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Abreise von Belgien begann, gerade als ihre englische Nachfolgerin int Marienhanse eintraf, nm durch sie in ' ihre neue Stellung eingeführt zu werden, kam ein dringender Ruf nach „Tante Lisa" aus dem Heim ihrer verwitweten Schivester in Surrey. Dort war die jüngste Tochter lebensgefährlich erkrankt und verlangte unablässig nach der gütigen Tante, deren Lieblingsuichte sie stets gewesen war. Die geängstigte Mutter sandte eine Depesche nach der andern, und Fräulein Osborne sah sich gezwungen, hastig das Nötigste zu ordnen und Heim, Schule und Aimee ihrer Nachfolgerin, Frau Rochesord, zu überlassen und anzu- entpfehleit.
„Ich wage es nicht, Sie mit inir zu nehmen, Kind", sagte sie bei ihrem hastigen Lebewohl, „denn Ellens Krank- hett ist sehr ansteckend! aber ich habe mit Frau Rocheford alles genau verabredet. Dies wird Ihr Heim bleiben, bis der August Sie ztt einem besseren führen wird. Schreiben Sie mir oft und erzählen Sie mir, wie es mit Ihrer An- gelegenhett steht."
So blieb denn die arme Aimee einsam und verlassen zurück; und wenn sie auch hoffte, daß! ihre Prnfungs- zeit nicht von langer Dauer fein werde, so hatte sie doch sehr bald llrsache, das Weggehen ihrer mütterlichen Freundin bitter zu beklagen.
In jeder Beziehung war Frau Rocheford das gerade Gegenteil von Fräulein Osborne und ließ deutlich erkennen, daß sie Aimee nnr als ein lästiges Anhängsel betrachtete. Selbst sprachgewandt, tüchtig im Haushalt und Schule, bedurfte sie des jungen Mädchens Hilfe in keiner Weise und wies jedes deratige Anerbieten mit beleidigender Schroffheit zurück. Gegen Ende Juli war Aimees Stellung im Hause denn auch wirklich unhaltbar geworden, und dennoch enthielt sich das arme Kind in seinen Briefen an Frätilein Osborne jeder Klage. Noch weniger aber durfte Richard ahnen, daß sie in anderer als glücklicher Stimmung aus ihn warte; er hatte ohnehin schon Sorgen genug!
Welche Gefühle würden Aimees Herz bewegt haben, wenn sie gewußt hätte, daß die Dienerschaft Westfields ihren Richard bereits als zukünftigen Gutsherrn zu betrachten begann?
„Wir werden über kurz oder lang ein Hochzeitsessen haben", hatte erst in den letzten Tagen der Verwalter lächelnd zu einem der Arbeiter gesagt. „Und mir scheint, Fräuleiit Grahant hätte keine bessere, vernünftigere Wahl treffen können. Ich wüßte niemand, den ich mir lieber als Herrn Morgan zum Gutsherrn wählen würde."
7. Kapitel.
Troß ihres frischen, lebhaftett Wesens und ihrer stets heiteren Laune war es Ellinor Graham im Lause des Sommers nicht gelungen, festen Fuß in der Gesellschaft zu fassen, in die sie so unerwartet eingeführt worden war.
War es nun aus einer gewissen Prahlerei oder nur aus reinem Mutwillen — sie reizte durch ihre Stichelreden die Leute beständig auf. Jetzt scherzte sie über eine, durch den Brauch geheiligte Sitte; dann wieder spöttelte sie über althergebrachte gesellschaftliche Ueberlisferungen und machte, wie Oberst Mellin sich ausdrückte, in der Unterhaltung fortwährend „Känguruhgleiche Sprünge, die Leute dabei auf ihre empfindlichstett Zehen tretend!"
„Aber es ist unmöglich, ihr bös zu sein", bemerkte er zu seiner Frau, die nach Frauenart ihr eigenartiges Wesen weit härter beurteilte, als die Herrenwelt. Frau Mellin beschränkte ihren Verkehr mit Westfields auf einen förmlichen Besuch, wobei Ellinor, die gerade votr der Heuernte heimkehrte, sie zu ihrer großen Entrüstung in ganz untergeordneter Töilette und mit einem riesigen hölzernen Rechen in der bloßen Hand empfing,
Bei Frau Wilson, die Ellinor aufrichtig liebte, zeigte sie sich stets sehr liebenswürdig. Dagegen gewährte es ihr ein besonderes Vergnügen, Fräulein Bassett, die sie ebenso aufrichtig verabscheute, in Schrecken zu versetzen. Die eine ein ihren Fehlern nur mädchenhafte Launen, die im Hande rasch vergehen würden. Die andere dagegen betrachtete ihre Verkehrtheiten als fortgesetzte Beleidigungen, für welche sie sich zu rächen gedachte, sobald die richtige Zeit gekommen sein würde.
Herrn Dr. Wilson zeigte sich Ellinor stets von der besten Seite. Dankbar für alle die Mühe, der er sich ihretwegen unterzog, widersprach sie ernstlich dagegen, daß er in seiner Lieblingsbeschäftigung noch länger durch
sie gestört werde. Herr Morgan konnte jetzt alles ditrch sie besorgen, uttd sie wollte nun ihrerseits dem Doktor helfen bei feinen „Einheimischen Vögeln", wovon jedoch feiner, wie sie behauptete, sich mit der wunderschönen Elster Australiens vergleichen konnte. Als große Naturfreundin hatte sie stets auch der gefiederten Welt ihre Beachtung geschenkt und lieferte wirklich manchen schätzenswerten Beitrag für das wertvolle Buch. Der gute Doktor war voll des Lobes über seine Gehilfin, und ahnte, in seine geliebte Arbeit vertieft, nichts von den Liebesmühen seiner besorgten Gattin.
Das weit scharfsichtigere Fräulein Bassett jedoch durch- fchaute klar Frau Wilson's schwesterliche Plane und schien geneigt, dieselben zu fördern, soweit es in ihrer Macht stand. Und wenn auch die große Verschiedenheit ihrer Charaktere kein vertrautes Verhältnis zwischen den beiden Damen aufkommen ließ, so erkannte doch Frau Wilson ihre stille Mithilfe dankbar an, und vergalt diese durch, fortwährendes Besänftigen Minor's zu Gttnsten der mißliebigen Gesellschafterin.
Fräuleiit Bassett war selbst der Ansicht, daß ihr Auf- eitthalt in Westfields nur noch von kurzer Dauer setn werde; und sie deutete dies auch einmal bei Frau Wilson ml. Es war nach Schluß eines Konzertes in Norwich, das sie auf Ellinor's dringenden Wunsch in Gesellschaft Frau Wilson's und deren Bruder besucht hatten. Vielleicht hatte Ellinor das Ganze nur zur Aufheiterung Richards ver- nnstaltet. Aber merkwürdigerweise hatte der Abend ans ihre eigene eindrucksfähige Natur gerade die entgegengesetzte Wirkung ausgeübt.
Während sie in der Vorhalle standen, um ihren Wagen zu erwarten, fiihlte Richard plötzlich ihre Hand auf seinem Arme heftig zittern und sah, daß ihre dunkeln Augen voller Tränen standen.
„Was ist Ihnen? Was haben Sie?" fragte er erschreckt. „Hat die Musik Sie so sehr angegriffen?"
„Nein, o nein", flüsterte Ellinor, „es ist — es ist — nichts. Nur jenes schreckliche Lied, dieses leidenschaftliche „Komm, Margarita, komm!" aus Suftivan's neuer Cantate — ich bin keine Margarita, das weiß ich, ich bm nur Minor; aber mir war, als ob jemand mich riefe ! O, Herr Morgan," fügte sie bebend bei, „ich — ich — mochte hier bleiben; aber manchmal scheint es mir, als mutzte ich znrückkehren!" Ein Schluchzen unterdrückend und ihr Spitzentuch fester um sich ziehend, schmiegte fie sich, tote hilfesuchend, an ihren Begleiter an.
Nur die Worte, nicyr die Bewegungen des jungen Paares waren den beiden älteren Damen entgangen, lieber Fräulein Bassett's langes Gesicht huschte ein eigentümliches Lächeln. „
„Fräulein Graham erwartet ihren Vater mit großer Ungeduld", sagte sie mit halblautem Tone zu ihrer Gefährtin; „ich hoffe, er wird bei seiner Ankunft zufrtedeit sein mit der Art und Weise, in der seine Tochter über ihre Zukunft verfügte."
„Ich hoffe es ebenfalls", antwortete Frau Wilson, aitgefeuert durch diese nicht mißzuverstehende Beinerkung. „Auf alle Fälle wird Herr Graham finden, daß seine Tochter nicht unter ihrem Stande gewählt hat. Wir Morgans sind ein wenig stolz auf unfern Namen und unsere Vorfahren, Fräulein Bassett."
„Und die Liebe mag jede andere Ungleichheit ebnen, sagte Fräulein Bassett salbungsvoll, um anzudeuten, datz das Spiel noch nicht ganz gewonnen set
„O, die Liebe ist allmächtig", verhetzte Frau Fran Wilson unbefangen. „Sie verleitet uns oft zu viel seltsameren Handlungen, als sie je von Fräulein Graham fordern wird."
Bei dieser sehr allgemeinen Bemerkung wurden Fräulein Bassetts dunkele Züge von einer glühenden Röte über- aossen, die sofort einer ungewöhnlichen Blässe wich. Aber sowohl ihr veränderter Gesichtsausdruck, als Ellinor's nervöse Erregung entzogen sich bald der Beobachtung in dem dunkeln Wagen, der in diesem Augenblick vorfuhr. Herw Morgan wählte feinen Platz neben dem Kutscher und dte kleine Gesellschaft rollte rasch der Heimat entgegen.
Am nächsten Morgen saß Minor, eine ausgezeichnete Reiterin, schon ftühzeitig im Sattel, um nach der Villa hinüber zu reiten. Bon ihrem Vorrechte als Hausfreunou Gebrauch machend, klopfte sie, ohtte abzusteigeu, mit ihre


