Ur. 126

1903

Mittwoch den 26. August. /;?.. Z- M)

DM

(Nachdruck verboten.)

Schloß Osterno.

Roman von S. M e r r i m a n.

(Fortsetzung.)

Im Schlosse schien alles in Ordnung zu sein. Der Stallknecht in seinem großen Schafpelz wartete in der Ein­fahrt, die Diener rissen das riesige Tor auf und standen respektvoll in dem iuarmen, glänzend erleuchteten Vestibül, Während ihr Herr hereinfuhr.

Wv tj't die FWfkln?" fragte Steinmetz seinen Diener, während er die Spuren eines weiten Wegejs im Freien rasch entfernte.

Im Salon, Euer Gnaden."

Geh' hinüber und frage sie, ob ich in ein paar Minuten eine Tasse Tee bei ihr trinken kann."

Ein paar Augenblicke später erschien Steinmetz in der Tür des kleinen Salons, der sich an Ettas Gemächer anschloß.

Er fand die Fürstin in einem tadellosen Teekleide neben einem mit silbernen Teegeräten bedeckten Tische; der zier­liche Samovar, die winzige Teekanne, die Spirituslampe und alles übrige zeigte die wundervolle Silberarbeit des Slavonski-Bazars in Moskau.

Sie sehen, ich habe Ihren Befehlen gehorcht", sagte sie mit dem Lächeln, das sie, stets für Männer bereit hatte.

Steinmetz verbeugte sich ernst, er war einer der wenigen Männer, die diesem Lächeln gegenüber stark bleiben konnten.

Dann schloß er sorgfältig die Tür hinter sich, ohne ein Wort darüber zu sagen, daß sie seinen Wunsch, mit ihr allein zu sprechen, richtig verstanden habe.

Etta war ziemlich blaß, und trotz des Lächelns lag ein ängstlicher Ausdruck in ihren Augen. Dieser Mann flößte ihr Furcht ein. Sie betrachtete die Flamme des Samovars und beschäftigte sich mit hübsch gebogenen Fin­gern und raschelnden Aermeln mit dem Teegerät, aber der Tee wurde nicht fertig.

Ich fange an zu glauben, daß Sie eine Art. graziöser Sturmmöve, eine Art schöner, wandernder Jüdin sind", sagte Steinmetz, in seiner derben Weise gckradeswegs auf sein Ziel losgehend.Wohin Sie kommen, gibt es ein Unglück."

Cie starrte sein breites Gesicht an, vermochte aber nichts darauf zu lesen.

Was habe ich denn schon wieder verbrochen? Wie Sw mich hassen, Herr Steinmetz!"

Vielleicht ist es besser, als Sie zu lieben", ant­wortete er

Sie sind wohl nur hergekommen, um mich zn schelten", sagte sie mit einem sonderbar resignierten Ausdruck, der jeden anderen entwaffnet haben würde.Vielleicht wollen Sie gar keinen Tee?"

Nein, ich brauche keinen Tee."

Sie löschte die Spirituslampe, und die friedliche Musik des Samovar verstummte.

Sie sind furchtbar ernst", sagte sie.

Die Lage ist furchtbar ernst", antwortete er.

Etta blickte zu ihn: auf, und das Licht der Lampe, das aus das volle Oval ihres Gesichtes fiel, ließ es weiß und verzerrt erscheinen.

,Fürstin", fuhr Steinmetz fort,es gibt int Leben Zeiten, wo wir aufhören, Mantt und Weib zu sein, und, nur noch Menschen sind. Es gibt Zeiten, meine ich, wo bte ynnverreriel C-Msiüsse des GefMcchtes durch einen Schräg des Schicksals vernichtet werden. Solch eine Zeit ist jetzt da. Wir müssen vergessen, daß Sie ein schönes Weib sind, wahrhaftig, ich glaube, es gibt in der Welt kein schöneres; ich kannte einst eine Frau, die ich, mehr bewunderte, abejr das kam nicht daher, weil sie schöner war als Sie, das ist jedoch meine eigene Geschichte, und dies" er? hielt inne und blickte sich in dem mit raffiniertem Luxus ausgestatteten Gemache umdies ist Ihre Geschichte. Wir müssen vergessen, daß ich ein Mann und daher dem; Einflüsse Ihrer Schönheit unterworfen bin."

Sie saß regungslos da und starrte in sein ernstes, kraft­volles Gesicht, in dem keine Muskel zuckte.

Ich weiß, daß Sie mutig sind, und bitte Sie, zu glauben, daß ich nichts übertreibe", fuhr er fort.Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, statt es Paul zu über­lassen, denn ich kenne seine Furchtlosigkeit, sein blindes Vertrauen in diese Leute, die dessen unwürdig sind. Er begreift den Ernst der Lage nicht; es sind seine eigenen Leute, und ein Seemann glaubt nie, daß sein eigenes Schiff seeuntüchtig ist."

Weiter", murmelte Etta, denn er hielt inne.

Untere Ban er n stehen vor dem Ausbruch, einer Em­pörung", fuhr er fort.Sie lernten den russischen Bauern, es wird keine Pariser Entente fein, halb Spektakel, halb Gelächter. Wir dürfen uns keine Hoffnung machen, dies alte Schloß gegen sie zu halten; wir können auch nicht fort, nur können auch nicht um Hilfe senden, da wir niemand haben, den wir schicken könnten. Fürstin, jetzt ist nicht die Zeit zu halben Geständnissen. Ich weiß, denn ich kenne diese Leitte sogar besser, als Paul sie kennt, ich bin fest überzeugt, daß diese Dinge nicht ihrem eigenen Gehirn entspringen, sondern daß jemand sie an­treibt, daß jemand hinter ihrem Rücken steht. Das ist keine Bauernrevolte, die von Bauern organisiert wird. Fürstin, Sie müssen mir alles sagen, was Sie wissen!"

Ich, ich", stammelte sie,ich weiß von nichts."

Aber mit einemmal brach sie in Thränett aus und verbarg ihr Gesicht in einem winzigen Taschentüchlein.

Tas war ihr so unähnlich, ivar so plötzlich, daß Stein­metz betroffen wurde.

Er legte seine große Hand beruhigend auf ihrett Arm.

Ich 'weiß", sagte er leise,ich weiß mehr, als Sie