Ausgabe 
27.7.1903
 
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Katharina zuckte zusammen. Wenn der Schinerz auch erwartet wird, tut er nicht weniger weh. Das Mädchen besaß jenen slavischen Instinkt des Selbstmartyriums, das die Russen von den vergnügungssüchtigen Nationen Europas so ganz verschieden macht.

Nur deshalb?" fragte sie.

Panl blickte auf sie nieder.

Ja", antwortete er ruhig.

Em paar Augenblicke gingen sie wortlos weiter, und Paul schien den Gedanken, an diesem Abend noch weitere Hütten zu besuchen, schweigend aufgegeben zn haben. Sie schritten dem langen, alten Hause zu, das mehr aus Höf­lichkeit als mit Berechtigung dasSchloß" genannt wurde. »Wie lange wollen Sie in Osterno bleiben?" fragte Katharina endlich. u

Etwa vierzehn Tage, länger kann ich nicht bleiben: ich bin im Begriffe zn heiraten."

Katharina blieb plötzlich stehen. Einen Augenblick sah sw zu Boden, ivährend sich in ihren Augen ein erschrockenes Erstaunen malte. Es war der Blick eines Menschen, der von einer großen Höhe herabgefallen ist und nicht sicher weiß, ob es den Tod für ihn bedeutet oder nicht. Dann schritten sie weiter.

»Ich gAuliere Ihnen", sagte sie.Hoffentlich wird sie Sie glücklich machen. Sie ist wohl sehr schönt"

Ja", antwortete Paul einfach.

Das Mädchen nickte.

Wie heißt sie?"

Etta Beaumont."

Offenbar hatte Katharina den Namen nie gehört und als echtes Werb kani sie aus ihre erste Frage zurück.

Wie steht sie aus?"

Paul zögerte ein wenig mit der Antwort.

Sie ist groß, nicht wahr?"

Ja."

Hat sie schönes Haar?" fragte Katharina.

Ich glaube, ja."

Sie sind kein scharfer Beobachter", meinte das Mäd- sr seltsamen, gleichförmigen, bewegungslosen

Ton.Vielleicht haben Sie nie darauf geachtet?"

Sucht besonders", antwortete Paul.

r$läbcrelT ba§ Gesicht zu ihm empor. Ein schnlerzliches Lächeln verzerrte ihre Lippen. Tas Mond­licht fiel hell auf ihre Züge, und die tiefen Schatten unter deii Augen verliehen ihrem Gesichte einen grinsendes Aus­druck. ^olch em Grinsen kann man auf dem Gesicht eines Ertrunkenen sehen, und es ist ein Anblick, den man nie .wieder vergißt.

Wo wohnt sie?" fragte Katharina. Sie war sich der bie m Krem Herzen lebten, iiicht bewußt, nichtsdestoweniger erfüllte sie der unbestimmte, fornilose ^en, baS 9ro& und schön war, und das Paul Alexis üebte.

Katharina Lauowitsch hatte fast ihr ganzes Leben in der Provinz Twer verbracht und ivar kein modernes Mb» chen- Sw wußte nur, daß sie Paul liebte, und alles, was sie wünschte, war Pauls Liebe, die sie durch ihr ganzes ^,ebeu begleiten sollte. Sie analysierte sich nicht selbst ste war nicht scharfsinnig, dachte nie über ihre eigenen bedanken nach imb war vielleicht so altmodisch, romantisch , ^^^arina haßte Etta Beaumont mit einem einfachen, halb barbarischen Hasse, weil sie- ihr den einzigen Mann geraubt hatte den Katharina je in ihrem Leben lieben konnte; denn das Mädcheii war so einfach, so unverdorbeii, daß ihr der Gedanke an ein Kompromiß nicht einmal im Traurne kam, daß sie sich auch nicht einen Augenblick denr stillen proste hrngab, die Zeit könne ihre Wunden heilen rll,b Jte könne einen anderen heiraten, jenes Kompromiß I^^eßen, das mehr Elend in der Welt ungerichtet hat, als das Laster ihrer großen Einsamkeit, ivährend sie in b^' /'"Oeheuren Wäldern von Twer zum Weibe aufqe- »Ä r)atoeJte .benähe alles, was sie gelernt hatte, besten Lehrerin, der Natur, gelernt und vertrat eine "genutzte Theorie, daß es schlecht ist, wenn £ / 11 Mann heiratet, den sie nicht liebt, oder

X nn Ä aus einem anderen Grunde heiratet,

t>kvohnt sie?" wiederholte Katharina.

In London."

Schweigend gingen sie eine Weile langsam weiter und

I hörten plötzlich die Fußtritte von Karl Steinmetz stnb beni Diener dicht hinter sich.

selbs^iebt sie Sie?" murmelte Katharina halb zu sich

Es war eine Frage, auf die kein Mann antworten kann. Panl erwiderte nichts, sondern schritt ernsthaft an der Seite dieses Weibes weiter, das wußte, daß Etta Beau­mont ihn nie so lieben könne, wie sie selbst ihn liebte.

Als Karl Steinmetz sie einholte, schwiegen sie wieder beide.

Ich setze voraus, daß wir uns ans die Diskretion von Fräulein Katharina verlassen können", sagte er auf englisch.

«So weit es Osterno betrifft, gewiß", antwortete das Mädchen.Aber unsere Leute hier dürfen Sie nicht be­suchen, es ist zu gefährlich in verschiedener Hinsicht."

Ah!" murmelte Steinmetz ehrerbietig, indem er mit einem Gesichtsansdruck, der beinahe beschränkt war, gerade vor sich hinblickte.

Dann müssen wir uns Ihren: Entschlüsse fügen", fnhr er fort, indem er sich zu dem hochgewachsenen Manne an seiner Seite wandte.

Ja", sagte Paul einfach.

Steinmetz lächelte finster vor sich hin. -Eine seiner halb cymscheu Theorien bestand darin, daß Frauen in allen irdischen Angelegenheiten den Ausschlag geben, und wenn die Richtigkeit seiner Deduktionen durch -irgend eine neue Jllustratiou erhärtet wurde, lächelte er bloß. Er war nicht Cyniker von Natur, sondern nur durch die Macht der Um­stände.

Kommen Sie mit ins Schloß?" fragte das Mädchen endlich, und Steinmetz schob mit einer Gebärde Paul die Entscheidung zu.

Heute albend nicht, denke ich", meinte dieser.

Wir werden Sie bis ans Dor begleiten."

Katharina machte keine weitere Bemerkung. Als das Schloßtor erreicht war, blieb sie stehen, und alle hörten plötzlich das Geräusch, von Pserdehufen hinter sich.

Was ist das?" fragte Katharina.

Nur der Starost, der unsere Pferde bringt", ant­wortete Steinmetz.Er hat nichts gemerkt."

Katharina nickte und hielt ihnen die Hand hin.

Gute Nacht", sagte sie in ziemlich kaltem Toiie.Ihr Geheimnis ist bei mir sicher verwahrt."

Dann stiegen sie auf und ritten den Weg, den sie gekommen waren, wieder zurück.

13. Kapitel.

Wassili.

Der Pariser Jndustriepalast, wo eben der Concours hippique stattfand, strahlte im Glanze des elektrischen Lichtes. Eine Menge eleganter Männer und Frauen drängte durch­einander, und in ihrer Mitte bewegte sich, wie in seinem ureigensten Element, der Baron Claude von Chauxville mit seinem höflichen, liebenswürdigen Lächeln, das seine Feinde ein Grinsen nannten.' Er nahm weniger Raum ein, als die meisten Männer in seiner Umgebung, vermochte besser durch das Gedränge zu kommeu und stieß dabei weniger Leute an, kurz, er bewies zu feiner eigenen Be­friedigung und zum Mißvergnügen mancher junger Männer, wie gut er die Kunst verstand, in der Welt vorwärts zu kommen.

Nicht weit von ihm stand ein junger Herr in mittlerem Alter mit einem dicken, blonden, zn beiden Seiten auf­gedrehten Schnurrbart. Dieser Herr hatte etwas Distin­guiertes an sich, das selbst in dieser distinguierten Gesell­schaft auffiel; er sah wie ein General aus, so aufrecht war seine Haltung, so scharf sein Blick, so unabhängig trug er den Kopf.

Er hielt die Hände auf dein Rücken verschrünukt, sah mit ernsten Blicken in das festliche Treiben, grüßte und wurde von vielen gegr, . ließ sich aber mit niemand in ein Gespräch ein.

Ce Wassili, c'est un Homme dangereux", hörte er mehr als einmal flüstern und lächelte dann noch liebenswürdiger.

Wenn sich ein scharfer Beobachter die Mühe gegeben hätte, die große Masse zu ignorieren und nur zwei Per­sonen zu beachten, würde er bemerkt haben, daß Claude von Chauxville sich langsam, aber sicher einen Weg zu dem sogenannten Wassili bahnte.

Baron Chauxville kannte viele der Anwesenden und