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Reitpeitsche an eines der großen Fenster von Frau Wilsons Frühstückszimmer.
Sie sah wunderbar frisch und strahlend aus, als ob ihr etwas sehr Freudiges begegnet wäre.
„Ich habe Nachricht von Papa erhalten", rief sie, als ihre Freundin das Fenster öffnete. Spätestens in einem Monat, vielleicht schon in 14 Tagen wird er hier sein. Und — und —", mit jener bei ihr seltenen Schüchternheit, die sie so sehr verschönte, „kann ich mit Herrn Morgan sprechen?"
„Mein Bruder ist schon seit einer Stunde irgendwo in Westfields", entgegnete Frau Wilsou. „Harris schickte nach ihm, ich glaube wegen des Karpfenteiches. Bedürfen Sie seiner?"
„Ich fürchte, ich bedarf seiner immer", gestand Elli- nor, „und gerade jetzt" — mit einem leichten Erröten — „so ganz besonders. Aber vielleicht begegne ich ihm. Menn nicht, werde ich ihn suchen, und zu mir in's Haus bitten lassen. Ich habe an Papa einen Brief geschrieben, den er in Neapel finden wird. Ich will ihn jetzt selbst zur Post bringen. Kann ich dort etwas für Sie besorgen?"
„Danke, nein."
„Soll ich vielleicht Herrn Morgan's Briefe mitbringen, wenn deren angekommen sind?"
Frau Wilson belustigte dieses beständige Hereiuziehen Morgan's in die Unterhaltung natürlich sehr. Aber sie war entschlossen, vorläufig nichts zu sehen und lehnte dankend ihr Anerbieten ab mit dem Bemerken, ihres Bruders Briefe befänden sich jeden Morgen in des Doktors Posttasche.
(Fortsetzung folgt.)
Zinn Königsmord in Serbien.
Warum Oberst Maschin, der Bautenminister im provisorischen serbischen Kabinett, sich an der Ermordung seiner Schwägerin der Königin Draga, beteiligte, darüber hat er sich nach der „Post" einem Mitarbeiter des Petersburger Blattes „Ssyh Otetschestwo" gegenüber wie folgt ausgesprochen: „Draga heiratete meinen armen Bruder, als sie noch in der Mitte ihrer Schönheit stand. Mein Bnrder war einer der besten Menschen der Welt. Aber dieses Frauenzimmer umgarnte ihn so sehr, daß sie ihn von der Familie trennte und von mir besonders, da sie sich einbikdete, daß ich sie mehr als die anderen alle beobachtete. Ihre Ehe mit meinem Bruder war der Anfang ihres Glückes. Sie kam dadurch in die beste Gesellschaft und konnte vor allem ehren grenzenlosen Luxus befrie- drgen, was stets ihr heißester Wunsch war, aber sie wollte noch höher steigen und sab ein, daß das Band, das sie mit meinem Bruder verknüpfte, für sie eine Fessel war. Daher beschloß sie wohl, sich ihres Mannes zu entledigen. Wre sie das anfing, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß meru armer Bruder, der bis dahin die verkörperte Kraft und Stärke gewesen war, plötzlich h i n zu s i e ch e n b e g a n n. Da begann ich das infame Weib zu hassen, die Frau, die meinen Bruder hingemordet hat, nachdem sie ihm ein zu ihren Gunsten aufgesetztes- Testament entlockt hatte. Als dann der König sich in Draga verliebte, tat ich alles Mögliche, uin ihm die Augen zu öffnen. Bedenken Sie die Schmach! Ein Weib, das die Geliebte aller robusten Offiziere unserer Garnison gewesen war! Draga merkte natürlich, daß ich den König warnte, und tat alles, um meiüer mili-
Laufbahn ein Ende zu machen. Man schickte mich aus der Hauptstadt an die Grenze und' gab Mir ein Regiment, das immer aufrührerisch gewesen ist.
^rnnUngluck für mich Als mein Bruder, der Ingenieur wcaschin, dem Belgrad seine schönsten Gebäude ver- r c• lvar ich militärischer Attachee unserer Gesandtschaft in Wien. Dann wurde ich Gesandter in Monte- negro. ^ch konnte ^hnen Briefe zeigen, die Ihnen beweisen, w vr eLer ’Wt?0 < Montenegro mich schätzte, wie er mich als Freund behandelte und mich in wichtigen Staatsan gelegenheten um Rat fragte. Diese glänzende Stellung hatte mir Draga vernichtet. I, dem Grenzorte wollte ich mir zuerst das Leben nehmen, aber der Gedanke an Rache S £Urd) Utrecht Ich gab meine Entlassung und kehrte nach Belgrad zuruck, wo es mir, nicht ohne Mühe, gelang, me Faden der Verschwörung zu spinnen, die einen so ver- bananisvollen Ausgang für das Köniaspaar gaben sollte
und für andere Personen, deren Hiuschlcichtuug ich aufrichtig bedauere. Fragen Sie mich nicht nach Einzelheiten« der Mordnacht! Nur etwas möchte ich Ihnen sagen: die Zeitungen berichten, daß das Morden zwei Stunden dauerte ; das ist nicht wahr — in weniger als einer Stunde war alles beendigt. Das Königspaar wäre sicher verschont worden, wenn es abgedankt jtitb sofort das Versprechen gegeben hätte, ins Ausland zu gehen. Alexander wäre dazu vielleicht bereit gewesen, aber Draga, die stolze, herrschsüchtige Draga, zögerte — und ich muß gestehen, i ch empfand ein wahres Gefühl der Wollust, als ich ihre zuckenden Glieder im Blute sah. Akt der Ermordung ihrer Brüder und der Minister bin ich unschuldig, darauf gebe ich mein Ehrenwort! Sie dürfen mir ohne Schauder die Hand reichen, Herr Journalist.....
Meine Hand ist nicht mehr rot von Blut. Und dann verkünden Sie es laut in Rkkßland: wenn der Oberst Maschin der Mörder eines Königs und seiner eigenen Schwägerin werden konnte, so geschah es nur, weil er eine: patriotische Pflicht zu erfüllen glaubte und weil er seinen geliebten Bruder rächen wollte."
In ähnlicher Weise hat sich Oberst Maschin auch gegenüber dem Korrespondenten eines Berliner Blattes ausgesprochen. Nach dem Grunde der stets wachsenden Erregung des Offizierkorps gegen das Königspaar befragt, sagte der Oberst: „Ein stadtbekanntes Frauenzimmer wurde trotz aller unserer Gegenvorstellungen zu unserer Königin erhoben. Nrm wollte ihr zuliebe der König ihren Bruder auch noch zum Thronfolger proklamieren lassen. Das stieß dem Faß den Boden aus, und als alle anderen Versuche, ihn ivenigstens davon abzubringen, scheiterten, mußten wir nns selbst helfen. Die beiden Brüder Lunjewitsch warm Lumpen ohne jede Bildung.
Maxim Gorki.
Maxim Gorkis Werke beginnen soeben in einer Volksausgabe in 66 wöchentlichen, zwer Bogen starken Lieferungen ä, 25 Pfg. in guter Ausstattung (mit farbiger Umschlagszeichnung von Wilhelm Schulz) inl Verlage von Bruno Cassirer in Berlin zu erscheinen. Die uns vorerst vorliegende erste Lieferung beginnt mit dem Anfänge der Erzählung „Das Ehepaar Orlow".
Maxim Gorki — der Name bedeutet für die Literatur eine neu entdeckte Welt. Wer kannte vor zwei Jahren in Deutschland wohl diesen russischen Dichter? Und heute ist seiir Name bei uns in aller Münde, und die Verehrer Gorkis — des „Bitteren", denn dies bedeutet sein Name — zählen schon jetzt nach vielen Dausenden. Wer sich nur einmal in die ebenso spannungsvollen wie poetischen Gü- schichten dieses Autors vertieft, der muß ihn liebgewinnen, mklß immer wieder zu diefen interessanten Bänden greifen, die uns so seltsame Menschenschicksale in so meisterlich ent* worfenen und farbenprächtig durchgefüyrten Bildern vorführen.
Durch weite unbekannte Gebiete ist uns Maxim Gorki ein getreuer, stets interessanter Führer. Er läßt jene für den Westeuropäer von geheimnisvollem Mmbus umhüllten Welten vor unserem Auge lebendig werden: mit einer Frische und Kraft der Darstellung, die in der zeitgenössischen Literatur ihresgleichen sucht, schildert er die originellen Reize der Landschaft, die Schauer der Steppe wie die Wunder des Meeres, das Lebeki und Dreibein der bunten Menschenwelt, die diese Landstrecken beiwohnt. Zigeuner, Hirten, Flußschiffer, Vagabunden, Diebe, Bettler, Pilger und allerhand sonstiges „fahrendes Volk" sind, neben den Proletariern der Arbeit seine Lieblingshelden. Was Maxim Gorki in diesen Kreisen, in denen er selbst feine Jugend verbracht, mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hat, das weiß er mit so vollendeter Meisterschaft, in so echten, packenden Zügen wiederzugeben, daß der Leser wie gebannt seinen Dichterworten lauscht und alles, was ihm da erzählt wird, selbst mitzuerleben glaubt.
Aber Maxim Gorki ist mehr, weit mehr als nur ein interessanter Erzähler und Schilderer: er ist ein echter Poet, dessen hellstrahlender Geist nach dem Höchsten strebt, dessen flammendes Herz alles, was Menschenantlitz trügt, mit heißer Liebe unrfängt. Nur die Schurken und Dumm- köpfe, die das Leben verpfuschen, haßt er aus tiefstem Herzen. Diese Tiefe und Macht seiner Leidenschaft, die aus jeder Zeile seiner Dichtungen lodert, dieses echte volle


