Ausgabe 
27.6.1903
 
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1903.- Nr. 94

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Samstag den 27. Juni.

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(Nachdruck verboten.)

Die Namensschwestern.

Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau.

(Fortsetzung.)

Manchmal erfaßte ihn das Verlangen, seinen freund­lichen Schwager ins Vertrauen zu ziehen; aber der Ge­danke, daß Eheleute keine Geheimnisse vor einander haben dürfen, legte ihm stets wieder Schweigen auf. So veir- brachte er denn, Geschäfte vorschiebcnd, fast den ganzen Tag auf dem Flusse oder in den Anlagen von West­fields, und an den Abenden studierte er aus seinem Zim­mer, um vertraulichen Unterredungen mit seiner Schwester ans dem Wege zu gehen.

Ellinor Graham bemerkte diese Veränderung sehr bald.

Ihr Bruder ist in der letzten Zeit ganz anders ge­worden", sagte sie eines Tages zu Frau Wilson, als sie sich wieder einmal uueingeladeu beiiu zweiten Frühstück in der Villa eiugefunden hatte.Warum ist er so still? Hat er etwas, das ihn quält?"

Gilt flüchtiges Lächelu huschte bei dieser Frage über .Frau Wilsons Gesicht.Vielleicht es kann schon sein", versetzte fie gedehnt.

Das ist sehr schade!" ries'Ellinor ganz unbefangen. Können wir ihm nicht darüber hinweghelfen, was es auch sein möge?"

Hm, Sie konnten es vielleicht", antwortete Frau Wilsou bedeutungsvoll, aber doch etwas weniger lebhaft als sonst; denn sie fühlte, daß fie sich auf gefährlichem Bodeu befände.

Ach", sagte Ellinor,dann, ist es wirklich, wie ich dachte", und während eines Zeitraumes vou zwei Mi­nuten eine lange Pause für sie! verhielt sie sich schweigeud, während die ältere Dame in geheimer Er­regung ihre nächsten Worte erwartete. Aus ihrer Träu­merei erwachend, fuhr Ellinor fort:Es würde mir sehr, sehr leid tun, in irgend einer Weise Enttäuschung zu be- reiteu, und ich weiß, er mochte die Arbeit beginnen. Aber ich denke manchmal, es iväre klüger, noch dantit zu warten, daun konnte er mit mehr Befriedigung, mehr Autorität ans Werk gehen. Aber von hier weg darf er nicht, ich kann ihn nicht entbehren. Er ist fa>' sehr gescheidt und stets so hilfsbereit, nicht wahr?"

Frau Wilsou stimmte ihr vollständig bei.

lind Harris hat ihn immer tausenderlei zu fragen, denn es gießt so vieles, was ich nicht verstehe. Ich möchte imssen, ob er damit einverstanden iväre, hier als Ge- schaftsfiihrer kann ich nicht gerade sagen, auch nicht ganz als Herr, aber doch etivas dergleichen zu handeln, bis ich bis nnsern Weg klarer vor uns sehen/"

Fräulein Graham schloß ihre Rede in sichtlicher Ver­legenheit, die sich nur auf eine Weise beinten ließ. Frau

Wilson hatte Mühe, ihre Ruhe zu bewahren, als sie er­widerte, ihre Bruder werde sich gern in jeder Weise nützlich machen, so viel könne sie für ihn versprechen.

Einen Monat später, etwa Ende Juli, können wir alles soviel besser festsetzen", fuhr Ellinor fort,besonders wenn Papa hierher kommt. . Wollen Sie dies Herrn Morgan sagen, bitte? Ich fürchte mich fast vor ihm, er sah in der letzten Zeit so finster aus." Nach diesen Worten versank sie abermals in kurzes Nachdenken, das sie dann plötzlich mit der sehr bestimmten Frage unterbrach:Frau Wilson, meinen Sie, ein Mann müsse viel älter sein, als seine Frau?"

Der meinige ist viel älter als ich", antwortete die Gefragte, nur noch mit Mühe ihr Lachen unterdrückend. Und ich halte auch einen bedeutenden Unterschieds für wünschenswert. Andere sind der entgegengesetzten Meinung."

Also ist es schließlich nur Gefchmacksache", rief Elli­nor aufspringend,und ein paar Jahre mehr oder weniger sind von keiner großen Bedeutung. Und nun leben Sie wohl, Frau Wilson, wir wollen versuchen, Ihren Bruder ein wenig aufzuheitern."

Das wird niemand besser gelingen, als Ihnen", ver­sicherte seine Schwester, sich besonders herzlich von der jungen Erbin verabschiedend. Sie frohlockte im stillen, daß der Preis, den sie für ihren Bilder erstrebte, gewonnen sei und daß er nur die Hand danach auszustrecken brauche.

Aber zu ihrem größten Kummer schien er hierzu durch­aus keiue Lust zu haben. Notgedrungen stimmte er Fräu- leiu Grahams Vorschläge zu, und da er noch immer ohne feste Antwort von Herrn Barker war, fühlte Richard sich durch dieseu Stillstand in den Geschäften aufs äußerste niedergedrückt. Ein paar liebe Worte seiner tapferen Ainree, ein vertrauender Blick aus ihren treuen Augen würden seine Unruhe gedämpft, ihn geduldig gemacht haben; aber von solchem Balsam war er weit entfernt, und den schriftlichen Gedankenaustausch empfand er nur als einen armseligen Ersatz für die ersehnte Wiedervereinigung. Wie oft schon", schrieb er einst,habe ich gewünscht, daß wir, unabhängig von Andern, in St. Petersburg unser Glück probiert hätten. Nun steht uns noch ein Monat banger Trennung bevor; aber was uns dessen Ende bringen wird, ivage ich kaum auszudenken, aus Furcht vor neuen Enttäuschungen. Mit Angst muß und wird dieser Stand der Dinge ein Ende nehmen. Mein einziger Trost ist, daß Du bis dahin in guter Obhut bist."

Ein trauriger Trost wäre es für rhn gewesen, wenn er gewußt hätte, was sich in der letzten Zeit in Brüssel zugetragen hatte. Im Anfänge des Juli hatte die arme Aimee, deren schmerzliche Sehnsucht nach dem Verlobten immer stärker wurde, ein neuer unerwartetM Kummer betroffen.

Gerade als Fräulein Osborue ihre Vorbereitungen zur