Ausgabe 
26.9.1903
 
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eine große Freude sein. Aber verzeihen Sie, Die haben mein Haus noch gar nicht gesehen." Dann schritt er ihnen voran und öffnete zivei Düren an den Seiten des kleinen viereckigen Vorplatzes:Hier ist mein Studier- und Eß­zimmer, drüben mein Schlafgemach; tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären, meine Herren! Es mag Ihnen wohl recht ärmlich und eng erscheinen, aber vielleicht macht es Ihnen Spaß, die Wohnung eines Seemannspfarrers genauer zu besichtigen." Er öffnete verschiedene Schränke, in denen Bücher, alte Zeitungen und allerhand Flaschen in staubigem Durcheinander zu sehen waren. Ferner zeigte er ihnen den Gang, der aus seinem Studierzimmer in die kleine Küche, links vom Chor der Kapelle führte, und eine ähnliche Verbindung auf der rechten Seite des Kirchleins, zwischen seinem Schlafzimmer und der Sakristei.

War es nun Thymerts schwankender Seemannsschritt, oder der Salzgeruch, oder das seemäßige Aussehen aller Tinge hier im allgemeinen: die jungen Männer' fühlten sich wie auf Brettern und Planken, und würden sich nicht gewundert haben, wenn die Kapelle unserer lieben Frau plötzlich nach Spanien unter Segel gegangen wäre. Auch mehrere einfache Betten waren vorhanden und in einer abgelegenen Ecke ein Platz- um die Ertrunkenen aufzu­bahren, bis der kleine Friedhof sie zur ewigen Ruhe aufnahm.

Sie sehen, wir sind doch nicht so arm auf den Lan- nions, daß wir nicht einem Gast ein Nachtquartier bieten könnten", sagte Dhymert mit bescheidenem Stolze,ich habe sogar einmal, als wir gar keinen andern Platz mehr hatten, einem Fremdling sein Lager dort drüben ange­wiesen", ein bedeutsamer Blick streifte die dunkle Ecke,er schlief deshalb nicht schlechter, da er von nichts wußte, und schließlich lebend oder tot, sind wir alle Menschen!"

Es sollen hier viele Verunglückte ans Land gespült werden?" bemerkte Humor.

Mon dieu oui", erwiderte der Priester traurig.Wenn sie müde sind vom Umhertreiben auf den rastlosen Wogen, so kommen sie und heischen ein ehrliches Begräbnis unter dem Schutz unserer lieben Frau. Erst letzte Woche feierten ^ir ein Leichenbegängnis, das Ihnen gewiß fremdartig genug erschienen wäre. Die Wellen hatten einen armen Burschen bis unmittelbar vor die Tür des Gotteshauses gespült. Der Kommandant derMerle" war gerade hier mit mehreren seiner Leute. Kennen Sie den Kommandan­ten? Er ist ein hochherziger Mann. Sie hätten nur die Worte hören sollen, die er an seine Mannschaft richtete angesichts des Toten, den sie in die Flagge gehüllt hier begruben. Er sagte ihnen, daß dies ftüher oder später das Ende sei, dem er und sie entgegen gingen; es sei aber ganz gleichgiltig, wo einen der Tod ereile, den wackern Mann müsse er stets auf Posten finden. Die See sei des Seemanns Grab, aber dre Wellen, die ihn verschlangen, trügen ihn auch wieder aus Land in einen sichern Hafen. Der fremde Seemann sei jetzt glücklich, in die geliebte; Flagge von Frankreich gehüllt, begleitet von einem letzten Scheidegruß von Seemannslippen, und einem warmen Ge­bet aus Seemannsherzen. ,Ein jeder tue seine Pflicht und schaue dem Tod mutig ins Auge, bann verdient er es, in der Flagge seines Vaterlandes im Grabe zu ruhen und von Wackern Männern betrauert zu werden; dann wird er auch bereit sein zu folgen, wenn ihn die See als ihr Eigentum verlaügt, sei es nun heute, morgen oder erst nach Jahren'. Mut und Pflichtgefühl legte der Komman­dant fernen Leuten ans Herz, er lehrt sie ihnen täglich nicht nur durch Worte, sondern durch fein eigenes Beispiel."

Unb Sie, monsieur le recteur, haben Sie nicht auch gesprochen?" fragte Staunton.

Thymert sah bescheiden auf.Gewiß, nachdem der Trauergottesdienst beendet war, sprach ich zu meinen Bre- tagnern. Ich sagte ihnen so ziemlich dasselbe, nur daß m- sprechen kann wie der Kommandant. Aber meine Psarrkrnder sind an mich und meine Redeweise gewöhnt, und wenn ich ihnen sage, daß wir alle als brave Bretagner leben und sterben müssen, so glauben sie mir."

Sie scheinen einen großen Unterschied zwischen Fran- öv^uunb Bretagnern zu machen, wie mir vor kommt", ließ sich der Professor vernehmen.

m ""d^aiisieur, ich würde mit Frankreich gegen jede andre Nation kämpfen, aber mit der Bretagne wurde ich sogar gegen Frankreich ziehen. Ich liehe Frankreich: ich bin ein

Franzose, aber vor allem bin ich Bretagner", und höher streckte sich Thymerts stattliche Gestalt, fteudiger Stolz schimmerte in seinen Augen.Es ist schade, daß Sie die Rede des Kommandanten nicht gehört haben, Sie würden sie nie vergessen. Me wir alle so dastanden bei der wilden Windsbraut, die einherstürmte, als wolle sie uns und das Grab Hinwegwirbeln. O ja", fügte er lächelnd hinzu,die See wird uns ftüher oder später alle holen, gerade wie der Kommandant sagte! Aber die Herren werden mich ent­schuldigen; ich muß jetzt nach der Sakristei, sonst feuern meine Leute am Ende den Signalschuß, um ihren Pfarrer zum Gottesdienst zu rufen. Also, bis nach der Messe, sans adieux messieurs!" Damit eilte er hinweg unb bald war seine Gestalt in der Tür zur Sakristei verschwunden.

Er war einfach wie ein Kind, gebieterisch !vie ein Herrscher. Als Machthaber aus seinen Inseln, erwartete er auch von seinen Gästen keinen Widerstand. Die jungen Leute hatten ihm mit Ehrerbietung zugehört, es lag etwas seltsam Fesselndes in seiner gewaltigen Persönlichkeit. Thy­mert erschien größer als sie alle, obgleich er in Wahrheit Hamor unb Douglas nicht überragte. Er sprach lebhaft unb schnell, oft wie von plötzlicher Bewegung überwältigt, unb auf seinem Antlitz spiegelten sich alle seine Gefühle unverhohlen unb deutlich ab.

So folgten sie ihm beim in bie Kapelle, in bet sich bie kleine Gemeinbe bereits versammelt hatte. Staunton, ber als guter Katholik in jeber Kirche daheim war, kniete, in tiefe Aubacht versunken, neben einem alten Bettler mit hölzernem Stelzfuß, bie beiben anbei en musterten inbessen kritischen Blicks bas einfache kleine Gotteshaus. Es war nur mit wenigen grellbunten Bildern geschmückt; am Hochaltar bas roh in Holz geschnitzte Bildnis ,unsrer lieben Frau zu den Inseln', das mit ärmlichen Papier­blumen und Gold- und Silberflittern aufgeputzt war, alles von der scharfen Seeluft stark mitgenommen.

Wie kann nur ein Mensch vor dieser entsetzlichen Figur andächtig gestimmt werden", dachte Hamor bei sich,ich will ihm wirklich einmal ein anständiges Bild malen."

Insgeheim machte er bie Bemerkung, daß die ganze kirchliche Handlung etwas Hastiges an sich trug unb Thy­mert sichtlich beflissen war, keine Zeit zu verlieren. Nicht baß ihm bie nötige Würbe gefehlt hatte, gewiß nicht, aber in feinen Bewegungen am Altar lag etwas seltsam Herrisches, als stehe er auf bem Hinterbeck, um Befehle ßn erteilen, sein kleiner Ministrant hatte offenbar Mühe, ihm zu folgen. Seine Stimme war rauh unb stark, aber ihr fehlte jenes fingenbe Legato, bas wir am Priester gewöhnt finb, unb ber Raum erschien zu eng für feine überströmende Lebenskraft.

Schon nach unglaublich kurzer Zeit war die Messe be­endet, und hinaus drängte die Schar der Gläubigen, meist aus Weibern und alten, abgedannen Seeleuten bestehend. Zunge Männer waren nicht darunter, da das Wetter schön und die Boote fast alle in See waren.

Nun kam auch Thymert ohne die Stola mit wiegendem Schritt in der alten Soutane durch die Kapelle gegangen: In dreiundzwanzig Minuten hab ich alles abgemacht"/ rief er triumphierend seinen Gästen zu,und nun, Messieurs, wollen wir uns an das Frühstück machen, meine gute Brigitte hat ihr Möglichstes getan."

Keiner von den jungen Leuten hat jemals dieses ein­fache Frühstück auf den Lannious vergessen, der kleine Mi­nistrant flog hin unb toieber, sie zu bedienen, der junge Geistliche mit dem dunklen ausdrucksvollen Kopf machte den Wirt unb während sie saßen und sprachen erhob sich ber alte atlantische Ozean gewaltig. Sein Brausen schlug an ihr Ohr unb bie brandenden Wellen, auf benen sich das helle Sonnenlicht brach, spritzten den Schaum in Regen­bogenfarben bis an bas Fenster ber Kapelle.

Dann brachte Thymert ein paar verstaubte mit Spinn­weben bedeckte Flaschen zum Vorschein.Die wollen wir zusammen leeren", rief er freudig,sie sind ein Geschenk meines guten Bischofs". Dabei füllte er bie Gläser und kredenzte sie ihnen mit warmer Gastlichkeit. Sein ganzes Wesen war offen, heiter, beinahe zutraulich zu nennen. Es wirkte ganz unwiderstehlich auch seine Gäste offen­barten nur die sonnigste, beste Seite Mer Natur.

So tauge sie von den Lannious, von Plonveuee und von der Bretagne sprachen, zeigte er sich als ein sehr wohl unterrichteter, gut bewanderter Mann. Wenn sich bann die Unterhaltung auf irgend ein Thema lenkte, das