— 704
auf die Aera der Reaktion und des Denunziantentums, mit seinen Retrospektiven, die der Zensur gelten, ihren Mißbräuchen und Launen und den Folgeerscheinungen, die sie ini öffentlichen Geiste zeitigte. Zwei Kapitel lesen sich mit besonderem Interesse, das „Katharina Fröhlichs betitelte und jenes, welches von der Begegnung Grillparzers mit Goethe handelt. '
Eeijermans jr., Hermann, Jntsrieurs. Nebersetzt von R. Ruben. Preis elegant drosch. 2 Mk. Verlag von Bruno Fetgenspan, Pößneck i. Th. Oktav IV. 320 Seiten. — Heijermans, der Dichter der „Hoffnung", erscheint in seinem neuen Werk „Jntsrieurs" wieder mit einer Reihe scharf und unbestechlich beobachteter Zügss aus dem Leben. Es ist in diesem Schriftsteller etwas von der charakteristischen Meisterschaft der alten holländischen Maler, wodurch sich auch das Nationale in seiner Kunst kennzeichnet: kleine, treffende Genrebildchen aus den innersten Winkeln des Bürgerhauses herausgegriffen und mit klarer ungeschminkter Realistik wiedergegeben. Ein feiner Psycholog, weiß er das Seelenleben von der einfachsten Regung bis zur wilden Leidenschaft anatomisch genau zu zergliedern und runde, prouonzierte Charaktere zu entwickeln. Keine komplizierte Komposition, lauter kleine Vorwürfe, — alles in Beobachtung und Charakteristik, Stimmung aufgelöst, — kleine Ausschnitte aus dem Leben. „Anneke" und „Ein Judenstreich?" sind die zartesten dieser Novellen: das innere Weh einer erblindeten blutjungen Frau, die in eifersüchtiger Sorge die frische Schönheit des Dienstmädchens heraustastet in dem einer:, das schwer errungene Eheglück eines jüdisch-christlichen Paares, zwischen das zuletzt doch entfremdend der beschworene Schatten des Konfessionsunterschiedes tritt, im andern. An seiner psychologischer Ziselierarbeit und kräftigem Humor ist die Skizze des jüdischen „Begräbnisses" reich, die tiefste Tragik eines jungen Mannes, dem eine unheilbare Krankheit nach scheinbarer Genesung das Glück einer tiefen, heißen Liebe vernichtet, ergreift in der „Heirat" das mitempfindende Herz. Von kunstreicher, feiner Zeichnung ist die kleine Novelle „Das Mädchen", wo die zärtlichen und zornigen Leidenschaften eines jungen Paares aus Rücksicht auf die Blamage vor dem Dienstmädchen „wrnter unter dem Eise sieden". „Bep, der törichte Junge" flieht aus Furcht, für seinen Bruder, einen Mediziner, ein interessanter Fall zu werden und stirbt aus dem Meere. — Aucb diesem neuesten Werke Heijermans ist die weiteste Verbreitung zu wünschen.
Leo nid a s H arp y i a. Eine Geschichte aus Venezuela, jung und alt erzählt von C. Falken horst. Mit sechs Vollbildern. In Letnivand gebunden mit farbigem Deckelbild. 3 Mk. Dresden, Verlag von Al ex an d er Kö h l er. — Vom Maultiertreiber zum Präsidenten — dieser Erfolg Castros, des jetzigen Präsidenten von Venezuela, hat es dem biederen Maultiertreiber Leonidas Harpyia angetan, er möchte das gleiche Ziel erreichen. Da ihm das Glück nicht hold ist wie jenem, so geht er — eine typische Erscheinung in dem an Revolutionen reichen Venezuela — als Revolutionär zu Grunde. Den Helden und sein Geschick, seine Landsleute und deren Sitten und Gebräuche, sein Vaterland und dessen geographische, physikalische, politische und sonstige Verhältnisse lernen wir kennen auf den Fahrten, die eilt deutscher Gelehrter im Auftrage eines deutschen Handelshauses in Caracas ins Innere des Landes unternimmt. Den Hintergrund der farbenreichen, fesselnden Erzählung bilden die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit: die Aktion der Deutschen und Engländer gegen Venezuela. Der aus der Ferne herüberschallende Kanonendonner der Blockade begleitet einen Teil der geschilderten Begebenheiten. Reiche Belehrung über eh: für Deutschlands Handel wichtiges Land und einen klaren Einblick in ein Stück miterlebter Weltgeschichte wird jeder Leser als Frucht der Lektüre des empfehlenswerten Buches davontragen. Diese neue Erzählung des beliebten Verfassers darf allgemeines Interesse beanspruchen, und wird jedem, der damit zum kommenden Feste beschenkt wird, große Freude bereiten.
— Lonke, Königin Luise. 20 Bogen Oktav mit vielen Abbildungen. Preis Mk. .—. Eine mit gründlicher Sachkenntnis , und Wärme geschriebene Darstellung des Lebens und Wirkens der unvergeßlichen Königin, unterstützt
Redaktion: Ananst Eötz.—
von einer Reihe zum großen Teil unveröffentlichter Dokumente. Das Buch wird sich binnen kurzem überall ein» bürgern. Namentlich auch illustrativ bringt es ungewöhnlich Schönes.
— Die Stellung der Bühnenkünstlerin zur Frauenbewegung behandelt in einem ebenso flott geschriebenen tote scharfen Aufsatz die berühmte Opernsängerin Materna in der neuesten Nummer des Magazins für Literatur. Frau Materna kommt zu dem etwas verblüffenden Schluß, daß die Bühnenkünstlerinnen, ob verheiratet oder nicht, ein unbedingtes Recht auf die Mutterschaft hätten. Ihre Kollegin von der Feder, Adele Schreiber, nimmt sich der Poesie der verlorenen Leute an und deckt mannigfache verborgene Schönheiten in Landstreichergedichten auf. Jacques Hegner gibt in derselben Nummer in einem aparten Aufsatz, betitelt „Einige Kapriolen, auf dem romantischen Pferd vorgeritten", Andeutungen über neuromantische Kunst und bringt einen sehr feinen Abschnitt aus dem altenn Romantiker Wackenroder oder „Allgemeinheit, Toleranz und Menschenliebe in der Kunst". Ter bekannte Wiener Stefan Zweig berichtet über das interessante Schicksal eines modernen französischen Romans, während Leppin eine Novellensamm- lung von Gustav Meyrink zum Vorwurf eines licbevoll-ein- dringenden Essays nimmt und Karl Friedrich Nowak biet Werke und das Wesen Challemel-Lacotirs, des französischen Schopenhauer, aufmerksam untersucht und ausführlich bespricht. Außerdem finden sich in dieser Nummer mehrere vorzügliche Novellen, Skizzen, Gedichte re. Wir können das Magazin für Literatur allen untereren Lesern, die für moderne Kunst etwas übrig haben, wärmstens empfehlen und raten den Interessenten, sich eine Probenummer kommen zu lassen, die von der Geschäftsstelle des Magazins für Literatur in Leipzig-Reudnitz gratis und ftanko versandt wird.
Kleine praktische Wütschläge.
C h r y s a n t h e m u m - K o m p o t t. In Newyork ist es Mode geworden, in den chinesischen Restaurants zu dinieren. Man findet dort nicht nur die traditionellen Schwalbennester, sondern auch andere Leckerbissen und köstliche Gerichte. Besonders der Nachtisch wird sehr gepflegt. Die Chinesen begnügen sich als Leute von Geschmack nicht damit, wie gewöhnliche Sterbliche die Früchte der Jahreszeit zu essen; sie machen auch die Blumen selbst zurecht, und die Rezepte von Desserts aus Chrysantemum, Veilchen und Roseublättern sind bereits von den chinesischen Restaurants zu den „Five o'clocks" übergegangen. Für einen weiblichen Gaumen gibt es in der Tat nichts Besseres und Köstlicheres als Chrysanthemum-Kompott, für das der „Gaulois" folgendes Rezept mitteilt: Man Nimmt ein frisches Chrysanthemum, wäscht es sorgfältig, löst die Blumenblätter und taucht sie in ein Gemisch von geschlagenen Eiern und Mehl; dann zieht man sie zurück und taucht sie schnell in heißes Oel, breitet sie eine halbe Minute lang auf Papier, das das Fett anssaugt, bestreut sie mit Zucker und serviert sie daun.
Bilderrätsel.
Nachdruck verboten.
Q-g.fc i
(Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.t LEIM ELSA i S A R MARK
Rotationsdruck und st crlan der R rstbl'schcn Universitäts-Nuck« und Cteindruckerei. R. Lanae. Eiesten.


