370
verdankt ja tatsächlich ihr gutes Glück nur Fräulein Bassett."
„Wie ist dies zu verstehen?" fragte Oberst Mellin, und auch Richard Morgan blickte gespannt auf.
„Hm, das ist eine seltsame Geschichte", versetzte Doktor Pott. „Einem Herrn Kollegen erzählte ich sie schon. Sie erinnern sich vielleicht, daß der junge Gutsherr stets sehr freundlich gegen mich war, und als er Bridgeham verlassen hatte, schrieb er mir mehrmals von Australien. Er bemerkte nur, daß es ihm gut gehe; später erwähnte er auch Frau und Kinder, letztere in einer Weise, die mir eine weichere Stimmung gegen seine Mutter zu verraten schien. Kurzum, ich setzte es mir in den Kopf, daß eine Versöhnung mit der alten Dame möglich sei und machte tatsächlich einen Versuch dazu. Aber wie hatte ich mich geirrt! Frau Graham schien anfangs ganz erstarrt über meine Kühnheit, dann aber wurde sie kreideweiß vor Wut und verabschiedete mich in einer Weise, die einem moralischen Hinauswerfen glich. Ich gelobte mir damals, nie wieder bei ihren Lebzeiten dieses Haus zu betrejten. Später glaubte ich bei Fräulein Bassett Interesse für den unglücklichen, Sohn zu bemerken. Sie fragte nach seinen Kindern und ich erzählte, daß er deren vier besitze, und seine zweite Tochter nach der Großmutter Ellinor genannt habe. Dabei sprach ich die Hoffnung aus, daß sie gelegentlich ein gutes Wort für die Kinder einlegen möge. Und sie mußte es getan haben, denn auf keine andere Weise konnte Fräulein Ellinor im Testament ihrer Großmutter als Universalerbin bezeichnet werden. Tie alte Dame hätte ihrer Gesellschafterin wohl ein paar Tausend hinterlassen können; ich glaube, sie verdiente es."
„Sie hatte stets ein sehr hohes Gehalt, wie Frau Grahams Bücher beweisen", sagte Tr. Wilson; „also kann sie doch mttjt so übel dran sein. Ihnen, Pott, hätte aber eigentlich eine besondere Belohnung gebührt für Ihre wertvolle Auskunft in jenen Tagen. Wären auch Sie nicht im stände gewesen, mir Arthur Grahams Adresse zu geben, als Fräulein Bassett mich an Sie verwies, so hätte ich vielleicht monatelang nach der Erbin suchen müssen — Australien ist ein großes Land."
Oberst Mellin lenkte jetzt die Unterhaltung in andere Bahnen, und der Herrin von Westfields wurde nicht mehr Erwähnung getan, bis die Herren sich wieder im Salon den Damen zugesellten. Frau Wilson begrüßte ihr Erscheinen ncit wahrer Erleichterung, denn es war ihr gänzlich mißlungen, ihre drei Gäste auch nur zu einem leidlichen Einvernehmen zu bringen. Mit einem merkwürdigen Mangel an Takt hatte die sonst so gutherzige Ellinor sich förmlich in Eifer geredet über die, wie sie es nannte, Albernheiten von Rang und Ansehen in der englischen Gesellschaft. Sie gedachte ganz nach Belieben ihren Umgang zu wählen, erklärte sie. Tie nette Krämersfrau aus dem Dorf wollte sie manchmal zum Tee einladen — warum auch nicht? Und in diesem halb mutwilligen, halb ironischen Tone ging es weiter, bis Frau Mellin, eine Dame, die von Gebürt an die Lehre von den Standesunterschieden gleichsam als einen besonderen Glaubensartikel betrachtet hatte, sprachlos vor Entrüstung in ein eisiges Schweigen versank. Fräulein Bassett verhielt sich ebenfalls sehr still, und die arme Frau Wilson sing gerade au, ernstlich zu bereuen, die junge Australierin so ohne weiteres bei der einflußreichsten Dame der Gegend eingeführt zu haben, als die Anmnst des männlichen Elements der peinlichen Lage ein Ende machte. Während die ältere Gesellschaft durch die Bemühungen des guten Tr. Wilson nun bald in eine Unterhaltung geriet, hatte Richard auf einen Wink seiner Schwester den leeren Platz neben Ellinor eingenommen. Diese begrüßte ihn als alten Bekannten und plauderte in ihrer frischen Weise Don diesem ititb jenem, bis sie schließlich auch mit kindlichem Vergnügen der Juwelen ihrer Großmutter erwähnte, die ihr später noch zufallen würden.
„So sind dieselben noch nicht in Ihrem Besitz?" fragte Richard.
„Nein, und es ist hart für mich, ihnen fern zu bleiben. Gleich nach Großmamas Tod verschloß Herr Tr. Wilson den ganzen Schmuck in ein Pult im Ankleidezimmer und drückte zwei große, rote Siegel auf das alte Möbel. Natürlich durfte ich sie erbrechen, aber Fräulein Bassett jagte1, das Pult habe einst Papa gehört und sei stets verschlossen gehalten worden. So dachte ich denn, er verwahre vielleicht wertvolle Andenken darin und beschloß, es nicht zu öffnen,
bis er herüber laute oder mir schriftliche Erlaubnis dazu gäbe. Armer Papa! Es macht ihm vielleicht Freude, wenn dies kleine Besitztum unberührt bleibt. Ich glaube, Sie würden sich gut mit ihm verstehen, Herr Morgan. Er ist. so klug und gut."
Tiefe freundliche Rücksichtnahme auf ihres Vaters mög- lichen Wunsch — ein Zug, der an Aimee erinnerte — ließ; Ellinor sehr in seiner Gunst steigen.
„Haben Sie nicht Verlangen, Ihren Vater wiederzu- sehen?" fragte er.
„Manchmal ja, und ich erwarte ihn auch sehr bald. Er wird Sie natürlich hier sehr beschäftigt finden, ich möchte, daß Sie mich in all' meinen Plänen unterstützen. Vielleicht wird auch Mama mitkommeu. Sie ist sehr ruhig — o so ruhig! Gewandt in ihrem Hauswesen und ängstlich besorgt, aus meiner Schwester und mir feine juiiste Tarnen zu macheu. Helene ist zahm und gelehrig; und ich war es nie. Möglich, daß auch noch einige von den Anderen mit» kommen. Ich hoffe, sie werden sich mit Ihnen befreunden. Urteilen Sie stets nach dem ersten Eindruck?"
„Wirklich, auf diese Frage kann ich nicht so kurzweg antworten, Fräulein Graham."
„Ich tue es, und ich ändere mich nie. Es giebt Leute", direkt aus Fräulein Bassett hinübersehend — „die mir sofort Widerwillen und Mißtrauen einslößen, so ehrlich auch ihr Gebühren ist, und andere, denen man augenblicklich vertrauen muß." Ihr naives Lächeln und ihr sprechender Blick auf Richard verrieten diesem deutlich, zu welcher Kategorie sie ihn zähle.
„Fräulein Grahams Wagen!" meldete der Diener in diesem Augenblick, und Ellinor sprang auf, laut klagend, daß sie nun in diesem schrecklichen Kasten davon rumpeln müsse, während es doch fünfzigmal schöner gewesen wäre, zu Fuß zu gehen, oder hinüber zu rudern."
„Allein in beiden Fällen hätten Sie einer besonderen Schutztruppe bedurft", bemerkte Oberst Mellin lächelnd.
„Die ich sicher gesunden hätte", rief sie heiter. „Herr Pott hat ja fast den gleichen Weg mit uns, nicht wahr?"
Aber obgleich ihre mutwillig funkelnden Augen eilten Moment aus dem behäbigen Dorfmedikus ruhten, blitzten sie rasch wieder zu Richard Morgan hinüber, klar audeu-. teuf), wen sie zu ihrem Begleiter erkoren haben würde.
„Eine nette junge Dame, das läßt sich nicht leugnen", wandte sich der Oberst zu Frau Wilson, als der Wagen nach Westfields abgefahren war. „Wenn sie sich auch in ihre neue Stellung noch nicht recht zu finden weiß, nichts entschädigt doch sür den Mangel einer guten Erziehung, Sind Sie nicht auch dieser Ansicht, Herr Morgan?"
„Ich fürchte, nein", versetzte dieser so rasch, daß Oberst! Mellin mit einem kaum unterdrückten Lächeln abwandte, um genau dem gleichen Ausdrucke in Frau Wilsons Zügen zu Begegnen.
Beide ahnten nicht im entferntesten, daß Richards rasche Antwort durchaus nicht von einer plötzlichen Bewunderung der Erbin eingegeben war, sondern von dem Gedanken an das holde Wesen, das seine Jugend fern von England zugebracht hatte, aber an feinem, taktvollen Benehmen wohl der vornehmsten Dame dort nicht nachstand.
6. Kapitel.
Inzwischen machte Richard Morgan die niederdrückende! Entdeckung, daß sein Ausenthalt in England sich unerwartet in die Länge ziehen werde. Ehe die ersten vor- bereitenden Arbeiten in Westfields nur rocht im Gange waren, hatte der April sein Ende erreicht, und ehe Herr Barker sich von einem Gichtanfalle erholte und von der darauf folgenden Badereise zurückkehrte, war auch der Mai beinahe vorüber. So kam der Hochsommer heran und jeder der beiden Pläne, die Richard Morgan nach England gelockt hatten, schien noch meit von seiner Ausführung entfernt. .
Fräulein Graham selbhtz war in sehr wankelmütiger Stimmung, nahm aber Richards Dienste unaufhörlich in Anspruch. Bald drängte sie ihn, die Arbeiten möglichst zu. beschleunigen; dann wieder schien sie geneigt, die ganze Sache bis zum nächsten Frühjahr aufzuschieben. Auch Herr Barker hatte wegen der geplanten Teilhaberschaft noch; keine Entscheidung getroffen. Obgleich einige Unterredungen mit Richard ihn völlig überzeugten, in ihm den richtigen Mann gefunden zu haben, Bat er sich doch Bedenkzeit aus. Er glaubte es der Würde seiner Firma schuldig zu >ein,
] ।
1
i
i
1 i
s
1
(
i 5 l 1
s,
t
r ( c
<5 e n
€ s 3 V «
f I n
d f
6 ii
V b d e b n
b d t< b v
H


