel; 7. bekannter Geograph. Sind die richtigen Wörter gesunden, so ergeben die Ansangs- und Endbuchstaben im Zusainntenhang gelesen ein bekanntes Sprichwort.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r
Beraten, Braten, Raten.
Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch» und EteindruSerei.
R. Lange, Gteßen.


