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glauben. Fürstin, ich bin auch kein Heiliger, ich bin gleich­falls der Versuchung begegnet und habe ihr nicht immer widerstanden. Gott weiß, wie schwer es den Männern fällt, immer das Rechte zu tun; wieviel hundertmal schwerer ist es für die Frauen! Als wir damals in Paris miteinander sprachen und ich Ihnen meine armselige Freundschaft an­bot, tappte ich nicht im Dunkeln; ich wußte schon damals soviel, wie ich jetzt weiß. Fürstin, ich wußte von den Doku- menten der Armenliga, ich wußte mehr, als jeder anders, -- Stephan Lanowitsch ausgenommen, und er selbst hat mir alles erzählt."

Er streichelte ihren Arm, wie man ein weinendes Kind streichelt, und die Berührung seiner breiten, großen, dickeü Hand hatte etwas Beruhigendes, Tröstliches an sich.

Etta hörte auf zu schluchzen und sah mit gesenktem Kopfe da, indem sie durch ihre Tränen hindurch in das flackernde .Holzfeuer blickte.

_ Wahrscheinlich begriff sie gar nicht die große Güte dieses Mannes; denn die Fähigkeit zum Bösen geht an einem gewissen Punkte in die Unfähigkeit über, das Gute zu verstehen.

Ist das alles, Ivas er Iveiß?" fragte sie sich.

Ter Gedanke, daß Robert Beaumont nicht tot fet, über­taubte jede andere Angst in ihrem Herzen. Es war, als hätte er sie teilweise verstanden.

Ich iveiß so viel, daß es das beste wäre, mir noch alles übrige zu erzählen; ich bot Ihnen meine Freundschaft an, weil ich der Meinung war, daß kein Weib solche Schwierigkeiten ohne Hilfe ertragen kann. Fürstin, die Bewunderung des Barons Chauxville mag wohl ange­nehm sein, aber ich wage zu behaupten, daß meine Freund­schaft wertvoller ist."

Etta erhob ein wenig den Kopf.

Noch eine Sekunde, und sie hätte Karl Steinmetz ge­sagt, in welchem Bann der Baron sie hielt. In Stein­metz lag etwas, das Eindruck auf sie machte, etwas, das durch den dicker: Panzer der Eitelkeit, durch die Härte ihrer weltlichen Erfahrung hindurch eine weiche Stelle in ihrem renne Den Baron seit fünfundzwanzig Jahren", fuhr er fort/ und Etta schob ihr Geständnis hinaus.Mr waren nie gute Freunde, das muß ich zugeben. Ich bin Fürstin, aber Chauxville ist ein Schurke. Vielleicht werden Sie eines Tages, wenn as zm spät ist, entdecken,^ daß es für Pauls Glück, für Ihr Glück, für das eine« jeden gut gewesen wäre, wenn Sie nichts mit Claude von Chauxville zu tun gehabt hätten. Ich will ^hnen diese Entdeckung ersparen. Wollen Sie meinen Rate folgen? Wollen Sie mir alles sagen, was der Baron von Ihnen weiß und je gegen Sie benützen kann? Wollen

V1W in meine Hände geben? Wollen Sie es mir überlassen, ^hren Kampf für Sie zu führen? Allein ver- mogen Lie es nicht. Glauben Sie doch an meine Freund­schaft, mehr verlange ich nicht.:"

Etta schüttelte den Kopf.

. "3$ habe Ihnen nichts gu sagen", antwortete sie, und ihre stimme klang viel zu leicht, viel zu oberflächlich viel zu seicht für die Bedeutung des Augenblicks. 1

-T1,6 kachle nur an Robert Beaumont, an jenes ge­fürchtete Geheimnis, und kämpfte mit den Waffen, die sie verbMfsendsten ^ren wußte, mit den leichtesten, raschesten,

Wie Sie wollen", sagte Steinmetz.

33. Kapitel.

Vor dem Sturm.

Eine russische Dorfschenke mit einer rauchenden Lampe, an der der Chünder zerbrochen ist; die fettigen Vorhänge sind dicht vor die schmalen Fenster gezogen, um den leisesten Zug abzuhalten. Der russische Bauer liebt den Zug Nicht; in der Tat, er haßt die frische Himmelslust. Eine Luft, die bereits drei- oder viermal eingeatme't wurde, ist die richtige sur ihn, denn sie ist wärmer.

riecht es nach Branntwein, denn große S w V?' längs des langen Tisches. Die Nachricht, luua itvSCsm ^nbmtn bec Schenke, wo eine Versamm- wil? fin Branntwein zu haben ist, soviel man

m L w Jtd> ch Osteruo verbreitet, und selbstverständlich ist die^Versammlung stark besucht. 111

in Mterchen, die Zeit der Kapitalisten

hL w ent Redner.Die Reichen, die Fürsten die Edelleute, die großen Kaufleute, die Monopolisteu A

tern, denn sie wissen, daß der arme Mann endlich aus seiner langen Lethargie erwacht. Was haben wir in Deutschland getan? Was haben wir in Amerika getan? Was haben wir in England und Frankreich getan?"

Und er schlug mit seiner ungewaschenen Faust so nachs- drücklich auf den Tisch, daß mehr als einer der Zuhörer erschrocken nach seinem Glase griff, damit ja kein Tropfen der kostbaren Flüssigkeit verschüttet werde.

Niemand schien zu wissen, was in Deutschland, Ame­rika, England oder Frankreich getan worden sei. Die Bauern von Osteruo starrten den Redner unter ihren buschigen Augenbrauen hervor an; die Hälfte von ihnen verstand ihn überhaupt nicht, und ein paar der Intelligen­teren erwarteten, daß er seine eigenen Fragen beantworten werde, was er jedoch nicht tat.

Der Redner, ein starker, breitschulteriger Kerl, blickte triumphierend im Kreise umher. Offenbar hatte er seins Rede auswendig gelernt, wahrscheinlich aus einer ge­druckten Flugschrift, die er und seinesgleichen im Lande zu verbreiten hatten.

Wir haben euch aus der Ferne beobachtet, wir haben eure Sorgen und Kümmernisse, eure Krankheiten, e>uren Hunger gesehen", fuhr er fort.Die Mänuer von Twer sind tapfer, treu und standhaft, sagten wir uns> wir werden ihnen von der Freiheit erzählen. Darum bin ich zu euch gekommen, und freue mich euch zu sehen. Alexander Alexandrowitsch laßt die Flasche herumgehen. Ihr seht, Väterchen, ich komme nicht um Geld zu euch; uein, wir brauchen euer Geld nicht, das beweisen wir, indem wir euch Branntwein geben, so viel ihr wollte. Füllt die Gläser, Väterchen, füllt die Gläser!"

Diesen Teil der Rede verstanden die Väterchen von Osteruo sehr gmt und beeilten sich ihr zu gehorchen.

Und jetzt wollen wir von Geschäften reden", fuhr der Redner fort.Ich, glaube, wir verstehen einander?"

Er sah sich lächelnd abermals im Kreise um uud sah lauter Gesichter, die wohl brutal genug waren, um seinen Zwecken zu entsprechen, aber nicht das mindeste Verstände

Der arme Mann hat nur ein Mittel, seinen Willen durchgusetzen, das ist die Gewalt. Die Zeit ist jetzt ge­kommen, wo wir unsere Kraft zeigen können. Alle Menschen sind gleich, Knecht und Herr, Bauer und Fürst. Warum geht chr nicht in das Schloß hinauf und sagt dem Manne dort oben, daß ihr hungert uud daß ihr nicht hungern und sterben wollt, während er Kaviar und teure Pfirsiche von goldenen Tellern uud Schlüsseln ißt? Aber er wird nicht aus euch hören, er wird euch nicht einmal ein paar Kru­men von seinen goldenen Schüsseln geben. Aber wohex hat er seine Millionen? Ja, woher hat er sie, sagt mir

Wieder erhob sich die fragende, ungewaschene Faust, aber während die rollenden Augen des Redners durch das Zimmer schweiften, erblickten sie eine Gestalt nKen der Tür, einen Mann, der alle im Zimmer um ein bis zwei Kopfe überragte, einen Mann, der in einen alten, grauem Rock gehüllt war und ein Wolltuch um den Hals trug, das sein Gesicht halb verbarg.

Wer ist Idas?" schrie der Redner unruhig.Das ist kein Bauer, das ist ein Spion! Kommt er her, um uns zu verraten?"

Ja, fragen Sie nur, wer ich bin, sie wissen es gut genug", antwortete der Riese.Es ist nicht das erste Mal, daß ich ihnen sage, daß sie Narren sind; ich sage es ihnen jetzt wieder; sie sind Narren, daß sie einem solchen Wind- beutel zuhören."

Wer ist das?" schxie der bezahlte Agitator, hochrot vor Zorn.Wer ist dieser Mann?"

Es ist der Doktor von Moskau", sagte jemand neben ihm.Der Doktor von Moskau."

Das ist kein Doktor", schxie der Redner,das ist ein Spion, ein Regierungspion! Er hat alles gehört, er hat alles gesehen! Brüder, der Manu darf das Zimmer nicht lebendig verlassen; tut er es, so seid ihr ver­loren !"

Ein paar von den Gewalttätigeren sprangen auf und drängten stürmisch, der Tür zu, Der Agitator schrie, kreischte, hetzte, nahm sich aber wohl in acht, den sicheren Hintergrund zu verlassen.

Paul stand mit dem Rücken gegen die Tür, ohne sich von der Stelle zu rühren.