Ausgabe 
28.1.1903
 
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ist es sicherlich noch sehr stürmisch. Ich glaube jedoch Mich, Laß sie gegen elf Uhr kommen werden."

Allein es wurde Mittag und als von den Anwesen­den weit und breit nichts zu sehen war, überließ sich Lady Fanshawe den schwärzesten Vermutungen. Maureen, die endlich einsehen mußte, daß sie mit all ihren Beweis­gründen und freundlichen Ermahnungen doch nichts aus­richten konnte, unternahm nachmittags mit Taffy einen größeren Spaziergang. Ms sie zurückkehrte es war sechs Uhr vorüber wurde ihr ein Telegramm mit der Aufschrift Fanshawe oder D'Arcy übergeben, das schon vor einer Stunde angekommen, Lady Fanshaive aber nicht gebracht worden war, da diese strengen Befehl gegeben hatte, unter keiner Bedingung gestört zu werden. Maureen öffnete das Telegramm, das aus einer an der Bucht gele­genen Station aufgegeben worden war, und lautete:Hoffe morgen zwölf Uhr bei Euch zu sein, warte auf ein Schiff. Greville."

Eilig lies Maureen die Treppe hinauf, fand jedoch die Türe ihrer Schwester verschlossen, und als sie sich ohne Mühe durch das Ankleidezimmer den Eingang verschaffte, stieß sie es inen h alb unterdrückten Schreckensruf aus das Nest war leer.

18. Kapitel.

Ein Königreich für ein Pferd.

Boll Verwunderung sah sich Maureen in dem Ge­mache um, allein diese Verwunderung machte sofort einer angstvollen Besorgnis Platz, als ihr Auge auf einen Brief siet, der ihre Wresse trug- und möglichst auffällig an den Spiegel gesteckt war. Er lautete folgendermaßen:Liebe Molli Ich gehe fort mit jemand, der mich wirklich zu schätze»: weiß. Schon seit Donnerstag stand mein Ent­schluß fest, dennoch gewahrte ich Greville noch zwei Tage Frist. Nun aber ist meine Geduld erschöpft. Es tut mir leib, daß Tu die unangenehme Sache den Leuten gegen­über ausfechten mußt; am besten ist es wohl. Tu sagst, ich fei leidend sprichst von irgend einer ansteckenden Krank­heit, und wenn Greville zurückkommt, soll er die weiteren Erklärungen geben. Wir fahren mit der Abendpost nach Shule und um Awei Uhr morgens mit der Eisenbahn weiter. Briefe werden mich im Hotel Kontinental in Paris finden, -deine Nita."

war es also fehl Scherz. Nita hatts sich nicht fcgeubnro im Zimmer versteckt. Nein, sie war wirklich fortgegangen. Ein paar Minuten lang stand Maureen rvie vernichtet da, dann mußte sie sich auf den Bettrand nieder- Ben, denn sie zitterte derart, daß der Bries in ihren nden laut knisterte. Aber dieses Zittern und untätige illsitzen konnte nichts helfen, irgend etwas mußte ge­schehen. Vor altem zerriß sie den Vries in kleine Stückchen, bann schloß sie die Türe des Ankleidezimmers ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und sagte Ml Julia, die sich gerade im Gang befand, daß Lady Fanshawe diese Nacht unter ferner Bedingung gestört werden dürfe. Nun lief sie zum Hotelbesitzer und bestürmte diesen, ihr so rasch «A möglich einen Wagen nach Shule zu verschaffen.

Ich will gerne jeden Preis dafür bezahlen", fugte sie «regt hinzu.

Tas hilft alles nichts, gnädiges Fräulein", erwiderte ec.Wenn ich überhaupt einen Wagen hätte, so stünde er Ahnen natürlich mit dem größten Vergnügen und umsonst fcnr Verfügung, aber ich habe keinen, die Post hat alle Fahr- gelegeuhe-ten mit Beschlag belegt."

Ratlos kehrte Maureen in ihr Zimmer zurück. Was Nun hm? Mrs. Tuckitt war hort, einem anderen Menschen wagte sie sich nicht anzuvertrauen, sie mußte also allein «ns Hilfe sinnen. Woher konnte sie ein rasches Pferd be­kommen? Ta plötzlich fiel ihr der Kutscher Terence ein. Zu langem Ueberlegen war keine Zeit, denn schon senkte sich die Tämmerung hernieder. Hastig setzte sie ihren Hut aus, lief §u Frau Macgill hinüber und klopfte ohne Zögern «n die Türe. Eine sauber gekleidete alte Frau öffnete, be­trachtete die junge Tarne mit ziemlich ungastlichen Blicken und sagte:Was wünschen Sie, Fräulein?"

Ich möchte den Kutscher Terence sprechen."

Er ist erst vor wenigen Augenblicken todmüde heim- gefemmen. Hat es nicht Zeit bis morgen?"

Nein, leider nicht, ich muß ihn durchaus sprechen", »»trvortete sie in gebieterischem Ton,und zwar sofort."

Mit einem mißtrauischen Blick riß die alle Frau eine vom Hauseingang gelegene Till weit auf, wodurch

Maureen den Einblick in ein niedriges, braun getäfeltes Zimmer gewann. In der Mitte stand ein Tisch mit einer rot und blau karrierten Tecke, und vor dem Kaminseuer saß Terence in einem Lehnstuhl, während sein Hund in einem ebensolchen behaglich zusammengekauert lag. Heber dem Kaminsims hingen ein Segen und einige eingerahmte Phtoographien, verschiedene Bücher lagen umher, und das Sofa bedeckte ein Tigerfell. So bescheiden, ja fast ärmlich diese, von dichtem Dabaksqualm erfüllte Stube nun auch aussah die Wohnung eines gebildeten Mannes war sie trotzdem unverkennbar.

Eine junge Dame behauptet. Sie durchaus sprechen zu müssen", verkündete Frau Macgill im Tone hoher Miß­billigung. Langsam wandte er den Kopf, legte daun seine Pfeife nieder und sprang auf. ,Lst etwas vorgefallen?" rief er.

Miß D'Arcy nickte bejahend, wobei es ihm auffiel, wie blaß ihr Gesicht und wie düster ihr Blick war.Ich kann Sie nicht bitten, hier Platz zu nehmen, werde aber sofort zu Ihnen herauskommen." Er griff hastig nach seiner Mütze und eilte ihr nach aus die enge Straße.Nun, was ist geschehen?" fragte er in sanftem Tone. Einen Augenblick zögerte sie, dem: sie konnte die richtigen Worte nicht gleich finden. Endlich sagte sie:Ich habe meine Schwester ver­loren."

,Hhre Schwester verloren?" rief er im Tone höchster Ueberraschung.

Mr. Terence, ich weiß. Sie sind ein Ehrenmann, ich aber stehe int Begriff, die Ehre und den guten Namen unserer Familie in Ihre Hand zu legen. Meine Schwester ist mit Mr. So beit entflohen. Ich muß ihr folgen und sie zurückbringen um jeden Preis. Wer tote? Im ganzen Ort ist fein Pferd zu bekommen. Können Sie mir helfen?"

Natürlich kann ich das. Warrn hat sie Ballybay ver­lassen?"

Mit der Sechsuhrpost. Ich erinnere mich, daß ich, als der Postwagen an mir vorüberfuhr, Mr. Lovell und neben ihm eine dicht verschleierte Dame sitzen sah. Schon freute ich mich über fein Fortgehen, nicht ahnend, daß die Tarne neben ihm Nita sei."

Hat sie vielleicht einen Bries zurückgetassen?" fragte er kurz.

Ja, als ich ihr vorhin ein Telegramm bringen wollte, sand ich ein lleines, an mich adressiertes Bittet in ihrem Zimmer. Sie hatte sich nänllich eingeschlossen, und auch jetzt glauben die Leute, sie sei noch dort. Ich habe deshalb die zweite, in ihr Ankleidezimmer führende Türe ebenfalls abgeschfessen. Um elf Uhr kommt sie nach Shute, und um zwei Uhr fährt der Schnellzug ab, der Anschluß aus den nach England gehenden Dampfer hat."

Wir müssen sie in Shute einholen. Ich weiß, daß Sie gut retten, und Kirwau hat einen Braunen, der sich für Sie eignen könnte, obwohl er nicht für Damen zugeritten worden ist."

5cf) habe schon manches' wilde Füllen geritten."

Es gtebf einen kürzeren Weg Über den Slieve-na-Goil« berg, da sind es nur etwa dreißig Mellen. Es ist freilich eigentlich nur ein Ziegenpfad, ober Sie sind ja mutig und ausdauernd, und ich kenne den Weg genau. Wenn wir nicht auf ein besonderes Hindernis stoßen, können wir noch vor elf Uhr in Shute fein. Jetzt ist es sieben Uhr; Zeit ist also feine zu vertieren. Gehen Sie nun und machen Sie sich bereit; ziehen Sie eine warme Jacke an, und genießen Sie etwas, ich werde Sie mit den beiden Pferden am hiim teren Gittertor erwarten."

Ein Stallbursche könnte mir ja aber den Weg zeigen"« sagte sie.Warum wollen Sie sich selbst bemühen?"

Ohne zu antworten, lief Terence den Ställen zu, sodaß Maureen nichts anderes übrig blieb, als ins Hotel zurück« zukeyren. Seit ihrer Unterredung mit Terence fühlte sie sich weniger niedergeschlagen und hoffnungslos, denn wenn er auch ihre Mitteilung fest verletzend kühl ausgenommen hatte, so flößte ihr seine rasche, bestimmte Handlungsweise doch das größte SSertrauen ein. Ein Viertel nach sieben Uhr schlich sie unbemerkt die Treppe hinunter, erreichte die Hintertüre und schließlich den Hof, wo Julia mit zwei Stallknechten plauderte. In der Ferne sah sie einen Herrn heranreiten, begleitet von einem Stallknecht, der ein Pferd mit einem Damensattel am Zügel führte. Rasch eilte sie vorwärts, der Herr stieg ab, hob sie in den Sattel, brachte