371

fn einer so wichtigen Sache keine hastige Entscheidung zu treffen.

Richard Morgan war tote auf die Folter gespannt; die eigene Häuslichkeit schien ihm wieder in weite Ferne ge­rückt, es war ihm nicht einmal möglich, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann er Aimee nach England abholen könne. Jeder seiner Briefe, dieser ersten schüchternen Liebesbriefe seines Lebens, verriet die trübe Stimmung, in der er sich befand. Endlos zogen sich ihm die Tage dahin, und die frische, heitere Laune, die er mit herübergebracht hatte, wich unter dem Einflüsse steter Sorge wieder der früheren Zurückhaltung.

(Fortsetzung folgt.)

Parlamentarische Glossen aus alter und neuer Zeit von W. H. N o r d h e i nt.

(Nachdruck verboten.)

Angenehme Temperatur im preuß. Herren­hause herrschte für den Kriegsminister von Roon, als er am 23. Januar 1862 den Gesetzentwurf wegen Mänderung der Verpflichtung zum Heeresdienste einbrachte.

Autorität, nicht Majorität, ein Schlagwort, das aus einer Rede des Professors Stahl im Erfurter Par­lament am 15. April 1850 herausgeschält worden ist.

Bassermannsche Gestalten, Bezeichnung für zerlumpte Galgenvögel, ein geflügeltes Wort aus einer Be­richterstattung des Abgeordneten Bassermann im Frank­furter Parlament vom 18. November 1848 über die da­maligen Zustände in Berlin.

Bei Philippi sehen wir uns wieder rief der Abgeordnete Bebel im Reichstage (1903) seinen Gegnern mit Bezug auf die kommenden Reichstagswahlen zu. (Citat aus Shakespeares Caesars

Best geh ter Matlu sagte Fürst Bismarck im preußischen Landtage am 16. Januar 1874 von sich selber. Aehnlich drückte sich O'Connel (11874) aus, der sich deu b e st verleumdeten Mann der drei Königreiche nannte.

Blut und Eisen. Tas von Otto von Bismarck in der Budgetkommission des preußischen Mgeordnetenhauses am 30. September 1862 ausgesprochene Wort lautet:Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Blut und Eisen". Die Dichter Arndt und Schenkendorf haben in ähnlichem Sinne vonBlut und Eisen" gesprochen.

Catilinarische Existenzen, ein in derselben Sitzung von Bismarck gebrauchtes Wort für Personen, welche gleich deut Römer Catilina, da sie nichts zu verlieren haben, alles daran wagen.

Das läßt tief blicken, meinte der Abgeordnete Sabor im Reichstage (am 17. Dezember 1884), wobei er sich tief zur Erde beugte. Er war nämlich davon über- zeugt, daß die Regierung sogar Diäten zu bewilligen bereit sei, wenn der Reichstag in eine Verfassungsänderung willi­gen würde, und das ließ ihn so tief blicken.

Den Stier bei den Hörnern packen, ist schon ein ge­fährliches WagniD, aber den Stier bei der Stirn­locke fassen, wie ein Abgeordneter im Reichstage meinte, dürfte noch waghalsiger sein.

Der ehrliche Makler ist Fiirst Bismarck, wie er sich im Reichstage am 19. Februar 1878 selbst als solch eu bezeichnete. Er denke sich, sagte er, die Vermittelung des Friedens (zwischen der Türkei und Rußland) als die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zu stände brrnge. Die Russen haben ihm freilich für diese Ver­mittlerrolle wenig Dank gezollt.

Der sogenannte arme Mann ist ein Ausdruck des Grafetr Ballestrem im Reichstage von 1879. Ein fegen an n ter armer Mann ist kein armer Mann, also gehören m diese Kategorie auch nicht die Arbeiter, die tu beit Ausstand nur treten, um höhere Löhne zu erwirken. - , ,.?*er ® Mre *ritt w o hi ein en S ch r itt zurü ck, behalt aber das Ziel fest im Auge. 'So äußerte sich der damaltge Mtutster des Auswärtigen Freiherr O. v. Man-

TfiKn* be5 preußischen zweiten Kammer am 3. Dezem- ver 1850, nach den Tagen von Olmütz, wo Preußen sich vor Oesterreich gedemütigt hatte. + 13 1

- e Börse wirkt wie ein Giftbaum, sagte der Handelsmimster v. Maybach im preußischen Slbgeordneten-

häuse am 12. November 1879. Namentlich wirkt das Börsen­spiel tätlich auf solche, die das Spekulieren nicht ver­stehen.

DieDemvkratie ist in dem Lager, ivoPreu- ßensFahnenwehen, sagte der Breslauer Abgeordnete Ziegler, Mitglied der Fortschrittspartei, kurz vor dem Ausbruch des preußisch-östreichischen Krieges int Jahre 1866. Ob noch heute ein Demokrat so sprechen würde?

D i e G r ü n d e der Regierung kenne i ch n i ch t, aber ich muß sie mißbilligen, meinte der Abge­ordnete Kell in der zweiten sächsischen Kammer am 15. Februar 1849. Etwas nicht kennen und doch mißbilligen, ist selbst einer Regierung gegenüber starker Tabak.

DieHaudeleihat ein Ende, Gott sei Dank! sagte der Reichskanzler Caprivi im Reichstage als ein Aus­gleich auf dWmittleren Linie" durch den Freiherrn von Huene gewonnen und die Militärvorlage damit ange­nommen war. Aehnlich war dieHändelei" nm den Zoll­tarif im verflossenen Reichstage.

Die Politik der freien Hand hatte sich Preußen nach dem Ausspruch seines Ministers des Auswärtigen von Schleinitz im östreichisch-italienischen Kriege gewahrt. Bismarck wiederholte das Schlagwort im Jahre 1864.

D o u t des (lat.)i ch g e b e, d n m i t D u g e b e st", im römischen Recht ein sogenannter Jnnominal-Vertrag. Der große Realpolitiker Bismarck hat öfters in diesem Sinne d. h. von Leistungen und Gegenleistungen zweier Parteien gesprochen, und darauf verstand er sich meister­haft.

Ein Appell an die Furcht findet in deut- chen Herzen niemals ein Echo, sagte Bismarck m Zollparlament am 18. Mai 1868. Bekannter ist das ge- lügelte Wort:Wir Deutsche fürchten Gott, aber onst nichts in der Welt", das in der Reichstags- itznng vom 6. Februar 1888 gefallen ist.

Ein Tropfen demo kr a tisch en O els. Im Frank­furter Parlament schloß Uh land seine Rede (am 22. Jam 1849) mit den Worten:Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropsen demokratischen Oels ge­salbt ist".

Elende würden sich fortan die Sozialdemokraten als Ehrenname beilegen, tote einst die Geusen, d. h. die Bettler in den Niederlanden, erklärte der Abgeordnete Bebel int Reichstage am 21. Januar 1903, indem er auf ein aus dem Munde oes Kronprinzen gefallenes Wort:Die Elenden" anspielte. Der Abgeordnete vergaß hinzuzusetzen, daß die Geusensich treu dem Könige, bis zum Bettelsack" zu bleiben erklärten, ivas man bekanntlich von den L-ozial- demokraten nicht erwartet.

Er lügt wie telegraphiert, ein Citat Bis­marcks im Herrenhause am 13. Februar 1869. Die Tele­gramme haben in der Tat heute eine gewisse Aehnlich- keit mit denTartarennachrichten".

Aus dem englischen Parlamentsleben stammt die scherz­hafte Bezeichunng:Hammelsprung" für die Art der Zählung des Hauses int deutschen Reichstage.

Ich besitze weder Ar noch Halm, meinte der Reichskanzler Caprivi int Reichstage, womit er audeuteu wollte, daß er kein eingefleischter Agrarier sein könne.

In Geldsachen (bei Geldfragen) hört die Ge­mütlichkeit auf, ein Ausspruch David Hansemann's int Vereinigten Landtage von 1847. Der spätere Finanz- miuister Hansemann mußte das allerdings wissen.

Macht g e h t v o r R e ch t, dieses nach der Auffassung des Grafen v. Schwerin am 13. Mürz 1863 dem Minister­präsidenten Bismarck zugeschriebene Wort hat derselbe nie gesagt. Die Nebersetzung Luthers von Habakuk (I, 3):Es geht Gewalt über Recht" ist in einem anderen Sinne leicht auszulegen.

Nach Canossa geheu wir nicht, ein geflügeltes Wort des Fürsten Bismarck im deutscheit Reichstage, ge­sprochen am 14. März 1872, also zur Zeit des Kulturkampfes. Der demütigende Gang des Kaisers Heinrich IV. nach dem Schlosse Canossa (in der italienischen Provinz Reggio uell Emilia), wo er vor dem Papste Gregor VII. vom 25.-28. Januar 1077 Buße tat, ist jedem Geschichtskundigeu bekanut.

Passiver Widerstand. Der Präsident der Ber­liner Nationalversammlung von Unruh, sagte in der Nacht vom 9. zum 10. Novemb er 1848, als die Bürgerin ehr und Gewerke bewaffneten Schutz der Versammlung anboten: