Ausgabe 
25.11.1903
 
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wissen, arm, meines Vaters Familie ist groß, sein Ein­kommen nur mäßig,. Alice kann sich glücklich schätzen, sie wird auch sicher einwilligen. Sir Harry Dates wird allgemein sehr gesucht und von den Damen verwöhnt, ihm schadet Sie kleine Ungewißheit nicht. Sie haben ihn Wohl gesehen, als er Mr Jagd hier war?"

Jawohl, ich sah ihn einmal. Mer wenn Miß Alice ihn"

Ihn ausschlägt? O nein, das tut sie nicht! sie tändelt ein wenig. Bleiben Sie hier. Miß Gratton, im Frühjahr sollen Sie dann der Hochzeit Meiner Schwester beiwohnen. Nun, ist das kein Lockmittel?"

Ein geisterhaftes Lächeln überzog des jungen Mädchens Antlitz. Vor ihrem inneren Auge entstand die ganze Szene: die blonde, liebliche Braut, der glückliche Bräuti­gam, die frohen Hochzeitsgäste, alle heiter und glückstrah­lend. O, lieber bis an das Ende der Welt fliehen, als das mit ansehen!

Sie sind sehr gütig, und ich danke Ihnen vielmals", entgegnete sie.Aber ich bin wirklich leidend, die Luft hier ist mir zu scharst"

Aergerlich sagte Mrs. Thornton:Wer wo wollen Sie hin? Sie haben keine Freunde, wie ich gehört habe, ich sagte Ihnen schon, wir werden nach London gehen, dann haben Sie Luftveränderung. Worüber haben Sie hier zu klagen?"

Heber nichts, aber"

Sind die Kinder ungehorsam? Ist die Dienerschaft unaufmerksam? Finden Sie es eintönig hier? Wenn das ist, so wissen Sie, daß es Ihre eigene Schuld ist, da Sie nie des Abends zu uns herunterkommen wollen."

Es ist nichts von alledem", war die leise Antwort.

Was ist es denn?" fragte Mrs. Thornton scharf mit ärgerlichem Blick auf das blasse, bebende Mädchen.Haben Sie geheime Gründe, welche Sie wünschen lassen, Ihre einzige Heimat zu verlassen?"

Ich bin krank! O, können Sie denn nicht sehen, wie elend ich bin?" rief Jane klagend, ihre schlanken, abgezehrten Hände bittend emporstreckend.

Ich werde Doktor Fullerton rufen lassen; er kommt gleich, er wird froh sein, einen Grund zum Kommen zu haben."

Ich brauche keinen Arzt, er kann mir nicht helfen."

O, dann sind Sie nicht krank! Sie sind ein sonder­bares Mädchen, wissen nicht, was Sie wollen. Sie sind nervös und sollen stärkende Medizin in Portwein er­halten, das wird Sie wieder herstellen! Nun aber gehen Sie, ich bin sehr beschäftigt."

Fortsetzung folgt.

K'me besorgte Aokarkuy *)

Es war eine herrliche Schneeschuhbahn, und als ich im Norden der Wasserscheide war, ging es schnell wie der Wind vorwärts.

Tie Ebene verschmälerte sich nach Norden, und zahl­reiche Bäche und kleine Flußläufe hatten den Weg zu ihr gefunden. Sie hatten Steine und Schutt mitgeschwemmt, woraus sich kleine, wellenförmige, lange Rücken aufge­türmt hatten. Aus all diesen Wässerchen mußte schließ­lich ein großer Fluß werden; aber bei dem Schnee, der die Ebene bedeckte, konnte ich nicht klug daraus werden, wo das Hauptbett eigentlich !var.

Im Norden wurde die Ebene von dunkeln, steilen Berg­wänden begrenzt. Zwischen ihnen mußte der Fluß wohl fernen Abfluß haben, und es sollte mich wundern, wenn ich dort nicht einen. ausgeprägten Canon finden würde. Als sch mrch dem nördlichsten Teile der Ebene näherte, er- bnckte rch auf der Westseite unter einigen Hügeln eine Herde Polarochsen.

Mein Weg lag so, daß ich an der Herde in einer Ent- fernung von etwa 150 Schritten vorüber mußte. Ich ging gerade über die Ebene ohne alle Deckung und erwartete jeden Augenblick, daß die Tiere mich gewahren würden. Doch nein, sie dachten an Frieden und nicht an Gefahr und

*) Aus: Sverdrup, Neues Land. 2 reich illu­strierte Bände, geb. 20 Mk. Verlag von F. A. Brvckhaus, Leipzig.

wurden erst auf mich aufmerksam, als ich nur noch ein paar hundert Schritte von ihnen entfernt war.

Tann sprangen sie auf, zwölf an der Zahl, und glotz­ten mich eine Weile an; auf einmal aber rannten sie davon und bildeten auf dem höchsten Hügel in der Nähe Karree.

Es war kein einziger Ochse in der ganzen Herde, nur Kühe.

Während sie liefen, bemerkte ich, daß eine von ihnen ein neugeborenes Kalb hatte.

Tie Herde eilte eine steile, 810 Fuß hohe Schnee­wehe hinauf, und das Kalb lies mutig mit. Als es aber beinahe den Rand der Wehe erreicht hatte, rollte es in Absätzen wieder hinunter; es schlug so greulich und un­behilflich auf den Boden auf, daß ich glaubte, es müsse sich zu Tode gefallen haben. Doch es stand wieder auf und trat den Weg von neuem an. Auch das zweite Mal ging es ihm nicht besser; es überschlug sich wieder und roftte hinab. Da hätte man hören sollen, wie es zu schreien begann, genau wie ein kleines Kind, wenn es nicht seinen Willen bekommt. Es schrie so jämmerlich, daß es mir geradezu weh tat, und ich war schon im Begriff, hinzueilen und ihm beim Erklimmen der verhängnisvollen Höhe zu helfen. Es stiegen mir aber allerlei Bedenken auf. Wenn die Alte zurückkäme, was dann? Ich konnte mich auf einen Kamps mit ihr gefaßt machen, und es hätte mir doch zu leid getan, wenn ich sie vielleicht hätte er­schießen müssen, um mein Leben zu retten. So blieb ich denn stehen, wo ich stand, und wartete den Lauf der Tinge ab.

Endlich hörte die Mutter das Geschrei und kam den Hügel heruntergesaust, daß der Schnee wie eine Staub­wolke aufwirbelte, und Gott gnade dem, der sich mit ihrem Kalbe beschäftigt hätte! Es wäre ein heißer Tag ge­worden, wie die Hexe sagte, als sie verbrannt werden sollte.

Es war komisch und rührend zugleich anzusehen. Tie Mutter liebkoste das Kalb, wie um es zu trösten, be­schnüffelte es überall, um zu sehen, ob es auch unver­letzt sei, schob es ein wenig hin und her und stieg dann ganz langsam die Schneewehe hinan, aber nicht auf dem­selben Wege, den das Kalb eingeschlagen hatte; dieses war da gegangen, wo die anderen voraufgeeilt waren. Nein, sie wählte vorsichtigerweise einen bequemeren, weniger steilen Weg.

Als sie es über die Wehe hinweggeführt hatte, lief sie ein paar Schritte voraus. Die Geschwindigkeit war nicht groß, aber das Kalb konnte trotzdem nicht mitkommen. So kehrte sie denn um, lief hinter das Kleine und stieß es mit der Nase vor das Hinterteil, damit es seinen Lauf ein wenig beschleunigte. Dann lief sie wieder einige Meter voraus. Wer das Aermste konnte noch nicht mitkommen. Nun eilte sie wieder zurück, um das Kalb von neuem zu puffen.

So trieb sie es den ganzen Weg aufwärts, bis sie das Karree erreicht hatten. Dort nahm sie ihren Platz ein; das Kalb kroch unter ihren Bauch und versteckte sich in ihrem Behänge; es war unmöglich, das Tier zu sehen.

Mihnachts-Litteraiur.

Grill parzerssämtlicheWerke. Vollständige Ausgabe in 16 Bänden. Herausgegeben und mit Einlect- ungen und Anmerkungen versehen von Dr. Moritz Recker. Mit 7 Bildnissen, einem Briefe und einem Gedichte als Handschriftenproben, sowie mehreren Registern. In vier Leinenbünden Mk. 6.. Diese Ausgabe ist vollständiger, als alle anderen Ausgaben, indem zum erstenmale Grill­parzers Tagebuchblätter, iuteressante Aufzeichnungen in­timster Natur, in seine Werke ausgenommen wnrden; außer­dem sind ihr eine mit guten Bildnissen geschmückte Dar­stellung von Grillparzers Leben und Schaffen, sowie Ein­leitungen des Herausgebers zu den einzelnen Werken bei­gegeben, die in das Verständnis der Dichtungen, ivsbeso- dere der Dramen einführen. Erstaunlich ist die Billigkeit dieser Ausgabe. Dabei ist sie so reinlich gebunden und so deutlich gedruckt, daß sie unbedenklich in jede Hausbiblio­thek gestellt werden kann. Die wertvollste Beigabe ist eine ganz ausgezeichnet geschriebene Biographie, kulturhistorisch und literarhistorisch gut fundiert, mit geistvollen Rückblicken