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war von vielen gekannt. Er war erst kürzlich von London angekommen, mußte daher diesem oder jenem die Hände schütteln und allen seine Eindrücke von dem perfiden Albion schildern, was er mit echt französischer Verve tat. Er ging mit vollkommener Grazie und Sicherheit von einem zum andern, und jeder Schritt brachte ihn näher zu dem dicken Herrn mit dem ausgedrehten Schnurrbart, der sein« Bewegungen nur zu gut bemerkte.
Endlich stieß Herr von Chauxville mit dem Gegenstand seines Suchens, der vielleicht die Ursache seiner Anwesenheit beim Concours hipstique war, zusammen und bat ihn lebhaft um Entschuldigung.
„Ach, gerade Sie habe ich gesucht!" rief er erfreut.
Ce Wassili — es ist eine halb verächtliche, halb mißtrauische Bezeichnung — machte ihm eine tiefe Verbeugung. Er war ein einfacher Bürgerlicher, während sein Gegenüber Baron war, und die Verbeugung betonte dies sehr fein.
„Womit kann ich dem Herrn Baron dienen?" fragte er mit einer Stimme, die von Natur aus laut und stark war, aber durch sorgsame Schulung dahin gebracht worden war, daß man sie in einer Entfernung von ein paar Schritten nicht hörte.
„Erwarten Sie mich in zehn Minuten im Cafe Dan- tale", antwortete der Baron, indem er weiterging, um eine Dame zu begriißen, die ihm mit der studierten Anmut einer Pariserin zunickte.
Wassili verbeugte sich nur und richtete sich dann wieder auf. In seiner Haltung lag eine gewisse ruhige Aufmerksamkeit, ein unauffälliges Forschen und eine zurückhaltende Intelligenz, die einen undeutlich an die Polizei erinnerte, — etwas, worauf seine Freunde ihn nie aufmerksam machten; denn dieser Wassili war eine würdevolle Persönlichkeit, sehr empfindlich und mit Recht stolz auf die Tatsache, daß er dem diplomatischen Korps angehörte. Welche Stelle er in dieser erlesenen Körperschaft einnahm, geruhte er nie zu erklären; aber es war bekannt, daß er beträchtliche Bezüge genoß, während er sein Land oder seinen Kaiser nie in offizieller Eigenschaft zu vertreten, brauchte. Er war, wie er sagte, der russischen Botschaft attachiert. Seine Feinde nannten ihn einen Spion, allein genau wußte es niemand.
Zehn Minuten später verließ Claude von Chauxville den Jndustriepalast. In den Champs Elysees angelangt, wandte er sich nach links und schlug dann einen der kleinen Wege ein, die zu einigen abgelegenen Cafes an der Süd- feite der Champs Elysees führen.
(Fortsetzung folgt.)
Emser Badeleben.
Das Denkmal Kaiser Wilhelms schmücken Hunderte von Kornblumensträußchen, sie wurden von den Bewohnern und Gästen der Badestadt niedergelegt. Am 13. Juli 1870 ließ König Wilhelm von Preußen dem französischen Gesandten Benedetti die verdiente Abfertigung zu teil werden, und die Stelle, an der dieser welthistorische Vorgang sich abspielte, wird durch eine einfache Marmorplatte mit der eingravierten Inschrift „13. Juli 1870, 9 U. 10 Min. Morgens" bezeichnet. Auch auf diesem Stein liegen Kornblumen verstreut. Die Lieblingsblume Kaiser Wilhelms hat heutzutage in Ems noch ihre Bedeutung, und am 13. Juli zierte sie Männer und Frauen, Mädchen und Knaben. Kaiser Wilhelm und Ems sind aufs innigste verbünden; hier suchte der Monarch Erholung, hier kam die bezwingende Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit seines Wesens so offen zur Geltung wie nirgends, hier bildet jeder Stein eine Erinnerung an Deut''^ands ersten Kaiser. Am Ende der herrlichen Anlagen,, die er so oft durchschritt, erhebt sich f?)11 Denkmal aus weißem karrarischen Marmor. Der Künstler, der Berliner Professor Otto, hat den Herrscher so dargestellt, wie er sich in Ems gab, frei von allem ssisst^bn fiirstüchen Glanz. Ein bürgerliches Gewand um- hullt die Gestalt, in deren Sockel das von Ernst von Wildenbruch gedichtete Distichon:
„Hier, wo so oft er von Taten gernht, um zu „. „ r , Taten zu schreiten.
Hielt sern dankbares Ems für immer ihn fest."
Kaiser Wilhelm gab dem idyllischen Bade an der Lahn, das er zwanzigmal besuchte, das Gepräge, und dieses Gepräge ist heute noch nicht verwischt. Da ist noch in dem
ersten von ihm bewohnten Stockwerk des Königlichen Kurhauses das historische Eckfenster, von dem aus er so oft für all die spontane!, Huldigungen dankte und das Treiben da unten beobachtete, da sind die Promenaden und Wege, in denen er sich erging, da sind die Kolonnaden, die einem öffentlichen Audienzsaal gleichen, und in denen der Monarch alltäglich für Persöulichkeiteii, die ihn interessierten, zu een war. Alles besteht noch wie ehedem, nur eine
ngsstätte Kaiser Wilhelms hat sich verändert, das schmucke Kürsaaltheater, das der greise Monarch fast allabendlich besuchte, um tu der ersten Parkettreihe den Vorstellungen, zu beiten manchmal seine Berliner Lieblingskünstler und Künstlerinnen zugezogen wurden, ungezwungen wie jeder andere Besucher beizuwohnen. Heute ist der Saal eben nicht mehr und nicht weniger als ein sehr eleganter Kursaal, einstens waren seine Nebenräume ein Miniatur-Monte Carlo, in dem bescheiden an nur drei Tischen, zwei Roulettetischen und einem Trentc et guarante- Tisch, das Geld verloren wurde. Das Jahr 1872 machte auch der Emser Spielherrlichkeit, die sich mit der von Wiesbaden und Homburg nicht vergleichen konnte, ein wohlverdientes Ende. Das Emser Kurtheater hat jetzt ein eigenes Heim, in dem unter der Direktion Karl heitere Werke, vornehmlich Operetten, zur Aufführung gelangen.
Bad Ems macht heute einen soliden, bürgerlichen Eindruck. Der glänzende Zug, den die Anwesenheit Kaiser Wilhelms in das Badeleben hineintrug, fehlt ganz. Das Haupttreiben entwickelt sich während der Konzerte, die im schattigen, an der Lahn gelegenen Kurgarten morgens, nachmittags und abends stattfinden; sie werden von der stark besäten Kürkapelle ausgeführt, die unter Leitung des Musiwirektors Laube steht und ganz vortrefflich ist. Das Bild, das sich während dieser Konzerte entwickelt, ist charakteristisch für das Emser Badeleben von hetrte. Auf Bänken lauschen sie der Musik, ruhig uud ergeben, viele Damen beschäftigen sich mit Stricken und Sticken und lassen sich in dieser Beschäftigung auch durch Isoldens Liebestod nicht stören. Die Behaglichkeit ist stärker als die Eleganz, die hier nur vereinzelt auftritt und ihre glänzendste Vertreterin in Madame de Nuovinna besitzt, der berühmten Massenetschen Navarraise, die voraussichtlich in der nächsten Spielzeit wieder auf der Bühne des Königlichen Opernhauses als Gast erscheinen wird. Ems übt ja auf das Theater eine notwendige Anziehungskraft aus; sowohl die von der Oper wie die vom Schauspiel schlürfen hier Kcssel- brunnen und delektieren sich an Krähnchen, um ihr Organ zu stärken und von Schlacken zu befreien.
Ems, das einst Kaiser und Könige zu Gaste sah, beherbergt auch heute zwei Fürstlichkeiten! der Erbprinz von Anhalt und Ernst Graf zu Lippe, Graf Edler Herr zur Lippe- Biesterfeld und Erlaucht auf Schloß Detmold, Ivie es in der Kurliste heißt, geben dem Bade das fürstliche Relief. Der äußere Glanz wird durch die Anwesenheit der beideit Fürsten sticht verändert und nicht erhöht, auch sie leben hier, wie mau das heutzutage in Ems fast ausschließlich tut, ihrer Kur und ihrer Erholung, sie trinken Brunnen, sie promenieren und sie inhalieren. Die offiziellen und die privaten Jühalationsräume bilden eine ganz besondere Emser Spezialität, alle möglichen Jnhalationsmethoden kann man hier genießen, und ntmt nimmt für 30 Pfennig eine Portion Inhalation wie ein Glas Echtes und hat! außerdem noch ein aus einem Nebenraum driugeudes Gurgelkonzert vollkommen gratis. Ruhe ist hier die erste, angenehme Patientestpflicht, und selbst im Kurhaussaal oder im Kurgarten, woselbst man nicht zu Mittag und zu Abend speist, sondern diniert und soupiert, trotzdem hier ein allerdings solider Luxus wahrzunehmen ist, geht es ruhig vornehm zu, läßt die Heilb'adstimmuug die Weltbadstimmnng nicht aufkommen. Das ruhigste Verguügeu ist das Angeln. An den Ufern der Lahn stehen und fitzen Männlein, Weib- lein uud Kindleiu und versenken ihre Angeln in die geheimnisvollen Tiefen des Wassers; sie harren geduldig der Tinge, die da von unten heraufkommen sollen, ziehen die Angel langsam herauf und herunter, tviederholen diese Be- fchäftigmtg, ohne Geist und Körper sonderlich anzustrengen, stereotyp zahllose Male und gehen dann, auch wenn nichts angebissen hat, still und'friedlich von dannen. Das beruhigt die Nerven und erzeugt einen wohligen Stumpfsinn.
Alle Wege führen hier in die Schönheiten der Natur, die bereits hundert Schritte vom Bahnhof, wenn man die Bahnbrücke überschreitet, ihren Anfang nehmen. Die lieb-


