Mn nächsten Tage hatte sich das Wetter ein wenig gebessert und damit auch Lady Fanshawes Stimmung, Sie bot ihrer Schwester die Hand zur Versöhnung indem sie ihr anstatt eines Oelzweiges ihre Haarbürste entgegen- hielt. „Du reiztest mich gestern so seh^, sagte sie etwas kleinlaut. „Wie kannst Tu nur immer solche abscheuliche Dinge sagen, Moll?"
„Die nackte Wahrheit ist selten schön", erwiderte Mau- reen, „jedenfalls bin ich aufrichtig. — Ach, wie mir Lovells zynisches Wesen verhaßt ist!"
„Greville sagte, ich werde es Bereuen, nicht mit ihm gegangen zu fein", fuhr Nita in kläglichem Tone fort. „Zehnmal täglich tat ich das, und drei ganze Tage ist er nun schon weg! Ach, warum habe ich ihn nicht begleitet?"
„Meine liebe Nita, es ist weit besser, daß Du hier geblieben bist, Du hättest Dich ja doch nur im höchsten Grade unbehaglich gefühlt. Du weißt, wie Du Dich immer gleich ängstigst, sogar auf den Seen."
„Das Wetter ist diesen Morgen viel ruhiges, erklärt« Lady Fanshawe, sich zum Fenster hinausbäigend.
„Sa, in der Bucht geht eS an, auf offener See aber
1903. — Nr. 15.
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(Nachdruck verboten.)
Eine verhängnisvolle Fahrt.
Roman von B. M. Croker.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwtna Wischer.
(Fortsetzung.)
Plötzlich aber machte sich ihre erregte Stimmung ohne die germgste Veranlassung in den leidenschaftlichsten Zvrn- ausbruchen &ift Wodurch hatte sie es verdient, daß man sie derart behändste, sie, die, obgleich an einen älterem Mann verheiratet, niemals die Huldigungen anderer Manner ermutigt hätte. Niemals habe sie sich auch nur des kleinsten Vergehens schuldig gemacht, wie so viele anbere Frauen ihrer Bekanntschaft. Nur nm Greville eine Freude zu machen, sei sie in dieses abscheuliche Nest gekommen, und zum Tank dafür verbringe er seine ganze Zeit mit emer anderem Frau, er, der behaupte, ein Weiberfeind zu sein. ,,O-, was sind doch die Männer alle für Heuchler!" rref sie, indem sie auffprang und wie rasend int Zimmer umherlief. „Ja, ja, nun verstehe ich es, warum er eine solche Vorliebe für Ballybay hat und um keinen Preis darauf verzichten wollte. Fischen! Ha, ha, nein! Tas war nur ein Vorwand, um mir Sand in die Augen zu streuen. Mit dieser Person wollte er hier zusammentreffen!"
"Aber Nita, Nita", sagte Maureen, ihr besorgt mit den Blicken folgend, „wie kannst Tu nur so etwas sageit!" , „Ja, >Danz Ballybay wußte es außer mir", fuhr sie immer leidenschaftlicher fort, „und Bertrand Lovell sagt, daß bte Geschichte in aller Leute Mund sei. Es ist ein Skandal, und jedermann hat Mitleid mit mir."
„Mr. Lovell spricht die Unwahrheft!"
„Ha, das sieht Tir wieder ähnlich!" rief sie, sich zornig nach ihr umwendend. „Tu nimmst natürlich Partei für Greville, und jene Person ist ja auch Deine Busenfreundin wahrscheinlich haben sie Tich in ihr abscheuliches Ge-! heimnis eingeweiht."
„Mta, ich glaube wahrhaftig, Du hast den Verstand verloren."
„O nein, im Gegenteil, jetzt bin ich erst recht klar bei Sinnen. Wenn Bertrand Lovell mein Mann wäre, der hatte anders gehandelt und sich von keinem Wetter ab- halten lassen, und nun vollends gar, um mit einer andern Frau zusammen zu sein! Es' ist geradezu schamlos!"
Schluchzend sank sie auf einen Stuhl.
„Schamlos!" wiederholte Maureen. „Wie kannst Du so etwas von Greville sagen, von dem Du doch weißt, daß er Dich über alles liebt. Kann er denn etwas dafür, daß Du das Fischen verabscheust und Dich beim Kahnfahreu fürchtest? Wenn Du aber glaubst, daß Mr. Lovell einem solchen Wetter Trotz bieten würde, so täuschst Du Dich gewaltig", rief siet sprang auf und öffnete hastig das
Fenster, sodaß das Heulen des Sturmwinds und das wilde Brausen des Meeres ungedämpft hereindrang. „Lovell ist ein Feigling, ein Salonheld, weiter nichts. Ich verabscheue ihn."
„Das ist ganz gegenseitig. Er behauptet, es sei schänd- sich, tote Du mich tyrannisierst."
„Ich? Ja, schändlich und gemein ist es, Greville bet Drr anzuschwärzen und sich — ich will es Dft nur sagen --- öffentlich als Deinen Liebhaber aufzuspielen."
„Maureen!" schrie ihre Schwester, indem sie aufforana und mit tragischer Gebärde auf die Türe wies: „Verlasse sofort dieses Zimmer!" 11
„Gerne, aber nicht, ehe ich Dich vor Mr. Lovell gewarnt habe."
„Du erdreistest Dich, mich zu warnen?" rief Mta mit zitternder Stimme.
„So, das tue ich, denn er ist ein gefährlicher Gesellschafter für Dich, ein leichtsinniger, gewissenloser Mensch, der sich auf die ftechste Weise mit seinen Siegen über junge Frauen brüstet."
„Wie kannst Du, ein junges Mädchen, es wagen, solch abscheuliche Dinge zu sagen!"
„O, ich wage gelegentlich gar manches", antwortet« fie kalt, „und ich wollte, ich könnte noch mehr wagen. Manchmal, wenn ich sehe, wie Mr. Lovell sich über Dich beugt, und in seiner abgeschmackten, süßlichen Weise mit Dir flüstert, zuckt es mir in allen Fingern, ihm eine Ohrfeige zu versetzen.
„Das fehlte gerade noch", rief Mta bebend. „Verlasse sogleich das Zimmer! Hörst Du? Gehe!"
„Gut, ich gehe. Dein Haar kannst Du Mr dann morgen selbst machen. Gute Nacht!"


