Ausgabe 
25.11.1903
 
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lichem Lachen:Sehen die beiden nicht aus wie Nacht und Morgen, Sir?"

Sie sehen wie eine reine Weiße Lilie aus, wie ein schönes, ideales Bild", sagte er zu Alice, in deren Wangen bei diesen Worten hohe Röte stieg.

Er reichte ihr den Arm, um sie hinunter zu führen/ die Kinder sprangen fröhlia) vor ihnen her und Jane sah ihnen nach, bis der hohe, stattliche Mann und das schlanke, blonde Mädchen auf der Treppe verschwanden.

Eine lange Zeit war verstrichen, und noch hatte Jane sich nicht von der Stelle bewegt; noch immer umfaßte sie krampfhaft die Portiere, um sich an derselben aufrecht zu halten; ihr Kopf war zurückgesunken. Gegen den tief- roten Toti des Sammets sah ihr Gesicht aus wie von Alabaster in seiner schrecklichen Mässe und Starrheit, mit den halbgeschlossenen Augen und den fahlen Lippen. Ein heftiger Joost schüttelte ihre Glieder, ihre Sinne schienen zu schwinden, das strahlende Lampenlicht erschien ihr trübe und matt, ihr Atem ging langsam und schwer. Sie hörte nicht, daß eilige Schritte die Treppe herauf und die Galerie entlang ins Zimmer kamen, und als Sir Harry in erregtem Don zu ihr redete, erklang ihr seine Stimme tote aus weiter Ferne.

Sie sind krank, Sie sehen sehr leidend äus. Kann ich nichts für Sie tun? soll ich nicht Hilfe holen?" fragte der junge Mann dickt an ihrem Ohr.

Matt erhob sie die schweren Augenlider, sah ihn mit trübem Blick, ohne ihn zu erkennen, an und flüsterte kaum hörber:Tanke, ich bin nicht krank ich brauche nichts."

Mit mitleidsvollem Ton entgegnete er:Es tut mir furchtbar leid; hätte ich ahnen können, daß wir uns hier treffen würden, ich wäre sicher nicht hier."

Jetzt kam ihr die Besinnung zurück; Jane erkannte, wer mit ihr sprach, und mit einer Anstrengung, die schmerzlich mit anzusehen war, erhob sie den müden Kopf und versuchte etwas Stolz in ihre Antwort zu legen. Es gelang ihr schlecht, sie konnte nur in demselben leis /, bebenden Ton sagen:Unsere Begegnung heute abeno ist Zufall, es soll und wird nicht wieder Vorkommen, meine Anwesenheit hier kann Sie nicht stören."

Wie ist ein Ausweichen möglich, wenn ich hier bleibe? Wir sind Gäste in demselben Hause!"

Ich bin kein Gast hier; ich bin die Gouvernante!"

Er zuckte heftig zusammen, und dunkle Röte überflog sein Antlitz:Die Gouvernante! dann waren Sie heute auch auf" er stockte, als ob ihm etwas die Kehle zuschnürte.

Auf dem Teunisfest? ja, ich war dort, ganz in Ihrer Nähe, aber Sie sahen mich nicht."

Sie sind so verändert, so entsetzlich verändert."

So, bin ich das? Nun ja, ein Jahr verändert viel, besonders"

Sie brach kurz ab, sein Mitleid wollte sie nicht erregen.

Cie haben sich nicht verändert", fügte sie matt lächelnd hinzu.

Ter junge Mann war erschüttert, er hätte sein Gesicht verbergen mögen, nur um nicht das blasse, leidende Mäd­chen ansehen zu müssen.

So, habe ich mich niast verändert?" sagte er. Dann nach einer kurzen Pause fuhr er fort, und seine Stimme wurde hart und heiser:Die Welt muß doch sehr klein sein. Sie waren die letzte Person, die ich hier zu treffen glaubte. Ich habe nie Ihren Namen von Miß Durham gehört. Natürlich nicht, da Sie verheiratet sind ick weiß den Namen nicht"

Ich bin nicht verheiratet!"

Aber Sie sind in Trauer; ich hoffe, nicht um Ihren Bräutigam?"

Nein, um meinen. Bruder". Ihre Stimme war all­mählich sicherer geworden, vor diesem Mann, tvelcher einst vorgegeben hatte, sie zu lieben, durfte sie keine Schwäche zeigen, mußte sie standhaft bleiben.

Ihr Bruder! v, das wußte ich nicht ich habe nie davon gehört das tut mir unendlich leid, es muß ein schrecklicher Verlust für Sie gewesen sein", sagte er ernst mit weichem Don.

Jane erwiderte nichts, von dem Tode ihres Bruders konnte sie noch immer nicht ruhig sprechen.

Aber Sie sehen so leide,id aus, find Sie krank ge­wesen?" fragte Sir Harry weiter.

Nein, ich bin ganz munter/'

Doch nicht, wie mir scheint", enrgrgnete er, seine Augen auf ihrem Gefickt ruhen lassend, auf diesem schönen Gesicht, welches so viel von seiner früheren Frische und Anmut verloren hatte, auf ihrer Figur, welche viel schlanker und behender geworden, und auf den schmalen, kleinen Händen, welche kraftlos an ihrer Seite herabhingen.

Ich bin müde heute abend", sagte sie lässig;es war ein langer Tag. Doch da erschallt die Glocke, welche zur Tafel ruft. Sie werden zu spät kommen."

Und Sie?" fragte er eifrig.

Ich? ich bin die Erzieherin hier, ich speise nicht mit der Familie."

Eine plötzliche Röte überflog sein Antlitz, und ein' zorniger Blick zuckte in seinen Augen.

Tas ist ganz selbstverständlich", fügte Jane, diesen Mick gewahrend, hinzu;ich werde sehr gut und höflich behandelt."

Werden Sie das?" fragte er beinahe rauh.

Leicht den Kopf neigend, wandte sich Jane, um an ihm vorüber zu gehen. Man hörte die Stimmen der Kinder in der Halle; einen Moment zögerte Sir Harry,- dann ging er ohne ein Wort eilig die Treppe hinab.

Wenige Minuten darauf rannten die Kinder fröhlich die Galerie entlang nach dem Schulzimmer und fanden dort ihre Gouvernante ohnmächtig am Boden liegend, das weiße Gesicht halb von dem aufgelösten Haar bedeckt.

10. Kapitel.

Cie wollen uns verlassen, Miß Gratton? Das ist ja ein rascher, recht unerwarteter Entschluß", sprach Mrs. Thornton erstaunt mit verdrießlich zusammengezogenen Angenbrauen.

Tie kleine, blasse Gouvernante stand itt der Nähe der Tür und murmelte etwas von sich krank fühlen, die LUft von Thornton-Hall wäre nicht zuträglich für sie.

Torheit!" rief Mrs. Thornton gereizt.Sie sind nun beinahe zwölf Monate hier, und ich hörte noch nie eine Klage von Ihnen."

Jane hatte in der Tat keine Ursache zu klagen; die Besuche der Dame im Schulzimmer waren in der letzten Zeit immer seltener und flüchtiger geworden, so daß Jane sie um diese Unterredung hatte ersuchen lassen.

Sie waren allein im Boudoir der Dame; das Feuer brannte lustig im Kamin, schöne Treibhauspflanzen stan­den auf Tischen und Konsolen, ihren süßen Wohlgeruch mit der tvarmeu Luft vermischend. Draußen war scharfer Frost, der Schnee lag fest und hart gefroren auf Wegen und Stegen, und die stark bereiften Bäume schimmerten in der kalten Dezembersonne märchenhaft schön_ wie von Krystall. Weihnachten mit all seiner Freude, seiner ju­belnden Lust stand vor der Tür.

Die kalte Witterung ist Ihnen nicht zuträglich; Sie haben gewiß nicht Bewegnng genug; es ist auch nuge- wöhulich kalt in diesem Jahre", fuhr Mrs. Thornton ruhig fort.Sie sehen wirklich nicht Wohl aus, und eine Luftveränderung wird Ihnen gut tun. Nun, nach Weih-^ nachten gehen wir alle nach London.

Schüchtern, aber ernst und bestimmt wiederholte Jane ihren Wunsch, so bald wie möglich ihre Stelle zu ver­lassen. ...

Aber ich kann Sie jetzt nicht entbehren, es ist ganz unmöglich für mich, jetzt eine Gouvernante M suchen. Morgen und Übermorgen wird das Haus von Gasten an- gefüllt sein, danach bin ich engagiert, und dann ist meiner Schwester Brautschatz zu besorgen, das ist em mühseliges Geschäft; wie kann ich mich also nach einem Ersatz für Sie utntuti!"

Miß Durhams Ausstattung? Ich wußte nichts davon", stotterte Jane errötend und gleich daraus tief erbleichend

Ah, wußten Sie nicht, daß sie so gut wie verlobt ist? Ich sagte den« Kindern bis jetzt nichts davon, die kleinen Plaudertaschen hätten zu viel darüber geschwatzt. Meme Schwester kann noch immer zu keinem festen Entschluß kommen", fuhr Mrs. Thornton gedankenvoll fort, wahrend Jane ihr stumm gegenüberstand, ihre zitternde Hand aus eine Stuhllehne stützend und Mut zu einer Entgegnug sammelnd. , ,

Sir Harry ist meiner Schwester sehr ergeben und eine in jeder Beziehung- wünschenswerte Partie. Er ist sehr reich und vornehm; meine Schwester ist, tote Sie