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Bügel und Zügel ftt Ordnung, und ohne ein Wort zu Achseln, ritt das Paar durchs Gittertor auf das hinter dem Hotel sich ausdehnende Feld hinaus, Mo es, scharf galoppierend, bald im Dunkel verschwand.
In wortlosem Erstaunen sahen sich Julia, Patsey und Bob an. „Na, daS ist ja eine hübsche Geschichte!" sagte endlich Julia. „Ditscher Terence, der sich aus den Feinen K, als sei er minoestens ein Lord, reitet mit MißT'Arcy
t. Nun weiß ich doch auch, warum sie vorhin eine Hühnerkeule und ein Stück Brot verlangte. Und ihre arme Schwester liegt krank im Bett, und Sir Greville ist fort. Tu meine Güte, was still man dazn sagen?" ries sie, die Hände ringend. — „Gar nichts, sondern den Mund halten", erwiderte der Mann, der das Tamenpserd herbrachte. „Miß T'Arcy hat etwas schrecklich Wichtiges zu besorgen, von dem Leben und Tod abhängt, sagte mir Mr. Terence. Teshalb verlangte sie ein Pferd, und er begleitet sie, um ihr den Weg zu zeigen."
„Und bei Nacht und Nebel muß das nun gerade fern? Eine recht sonderbare Zeit, um mit einem hübschen jungen Mann über den Slievberg zu galoppieren."
„Zum Teufel, da ist doch nichts Schlimmes dabei! Ei, ei, Julia, ich hielt Sie bis jetzt immer für ein gutmütiges Mädchen. Wenn also jemand nach Miß D'Arch fragt, so antwortet man, sie sei in ihrem Zimmer und liege warm xugedeckt in ihrem Bett, wohl verstanden, Julia!"
(Fortsetzung folgt.)
Christian Langes Freite.
Eine Thüringer Torfgeschichte von Rudolph Braune- Rvßla.*)
(Nachdruck verboten.)
Christian Lange in Udorf hatte seine Sechzig auf dem Rücken, war aber noch rüstig und arbeitskräftig. In vierzig Jahren ununterbrochenen Plackens und Abmühens hatte er ein Häuschen und einige Morgen Ackers erworben. Außerdem hatte er noch ganze tausend Mark in der Sparkasse. Er war nur ein gewöhnlicher Arbeiter, befand sich aber wohl, wenn man Wohloefinoen den Besitz von Haus, Acker und sicher angelegten Ersparnissen nennen kann — denn seine Häuslichkeit war so ärmlich und sein Lebensunterhalt so kärglich, daß der bedürftigste Spittelmann besser lebte. Arbeiten und sparen, sparen und arbeiten stillte sein ganzes Leben aus.
Seine Frau Karoline hatte ihm dabei redlich geholfen. Hätten sie es sonst so weit gebracht? Wären sie wie andere zum Tanze und in die Schenke gelaufen, hätten sie wie andere große Kirmsen gefeiert und neue Kleider und Tücher gekauft, so hätten sie vielleicht mehr Freunde besessen, aber nicht so rar ihre alten Tage gesorgt. Es schadete ja nichts, daß die Leute sie geizig nannten, sie waren zufrieden.
Kinder hatten sie nicht. Was wollten sie auch mit kleinen Kindern anfangen? Tie hielten ja nur von der Arbeit ab. Aber trotzdem hätten sie gern ein Kind gehabt, e» mußte nur gleich groß, wenigstens aus dem Gröbsten herausgewachsen sein. Sie loären dann nicht mehr so einsam gewesen und hätten für chre alten Tage, wenn sie nicht mehr so Viel arbeiten konnten, Hilfe und Unterstützung gehabt.
Sie überlegten jahrelang hin und her. Dann nahmen sie ein armes vierzehnjähriges Mädchen an, dem sie gleich, um es sicher zu stellen — so verlangten es des Mädchens Stiefeltern — ihr Haus verschrieben. Würde es gut tun, j» sollte es einmal alles erben.
AlS wenn Karoline wußte, daß sie nun Christian nicht mehr unentbehrlich war, daß für ihn gut gesorgt sei, legte sie sich mitten in der Ernte, wo die Arbeit am dringerrdsten war, hin und starb. Christian betrauerte von Herzen die Gefährtin, die dreißig Jahre an seiner Seite gesorgt und gescharwerkt hatte. Aber Zeit, lange zu jammern und zu klagen, hatte er nicht, dafür befand man sich in der Ernte. Wer nach Feierabend dachte er immer an Karolinen und seufzte, weil sie so früh fort gemußt hatte. Seine Pflegetochter Rike sorgte zwar gut für ihn unb arbeitete auch tüchtig, aber wie früher war's doch nicht.
*) Mit Genehmigung der Berlagshamdlung entnehmen wir diese Erzählung dem kürzlich unter dem Titel „Der Arbeitsteufel" erschienenen Bande neuer Thüringer Dorfgeschichten von Rudolph Braune-Roßla (Hermann Seemann Nachfolger, LeifWg. 3 Mk.).
Junge Mädchen sind eben vergnügungslustkger als alte Frauen. Und weil sie mehr Vergnügen mitmachen, brauchen sie mehr Putz. Und deshalb Kisten sie mehr. Wenn sie auch rwch so fix und fleißig sind . . . na ja . . . dafür sind sie eben jung.
Daran konnte Christian nichts ändern, und im Laufe der Jahre ärgerte er sich auch nicht mehr darüber. Was ihn aber ärgerte, war, daß Rike mit den jungen Burschen schön tat. Solange er lebte, brauchte sie nicht ans Heiraten zu denken. Sie war bei ihm gut versorgt. Später, wenn er erst weg war, konnte sie sich nach einem Manne umsehen.
Wer Rike war anderer Meinung. Als sie zwanzig Jahre alt war, erklärte sie dem Alten, Karl Schober und sie wären miteinander einig geworden und wollten sich heiraten, wenn der Alte nichts dagegen habe. Was wollte Christian machen? Es war Riken zuzutrauen, daß sie ihn im Stich ließe, wenn er seine Zustimmung nicht gab. So sagte er denn „ja", und vier Wochen später heirateten sie. Karl Schober war Knecht auf dem Rittergute gewesen, zog aber nun mit in Christians Haus und gebärdete sich als Herrn. Tagsüber arbeitete er als Tagelöhner aus dem Gute, aber nach Feierabend und Sonntags kommandierte er in Christians Hause und auf Christians Acker. Tas wollte sich Christian nicht gefallen lassen, und so kam es oft zu Zänkereien. Dreißig Jahre hatte Friede und Eintracht im Hause geherrscht, hatte man an einem Strange gezogen, jetzt gab es finstere Gesichter und harte Worte.
Leute, denen Christian seine Not klagte, hetzten ihn auf. „Soft Dir das nich gefalle, Christian, heirate wädder", sagten sie. „To wärd sich Rike schune umgucke un kleine beigebe."
Christian hatte zwar keine Lust, wieder zu herraten, denn er glaubte nicht, daß er noch einmal eine so gute Frau tote die selige Karoline kriege, hielt aber den Rat für gut und drohte das nächste Mal mit seiner Wiederverheiratung. Aber die jungen Leute ließen sich nicht erschrecken. ,
„Immer zu", spottete Rike, „heirare wadder."
„To lachten doch die Schtoine", fügte Kurl Schober hinzu.
Christian war zornig und lief zum Nachbar, um dem sein Herz auszuschütten. „Sik nich dumm", meinte der Nachbar, „das Hus äs dine, jag' se uns, wenn sie nich pariere
wull'n."
Tas wollte Christian nicht tun, weil er zu gutmütig dazu war, aber er drohte damit.
„Was?" rief Rike. „Tas Hus is mine."
„Wenn ich tot bän", erklärte Christian.
„Wer drinne wuhnt, den äs's", meinte Schober.
Christian überlief die Wut: „Su? No, ich wäll uch totfe, wen's Hus gehert. Ich heirate wädder, ich dränge äne Frau ins Hus, die wärd uch schune de Fletentene bei-
die von
bränge."
„Immerzu, heirate wädder", lachten die beiden.
Christian ließ sie lachen, zog feinen schwarzen Bräu-, tigamsrock an, in dem er Karoline zum Altar geführt hatte, und der nur bei feierlichen Gelegenheiten aus dem Schranke " Tuchmütze auf, ergriff den jung-
achte sich auf den Weg nach der
kam, setzte die schwarze ! eichenen Gehstock und machte fii
„Vie^'g Jahre."
„Hat se Geld?"
„Sie hat scheenes Geld auf der Sparkasse."
Christian trank sein Bier aus und marschierte durch Stadt nach Altendors hinaus, das nur zehn Minuten Frankstadt entfernt liegt. Es drängte ihn, Ehlers'
Er war ja erst sechzig Jahre alt. War das nicht das schönste Alter?
Gleich im ersten Wirtshaus kehrte er ein und traf dort einen guten Bekannteil, den Seiler Märtz.
„Na, Christian", fragte Märtz, „auch mal wieder in der Stadt?" L ,
„Jo. Weißte, ich toäll wädder heirate. Weißte keine Frau für mich?" _ r.
„O ja, un die paßte Minder scheue zu Dir. Der alte Ehlers in Altendorf hat eine Wirtschafterin, die gerne heiraten möchte. Sie hat mir erst vor vier Wochen gesagt, wenn ich mal 'was wüßte, sollte ich ihr einen Wmi geben."
„Wie oft äs se?"


