Nr. 110
Montag Den 27. Juli.
1903.
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Oftenio.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
12. Kapitel.
Demaskiert.
Einen Angenblick Herrschte in der Hütte Stille, die nur durch das Aechzen des Sterbenden im Winkel unterbrochen wurde. Paul und Katharina standen einander gegenüber, — sie bleich und atemlos, er mit gerunzelter Stirn; aber er wich ihrem Blick aus.
„Paul", wiederholte sie langsam, und der Klang ihrer Stimme, etwas wie eine rauhe Zärtlichkeit in ihrem zornigen Tone rief auf Steinmetz' Gesicht ein grimmiges Lächeln hervor, — so wie man unter Schmerzen lächeln mag.
„Paul, warum haben Sie das getan? Warum sind Sie hier?"
„Weil Sie mich holen ließen", antwortete er ruhig. „Kommen Sie, ich bin hier fertig; der Mann wird sterben, ich kann nichts mehr für ihn tun. Sie dürfen hier nicht bleiben."
Sie brach in ein leises Lachen aus, während sie ihm folgte. Er mußte sich tief bücken, um cms der Mir zu treten, dann wandte er sich um und hielt ihr die Hand- Hin, damit sie nicht über die hohe Schwelle stolperte. Sie ruckte dankend, wies aber die gebotene Hilfe ab.
Steinmetz blieb ein wenig zurück, um noch einige Befehle zu erteilen, während Paul und Katharina allein auf der engen Straße weitergingen. Der Mond stieg eben empor, ein großer, gelber Mond, wie man ihn nur in Rußland kennt, im Lande der silbernen Nächte.
„Seit wann tun Sie dies?" fragte Katharina plötzlich, indem sie ihn nicht anblickte, sondern gerade vor sich hin schaute.
„Bereits seit einigen Jahren", antwortete er einfach.
Er verlangsamte den Schritt, denn er hätte gern auf Steinmetz gewartet, der bei solchen Zwischenfällen immer wußte, was zu tun war, der sich auf Geheimnisse verstand und sie retten konnte, wenn sie bereits verloren schienen. Was wollte er mit Katharina anfangen? Wie war sie zum Schweigen zu bringen?
Katharina schritt stumm weiter.
„Natürlich bewundere ich Sw unendlich", sagte sie zuletzt. „Es sieht Ihnen ähnlich, daß Sie so etwas in aller Stille tun und kein Wort darüber sprechen. Aber — Sie müssen fort von hier, ich, ich — es ist mir ein zu furchtbarer Gedanke, daß Sie sich solcher Gefahr aussetzen. Lieber sollen sie alle wie die Fliegen sterben. Sie dürfen das nicht tun!" 1
Sie sprach englisch, mit einem leichten Stocken in der Stimme, das er nicht recht begriff.
„Wenn man die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln befolgt, läuft man sehr wemg Gefahr", sagte er.
„Ja, aber befolgen Sw die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln? Sind Sie auch ganz gewiß wohl?"
Sw waren auf der einzigen stillen Straße des Dorfes ganz allein. Sie blieb stehen und schaute zu ihm empor, während ihre Hände seinen zerrissenen Rock betasteten.
„Sie sind sicher, ganz sicher, daß Sie noch nicht angesteckt sind?"
,,O ja, ganz sicher", antwortete er fast rauh.
„Ich dulde es nicht, daß Sie die anderen Häuser in Thors besuchen, ich kann, ich will es nicht dulden! O Paul, Sie wissen nicht, — wenn Sie es doch tun, erzähle ich allen, wer Sie sind, und dann macht die Regierung der Sache ein Ende."
„Was würde das nützen?" fragte Paul verlegen. „Ihr Vater sorgte für seine Bauern und setzte sich gern einer Gefahr für sie aus. Da auch Sie die Hütten besuchen», glaubte ich, daß auch Ihnen etwas an diesen armen Leuten läge."
„Ja, aber —"
Sw hielt inne, brach in ein seltsames, wildes Lachen aus und verstummte.
„Natürlich kann ich Ihnen nicht verbieten, es in Osterno zu tun, obwohl ich es für sehr unrecht halte", fuhr sie dann mit einem plötzlichen Zorn fort, der sie selbst überraschte. „Aber ich kann Sie hindern, es hier zu tun."
„Wie Sie wollen", meinte Paul achselzuckend. „Ich glaubte, daß Ihnen mehr an den Bauern läge."
„Was liegt mir an den Bauern im Vergleiche zu, —• ich denke an Sie, Paul, nicht an die Bauern", antwortete sie leidenschaftlich. „Sie find egoistisch und grausam gegen Ihre Freunde."
„Meine Freunde haben nie bewiesen, daß sie sich um mich ängstigen."
„Tas ist eine bloße Ausrede. Ueberlassen Sie dies Herrn Steinmetz und solchen, deren Geschäft es ist; für Sie taugt es nicht. Ihre Freunde fühlen vielleicht mehr, als sie zeigen wollen."
„Ich habe es nach reiflicher lleberlegung getan. Anfangs nahm ich jemand dazu, aber der Mann ließ die Sache im Stich und ging mir durch, sodaß Steinmetz und ich zu dem Schluffe kamen, es bliebe uns nur übrig" diese schmutzige Arbeit selbst zu tun."
„Tas heißt, Sie tun sie."
„Pardon! Steinmetz tut, was er kann."
Katharina Lanvwitsch war trotz ihres männlichen Aeußeren ein echtes Weib.
„Also darum waren Sw in den letzten Jahren so gern in Osterno?" fragte sie in unschuldigem Tone.
„Ja", antwortete er, dw Falle nicht merkend.


