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ihrem Schiffer im Stich gelassen worden. Man wies sie mit ihrem Begehren an Meurice, der jetzt herbeieilte, um Hamors Zustimmung einzuholen.
Hamor bezeugte herzliche Freude über diesen Zuwachs zu ihrer Gesellschaft und übernahm es aufs liebenswürdigste, die Honneurs des alten Fischerbootes zu machen. „Nur", meinte er lachend, „dürfen wir jetzt den Patron nicht mehr fortlassen, er bringt sonst jedesmal neue Leute mit. Wir sind vollzählig und können in See stechen. Mein Platz ist am Steuer, wenn's Euch recht ist, Meurice!"
Der Wind blähte die Segel auf, der Anker wurde gelichtet und pfeilschnell schoß das kleine Boot dahin, sich kühn einen Weg durch die lange Mastenreihe bahnend; bald war man am Quai hiuunter, am Leuchtturm vorüber, in der offenen Bucht angelangt, und lustig glitt das muntere Fahrzeug über die weißen Wogenkämme. Die Gesichter der jungen Leute strahlten vor innerer Befriedigung. Es erging ihnen wie jedem Liebhaber von Wasserfahrten: sobald die Segel vom Winde geschwellt werden, fühlt sich das Gemüt erleichtert und Sorgen und Kümmernisse versinken in dem ungeheuren Wogengrab.
Tie Matrosen scherzten und lachten mit den jungen Mädchen, der Schiffsjunge verschlang verstohlen in seinen freien Momenten ein Stück des mitgenommenen Backwerks nach dem anderen. Tie Fremden lagerten sich so bequem als möglich auf den umherliegenden Tauen und Netzen und plauderten oder schwiegen still, wie es der Augenblick gab. Hamor machte sich daran, erst den gefräßigen Schiffsjungen und dann die kleine Helene in sein Skizzenbuch aufzunehmen. Helene Ivar ein sehr gesuchtes kleines Modell, der Liebling aller Maler in Plouvener Ihr rundes Gesichtchen unter dem weißen Kopfputz, ihre hellblauen, unschuldigen Kinderaugen und ihr süßer kleiner Mund waren den Pariser Bilderhändlern gar wohl bekannt. Tie kleine Helene verstand ihre Sache gut; auch jetzt erhob sie aus Hamors ermunternden Blick sofort ihr Köpfchen und nahm die Stellung an, die er ihr pantomimisch bezeichnete. Sie hatte Monsieur Hamor sehr gern, wie alle Kinder im Torfe; auch die älteren Mädchen schauten mit neugieriger Teilnahme auf sein Tun und Treiben; er schien sie im höchsten Maße zu interessieren, wie ihr eifriges Flüstern bezeugte und die verstohlenen Blicke, die sie miteinander wechselten. Schließlich mußte er selbst bemerken, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit sei; fragend schaute er auf.
(Fortsetzung folgt.)
Erne Heilanstalt zur Zeit Ludwigs des Frommen.
Unter diesem Titel veröffentlicht E. v. Sommerfeld in der Monatsschrift „Nord und Süd" einen Aufsatz über die Zustände in einer Kuranstalt vor mehr als 1000 Jahren, dem wir folgende interessante Einzelheiten entnehmen: Eine Schrift Einhards — die Ueberführung der Gebeine der heiligen Petrus und Marcellinus — gießt ebenso umfassende wie unterhaltende Aufschlüsse über die Zustände einer solchen Wallfahrts- und Heilstätte zurzeit Ludwigs des Frommen. Der durch seine sagenhafte Liebe zu Karls des Großen angeblicher Tochter Jmma zu den berühmten Liebespaaren zählende Verfafser war in Wahrheit der vertraute Freund und Bautenminister Karls des Großen und der uneigennützige Ratgeber seines Sohnes und Nachfolgers, eine der edelsten Erscheinungen seiner Zeit. Aus der Höhe der Wissenschaft stehend, verband er staatsmännischen Blick und Kunstverständnis mit einer geradezu kindlichen Frömmigkeit und einem warmen Herzen für die Not seiner Mitmenschen. Auf dem ihm von Ludwig dem Frommen in dem lieblichen Mümlingtale geschenkten Ruhesitze zu Michelstadt im Odenwalde hatte er 827 eine kleine, einfache, aber künstlerisch gediegene Kirche vollendet. Jedoch weder Michelstadt noch die dortige Kirche war der Ort der Wahl der Heiligen. Wie sich später herausstellte, befaßten sich die beiden Männer mit Krankenheilungen. Nun lag Mrchelstadt für die Zwecke einer Heilanstalt sehr un- gunstrg mitten in dem unwirtschaftlichen Waldgebirge des Odenwaldes. Nur von Norden her führte das Flußtal auf- warts eine leidlich bequeme Straße. Gerade von der am dichtesten bevölkerten Rheinebene führte der Weg bergauf und bergab über das ganze ungangbare Gebirge. Auf eine ausgebreitete Praxis war also hier nicht zu rechnen. Durch
Wunder und Traumgesichter verlangten daher die beiden Heiligen ihre alsbaldige Ueberführung nach dem anderen von Kaiser Ludwig an Einhard geschenkten Gute Ober- Mulinheim, heute Seligen st adt, am Main. Dieses lag mitten in der überall zugänglichen Flußebene und bot außerdem die für Kranke besonders wohltuende Wasserverbindung ans Rhein und Main dar. Schweren Herzens trennte sich Einhard von dem ihm ans Herz gewachsenen Michelstadt. Aber das Gebot seiner Heiligen stand ihm höher. Die Darstellung des Kurlebens zu Ober-Mulinheim kann sich nun völlig den gebräuchlichen Kapiteln in den Prospekten der heutigen Heilanstalten anschließen: Reisegelegenheit, zur Heilung gelangende Krankheiten, Heilmittel, Unterkunft, Honorar, Vergnügungen usw. Den Kranken standen freilich nicht die bequemen Polster in den durchgehenden Schnellzugswagen zur Verfügung. Wohl dem, der die sanft dahingleitenden Bewegungen eines Rheinoder Mainschiffes stromauf benutzen konnte. Die Landstraßen befanden sich dagegen in einer üblen Verfassung. Anhaltendes Regenwetter riß tiefe Löcher und ließ umfangreiche Pfützen zurück, lieber die Wasserläufe führten nur in der Nähe großer Städte Brücken. Tagelang waren die Wege überhaupt unbrauchbar. Zwar gab es vier- und zweirädrige Wagen, aber keine Feder minderte die Stöße der holprigen Wagenspur. Zudem dienten die Wagen ausschließlich dem Frachtverkehr, die Reisenden benutzten Reitpferde, Esel oder Maultiere. Auch auf sie hockte°sich wohl oder übel die Mehrzahl der Kranken. Die Mittellosen kamen, allenfalls auf eine barmherzige Schwester gestützt, zu Fuß, die Mutterliebe trug sogar ihre kranke Tochter auf dem Rücken herbei. Nur für ganz kurze Strecken hals die Wohltat der Tragbahre aus. Und trotz aller dieser Beschwerden schleppte die Liebe der Angehörigen die Kranken von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort, in der Hoffnung, doch endlich vor die richtige Schmiede zu kommen. Auch wurden die weitesten Reisen unternommen. Nach Seligenstadt kamen Kranke aus Köln und Lüttich, aus der Gegend nördlich von Reims, aus dem Aargau in der Schweiz und schließlich sogar aus dem südwestlichen Zipfel von Frankreich und aus England. liebel vor allen Dingen stand es aus der Reise mit dem Nachtquartier. Herbergen lagen nur an der großen Heerstraße, zum Teil indes nur für die Beamten des Staates und der Kirche bestimnit. Gegen Geld und gute Worte tat sich wohl manche private Tür ans, aber wie viel Reisende jener Zeit besaßen einen gut ge- füllten Beutel? Zwar betonte die Kirche die guten Werke und obenan die Wohltätigkeit und Barmherzigkeit. Aber auf allen Landstraßen bewegte sich eine wahre. Landplage von Boten, Bettlern- und Pilgern, darunter eine beträchtliche Anzahl der dunkelsten Ehrenmänner. Neble Erfahrungen mußten die Anwohner mißtrauisch und hartherzig machen. Nur eine gute, im grellen Gegensatz gegen das spätere Mittelalter stehende Erscheinung überrascht: Totschlag, Körperverletzung und Raub kannte dank der Nachwirkung von Karls des Großen straffem Regiment die Landstraße nicht. Wie die Mehrzahl der heutigen Kurhäuser, war Seligenstadt eine Nervenheilanstalt. In weiser Beschränkung hatten sich die beiden Heiligen sogar nur zwei Einzelheiten aus dem Gebiete der kranken Nerven ausgesucht, einmal die Sinnesstörungen der Blindheit, Taubheit und Taubstummheit und sodann Lähmungen, Verkrümmungen und krampfartige Zustände. Im Besitz des gesamten medizinischen Heilschatzes nahmen sie jedoch wie die heutigen Spezialisten gelegentlich auch andere Patienten in Behandlung. So kamen Fälle von Geisteskrankheit, Besessenheit, Fieber, Herzschwäche, allgemeinem Kräfteverfall und einem Zahngeschwür mit geschwollener Backe zur Heilung. Höchst drollig ist die Kr a n kh e i t s g e s ch i cht e einer Bäuerin aus Ursel bei Frankfurt a. M. Das Landvolk hatte die Gewohnheit, früh morgens sich im Bette zu recken und zu strecken, auch die Kinnbackenmuskeln durch Aufreißen und Schließen des Mundes geschmeidig zu machen. Tubei hatte die arme Frau des Guten zu viel getan, der Mund war ihr m«t^>errenktem Kinnbacken stehen geblieben. Vergeblich versuchten die Gevatterinnen und weisen F-rauen ihre Hausmittelchen und Sympathien-Sprüchlein, einzelne machten durch ungeschickte Handgriffe und Massage das Uebel noch schlimmer. — Die Mehrzahl der Kuren glückte, selbst, solche, bei denen die Mast anderer Heiliger bereits versagt hatte. Ebensowenig blieb den Heiligen aber die trübe Erfahrung wirkungsloser Behandlung erspart, sobald


