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Mancherlei fiel ihm jetzt auf, was er früher der Verwand tschaft in die Schuhe geschoben.
„Heiliger Wirchow, wäre schauderhaft. Wenn ich vom „Taugenichts" noch nichts wüßte, dann könnt' ich ja heilfroh sein. Aber so . . . so . .
Vielleicht war alles nur Einbildung, vielleicht spielte rhm seine Phantasie einen Possen.
Wie man das nur feststellen konnte! Ter Sänftling wußte natürlich nichts. Hm!
Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Mit raschen Schritten trat er in die Zimmer. Rest und Hete saßen wieder zusammen.
Lächelnd ging er auf sie zu.
„Ich muß mich noch entschuldigen, Rest — von vorhin. Ich hab' den Friedrich Rückert doch sozusagen langweilig genannt."
Sie lachte.
„Stimmt das nicht, Fred?"
„Nein", sagte er, „nein, ganz und gar nicht."
„Oho, und woher dieser schnelle Sinneswechsel?"
Ta richtete sich der junge Arzt groß auf, sah seiner Cousine sehr scharf in die Augen und sprach langsam, jedes Wort betonend: „Ich bin zufällig dahinter gekommen, wer dieser Friedrich Rückert ist, das heißt, wer sich hinter diesem Namen versteckt."
Resi Bergmann hatte noch gelächelt. Aber mit einem» male wurde sie rot, wechselte mit der gleichfalls erglühenden Hedwig von Wersen einen schnellen Blick und sagte ohne ihre sonstige Sicherheit: „Ich versteh' Dich nicht. Was meinst Du denn?"
„Lalala, lalala", trillerte er. Und dann: „Uebrigens teile ich Deinen Geschmack. Und nun will ich mal nach dem Josefshöfer sehen."
„Fred!"
„Schönste Cousine?"
, ,Was — was soll denn das eigentlich heißen? Lauter mysteriöse Andeutungen! Unter F-riedrich Rückert soll sich jemand verstecken? Tu teilst meinen Geschmack? Ja, was hast Tu denn?"
„Was Du ebenso genau weißt, wie Fräulein von Wersen."
„Aber, Herr Doktor, wirklich —"
Er lachte lustig.
„Wenn man so rot wird, gnädiges Fräulein, hilft kein -Leugnen."
Resi Bergmann hatte sich gefaßt. Spöttisch sah sie ihren Wetter an.
„Friedrich Rückert ist kein Pseudonym, Fred. Ich meine niemanden anders als den Dichter, den Dichter des „Liebes- srühlings"."
„Liebesfrühling ist richtig, nur das andere stimmt nicht."
„Ach, Tu bist ein —Taugenichts!"
Er fuhr aus.
„Wie? Was?"
„Ein Taugenichts", sagte Rest Bergmann noch einmal und sah ihn an. „Was hast Tu denn? Stört Dich das Wörtchen?"
„Mcht im geringsten. Ich dachte eben . . . Nämlich Mir fiel ein, in Leipzig ist es damals zu einer Schlägermensur deswegen gekommen. Jawohl, ganz recht, in Leipzig, Deshalb fiel mir das. auf. Sonderbar — was?"
„In Berlin", erwiderte Fräulein von Versen, „passiert das wohl nicht?"
Sie war froh, dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können.
„Rein", antwortete Resi leichthin statt seiner, „in Berlin gibt es ja keine Taugenichtse. Oder kennst Tu einen, Fred?"
„Außer Dir nur noch einen."
Sie lachte.
„Und welcher ist der nettere?"
„Ter andere, Resi", nickte er. „Aber jetzt mutz ich wirklich trinken."
Fort war er, Trüben bei den Herren hob sich seine kräftige Gestalt.
Hedwig von Versen rückte ganz dicht ctn die Freundin heran.
„Um Gottes willen, woher kann er das nur wissen?"
„Mit Friedrich Rückert?" Ein Achselzucken. „Uebrigens glaub' ich noch gar nicht d'ran. Vielleicht nur eine Falle gewesen. Na, warte!"
„Was ist denn los?"
„Er soll mir jedenfalls büßen."
Verwundert sah Hedwig von Versen sie an.
„Weil er Tir den Schreck eingejagt hat? Was hat er denn sonst noch verbrochen?"
„Alles!" sagte Rest Bergmann kurz und zerrte an ihrem Taschentuch.
Wenn dieser Fred nicht so groß und so bärenkräftig gewesen wäre, hätte sie ihn am liebsten wie eine Puppe geschüttelt.
„Tu, Hete: warum die Männer nur alle so stark sind! Warum hab' ich nicht mehr Kraft?"
„Tu? Aber Du hast uns in der Pension ja doch alle geworfen?"
Da lachte sie wieder.
„Na, ja, ja! Aber das war auch in der Pension, dar- ling, und es waren doch eben nur Mädels."
Viertes Kapitel.
Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Fred Richter saß wartend in seinem Zimmer. Die Sprechstunde mußte eingehalten werden, wenn sich auch, niemand blicken ließ.
Er hatte sich schon die zweite Zigarre angezündet, obwohl er das Rauchen int Kousultativnszimmer sich selbst verboten hatte. Ab und zu warf er einen Blick in die neueste Nummer einer medizinischen Zeitschrift, die vor ihm lag, doch ebenso schnell schweiften seine Augen wiedev weiter.
Seit gestern drückte ihn etwas, das er nicht los werden konnte. Ziemlich kurz hatte er sich von Kurt Unruh verabschiedet und war nach seiner Wohnung gegangen. Als er Licht gemacht hatte, setzte er sich aufs Bett und zog den rechten Stiefel aus. Er wollte lieber gleich schlafen gehen.
Aber als er den linken Stiefel kräftig anpackte, ließ er die Hand plötzlich sinken.
„Es ist ja kein Zweifel", brummte er und zog die Sttrn in Falten. „Alle beide sind ja krebsrot geworden."
Erregt stand er aus und ging ein paarmal durchs Zimmer, wie er da war.
Rest Bergmann hatte sich verraten. Rest Bergmann liebte ihn oder war wenigstens nahe daran, ihn lieb zu gewinnen. Und er konnte dadurch in die fatalste Lage der Welt kommen.
Tas durfte nicht sein — jetzt nicht mehr. Aber tote das verhindern? Lieber Gott, die Sache lag einfach genug: der Konsul mochte wünschen, daß einer von ihnen beiden — er oder Kurt — Resi heirate. Das Geld blieb gleichsam in der Familie, und er wußte, daß seine Tochter in gttten Händen war. Tie beiden Vettern hatten auch oft genug davon gesprochen, und wenn jedem auch etwas an Resi nicht paßte — eigentlich ernsthafte Bedenken gegen sie hatte doch keiner. Im Gegenteil: sie mochten die Cousine alle beide herzlich gern und waren nicht zum wenigsten ihretwegen so oft im Hause des Konsuls.
Ta hatte er in der. Weinlaüne diesen dummen Vorschlag gemacht, noch einmal die süße studentische Eselei zu durchkosten und den Sommer über stich mit netten Mädels nach Kräften zu amüsieren. Ter Himmel mochte wissen, ob man im nächsten Jahr, noch Junggeselle war.
So kam das Inserat zu stände. Aber das Schlimme war, daß man aus der richtigen studentischen Ulkstimmuug doch schon herausgewachsen war. Tiese Heinen Mädchen mit den weißen Batistkleidern, die nur ja und nein sagten und allenfalls von ihrer geschäftlichen Tätigkeit erzählten, genügten ihnen nicht mehr. Sie wollten plaudern; Kurt verlangte sogar Knnstbegeisterttng und weiß Gott was alles — ja, und solche Damen, dte diesen Ansprüchen gerecht wurden, ließen sich auf Annoncen und Tändeleien nicht eilt. Es war der pure Zufall, daß „Viola" und der „Taugenichts" schrieben. Erwartet hatte es eigentlich, niemand.
Aber nun war das Schöne und Schreckliche einmal geschehen: sie alle beide, er sowohl wie Kurt, hatten sich, in die Unbekannten verliebt, und. an Resi dachten sie immer weniger.
Ta mußte der Himmel es wollen, daß Resi nun ihrerseits sich in ihn verschoß. •
Natürlich, seiner Eitelkeit schmeichelte das ja nicht schlecht. Aber er war doch nicht gewissenlos genug, um eine ungetrübte Freude darüber zu empfinden. Schließlich


